Sagen und Bräuche um die „Zwölf Heiligen Nächte”

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Den geheimnisvollen „Zwölf Heiligen Nächten”, den Geisternächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, kam schon im Volksglauben der Germanen eine besondere Bedeutung zu. Die Tage nach der Wintersonnenwende wurden später die Zeit der Sagen. Beim Schein der Öllampen oder des Kienspans traf man sich in den Spinnstuben. Die Frauen und Mädchen arbeiteten am Spinnrad, die Männer und Burschen sorgten mit Sagen und Geistergeschichten für Unterhaltung. Altes Sagengut, das in grauer Vorzeit seinen Ursprung hatte, wurde so durch mündliche Überlieferung von Generation zu Generation weitergegeben. Karl Zinkgräf, Heimatforscher und ständiger Mitarbeiter von „Windeck” und „Rodensteiner”, der heimatkundlichen Beilagen der beiden Weinheimer Tageszeitungen, hat sich um die Bewahrung von Weinheimer Sagen sehr verdient gemacht und sie in einer Sagensammlung für dden damaligen Bezirkslehrerverein zusammengefasst.
Nach altem Glauben, so ist überliefert, zieht in den Nächten vor Weihnachten das wilde Heer der Geister über unsere Stadt. Aus der längst verfallenen Burgkapelle der Windeck ertönen Adventsgesänge und der Burgkaplan geht mit einem großen Gebetsbuch im Burghof umher und murmelt Gebete.
Zur gleichen Zeit, zwischen 23 und 24 Uhr, erscheint im Gewann Appengrund bei Nächstenbach ein Pfaffe in langer schwarzer Kutte und legt ein schweres, dickes Gebetsbuch auf einen der vielen Findlinge, schlägt es umständlich auf betet. Angeblich sind einige der Gebete, die mit Gesang abwechselten, erhört worden. Pünktlich um Mitternacht verschwindet die Erscheinung.
Auch im Betental sollen in der Adventszeit nachts Geister erscheinen: „Kirchenlieder singend”, hat Zinkgräf aufgeschrieben, „bewegen sich dort etwa zehn schwarze Gestalten den Berg hinauf. Vier von ihnen sollen eine hellglänzende Truhe auf den Schultern tragen. Beim geringsten Geräusch aber verschwindet dieser geheimnisvolle Zug. An der gleichen Stelle, an der nach dem Volksglauben früher eine Kapelle stand, geht in den Adventsnächten eine schwarze Gestalt umher, verschwindet aber sofort beim Nahen eines Menschen.
„… und du bist mein!”
Die meisten Geschichten in Zinkgräfs Sammlung berichtet von harmlosen Geistern, die in den geheimnisvollen Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig zur Erde kommen. Unheimlicher ist da schon die Geschichte vom Laufbrunnen, die 1835 im im „Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit” veröffentlicht wurde: „Zu Weinheim an der Bergstraße stritten einmal zwei Bürger darüber, ob aus dem Brunnen“ – schräg gegenüber dem heutigen „Ratskeller” – „in der Christnacht Wein fließt. Um das zu erfahren, stellte der eine in der Christnacht seinen Knecht an den Röhrenbrunnen seinem Haus gegenüber, während er und andere Bürger am Fenster beobachteten, was geschah. Einige Male probierte der Knecht den Ausfluss am Brunnen, aber er schmeckte stets nur Wasser. Als es zwölf schlug, trank er wieder und rief ‚Ach, jetzt läuft Wein!‘ ‚Und du bist mein!‘, sprach daraufhin eine schwarze Gestalt, die plötzlich hinter dem Knecht stand, ihn ergriff und immer mit ihm verschwand. So hatte ein unterirdischer Unhold einen unvorsichtigen Menschen, der in seiner Nähe gesprochen hatte, in der Weihnachtszeit zu sich hinabgenommen. Schweigen ist geboten, wenn Geister erscheinen. Das haben auch die Brüder Grimm in ihren „Deutschen Sagen” immer wieder betont.
Der Schimmelreiter
In der Advents- und Neujahrszeit zeigten sich auch Schimmelreiter, in der deutschen Sagenwelt geisterhafte Wesen mit den Zügen des „Wilden Jägers”, in dem viele Odin sehen oder den Rodensteiner. Auch in Weinheim geht, so wird berichtet, zeitweilig der Geist eines Simmelreiters um: der Geist des Herrn von Bohn. Sein Hof, ursprünglich wohl eines der Swende-Hofgüter, lag am Grundelbach und ging nach dem Aussterben der von Bohns nacheinander an den Freiherrn von Ulner, den Freiherrn von Venningen, die Gräfin Waldner von Freundstein und 1859 an die Stadt Weinheim, die auf dem Gelände (heute Schlossberg-Bebauung) das Städtische Krankenhaus errichtete und 1861 einweihte. „Der Herr von Bohn”, berichtet Karl Zinkgröf, „reitet in der Johannisnacht manchmal von seinem Birkenauer Schloss durch Weschnitz und Grundelbach zu seinem Hof und kündet einen guten Herbst an”. Damit gehört diese Sage zwar nicht zu den Weinheimer Weihnachtssagen, aber die Vorstellung eines Schimmelreiters ist andernorts seit Urzeiten mit der Zeit der „Heiligen Nächte“ verbunden.
Der Müllemer Esel
In alter Zeit, berichtet die Sagensammlung, ging in den Adventsnächten im Müll ein Gespenst um, das meist in Gestalt eines schwarzen Esels mit feurigen Augen sein Unwesen trieb. Nur selten zeigte es sich in anderer Gestalt, etwa als Katze oder Hund. Gewöhnlich ging der Esel vom Koutscherbrunnen bis ans Müllheimer Tor und von dort wieder zurück bis zum Gassenweg, wo es verschwand. Zuweilen nahm das Gespenst seinen Weg auch durch „die” Bach. Die Furcht vor ihm war groß. Jeder vermied es, ihm zu begegnen und nur im Notfall wagten sich Frauen und Kinder in den dunklen Nächten auf die Straße.
Als ein Gerber eines Abends verspätet von der Arbeit im Müll nach Hause in der Stadt ging, begegnete ihm der Esel. Der Mann wollte schnell an ihm vorbei, aber der Esel kam auf ihn zu, legte seine Vorderbeine auf die Schultern des Gerbers und ließ sich von ihm bis ans Müllheimer Tor schleppen, wo der Esel plötzlich von dem Gerber abließ und verschwand. Schweißtriefend kam der Mann zu Hause an und gelobte, nachts nie mehr durchs Müll zu gehen.
Die „grouß Büsch“
In den zwölf heiligen Nächten versuchten unsere Vorfahren auch, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, wie wir das heute noch beim Bleigießen an Silvester tun. Die heiratsfähigen Mädchen gingen am frühen Weihnachtsabend ins Gorxheimer Tal zur „groußen Büsch”, einer gewaltigen Buhe, die wohl auf dem heutigen Spielplatz am Bannholz stand. Unter ihm saß ein graues Männlein, das den Mädchen ihren Zukünftigen verhieß und ihnen die Zeit der Hochzeit verkündete. Die Mädchen mussten allerdings zur Buche gekommen sein, ohne angehalten oder angesprochen worden zu sein, und sie mussten auch den Rückweg „unberufen“ zurücklegen.
Reif auf den Obstbäumen
Auch das Wetter der kommenden zwölf Monate suchte man in den zwölf heiligen Nächten zu ermitteln. Im alten Weinheim führte ein Bauer genau Buch, wie das Wetter n den einzelnen Tagen zwischen der Christnacht und Dreikönig war: „Wie es am 1. Weihnachtsfeiertag ist, so wird es im Januar bleiben, und wie es am 2. Feiertag ist, wird es im kommenden Dezember sein”.
Eine klare Weihnachtsnacht sah der Bauer als frühes Vorzeichen eines guten Jahres. Er war besonders zufrieden, wenn die Bäume in der Christnacht mit Reif behangen waren. Das war für ihn ein Zeichen, dass es im kommenden Jahr viel Obst geben wird. Nach altem Brauch wurden an Heiligabend die Stämme der Obstbäume gebürstet, um eine gute Ernte zu garantieren.
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