1946: Dreimal Patt bei Bürgermeisterwahl

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
1946: Dreimal Patt bei Bürgermeisterwahl
In Weinheims schwierigster Nachkriegszeit, von 1945 bis 1948, lenkte Wilhelm Brück als Bürgermeister, später als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Sie bedankte sich bei dem gebürtigen Hessen mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde und der Benennung einer Straße nach ihm. Bild: WN-Archiv
Zu Ostern 1946, ein Jahr nach dem Einmarsch der US-Truppen im Rhein-Neckar-Raum, war das Prinzip der 1935 von den Nationalsozialisten gewaltsam beseitigten kommunalen Selbstverwaltung, wie man sie aus der Zeit vor dem „Dritten Reich“ kannte, wiederhergestellt. In den Städten und Gemeinden der amerikanisch besetzten Zone hatten am 27. Januar 1946 Kommunalwahlen stattgefunden. Mit hoher Wahlbeteiligung hatten die Bürger die Möglichkeit genutzt, ihre Vertreter im Gemeinderat wieder frei bestimmen zu können, nachdem diese zuletzt vom Beauftragten der NSDAP berufen worden waren. Im nächsten Schritt zu der von den Amerikanern angestrebten Demokratisierung des öffentlichen Lebens sollten die örtlichen Parlamente nun auch den Bürgermeister der Gemeinde wählen, der bis dahin von der Militärregierung eingesetzt worden war.
In Weinheim hatten die ersten freien Kommunalwahlen nach dem Zweiten Weltkrieg der CDU sieben, der SPD fünf und der KPD zwei Sitze im 14-köpfigen Gemeinderat gebracht. Am 31. März 1946 stand im Gemeinderat die Wahl des Bürgermeisters an und die 14 Stadträte mussten sich zwischen zwei Kandidaten entscheiden: dem bisherigen, von der Besatzungsmacht nach Richard Freudenbergs Verhaftung am 30. Mai 1945 gegen seinen Willen kommissarisch eingesetzten Bürgermeister Wilhelm Brück (54) und dem 62-jährigen Verwaltungsdirektor Ernst Becherer (SPD), aktuell Leiter des Kriegsschäden- und Besatzungskostenamtes der Stadt Mannheim.
Brück enttäuscht
Im Wahlgang am 31. März standen sich zwei Blöcke gegenüber: sieben Christdemokraten und sieben „Linke“. Erwartungsgemäß führte das zu einem 7:7-Patt. Für 4. April wurde der Gemeinderat zu einem zweiten Wahlgang aufgerufen. Zu Beginn der Sitzung erklärte der vom ersten Wahlergebnis sichtlich enttäuschte Wilhelm Brück, er habe inzwischen die amerikanische Militärregierung und die vorgesetzte deutsche Dienstbehörde gebeten, ihn vom Amt des Weinheimer Bürgermeisters zu entbinden: unter unsäglichen Schwierigkeiten, die oft an Selbstaufopferung grenzten, habe er mit seinen treuen Mitarbeitern in völlig uneigennütziger Weise die Dienstgeschäfte der Stadtverwaltung verantwortlich geführt. Dabei habe er sich auf das Vertrauen der Militärregierung stützen dürfen, doch das Vertrauen der Gemeinderatsmehrheit habe er nun offensichtlich nicht.
Dreimal Patt
Am Ergebnis des zweiten Wahlgangs am 6. April und des dritten am 13. April änderte die emotionale Rede von Brück allerdings nichts. Wahlleiter Max Fischer (SPD) konnte beide Male nur ein erneutes Patt verkünden: sieben Stimmen für Brück, sieben für Becherer. Der noch amtierende Bürgermeister Brück schien den neuerlichen Gleichstand vorausgesehen zu haben, denn zwei Tage vor dem dritten Wahlgang verabschiedete er sich mit einer Erklärung vor dem Gemeinderat: „In einer außerordentlich schweren Notzeit hat man mich berufen und dann befohlen. Es ist zur Genüge bekannt, dass ich das Amt des Bürgermeisters nicht gesucht und auch nicht gewollt habe. Nachdem ich es aber nicht abwenden konnte, habe ich nichts weiter getan als meine Pflicht. Dank und Anerkennung habe ich für meine Arbeit nicht erwartet, das gibt es im Leben der Menschen, insbesondere im politischen Leben nicht. Ich gehe wieder dahin zurück, von wo man mich gerufen hat“, sagte der Dachdeckermeister. Er scheide von dieser Stelle ohne Groll und Hass, fügte Wilhelm Brück an.
Karlsruhe für Brück
Doch es kam alles ganz anders: am 2. Mai 1946 erklärte Bürgermeister Brück vor dem Gemeinderat, dass er auf Weisung des Landrats, zu dem inzwischen sein Mitkonkurrent Ernst Becherer gewählt worden war, und der Militärregierung die Dienstgeschäfte weiterführen müsse und zwar bis zur Entscheidung der Regierung des Landesbezirks Baden über die Besetzung der Bürgermeisterstelle in Weinheim. Karlsruhe entschied für Brück und deshalb blieb der Christdemokrat bis 1948 im Amt, das zu Jahresbeginn 1947 zum Oberbürgermeister aufgewertet worden war, nachdem die Einwohnerzahl die 20.000 überschritten hatte.
Bohrmanns Wahl
Nach dem Ergebnis der Volkszählung 1946 hatte Weinheim 22.876 Einwohner. Das machte nicht nur den Bürgermeister zum Oberbürgermeister, sondern auch den Bürgermeister-Stellvertreter zum Bürgermeister und die Gemeinderäte zu Stadträten. Am 31. Juli 1946 wählte der Gemeinderat einstimmig sein Mitglied Ludwig Bohrmann (SPD) zum Bürgermeister der Stadt Weinheim und teilte dem 51-Jährigen die Verantwortung für die schwierigsten Aufgabengebiete der Nachkriegszeit zu: Wohnungsamt, Wohlfahrtsamt, Ernährungs- und Wirtschaftsamt, Brennstoffversorgung. Am 16. August 1946 trat Bürgermeister Bohrmann sein Amt an. Für ihn rückte Peter Ewald in der SPD-Fraktion nach. Bürgermeister Bohrmann wurde 1948 vom Gemeinderat in seinem Amt bestätigt und 1952 von den Bürgern in die Verfassunggebende Landesversammlung Württemberg-Baden gewählt. Ludwig Bohrmann verstarb 1953 im Alter von 57 Jahren. Sein Amtsnachfolger wurde Bürgermeister Dr. Friedrich Meiser (PWV).
Am 1. Februar 1948 stand das Amt des Oberbürgermeisters neu zur Wahl und diesmal durften die Weinheimer ihr Stadtoberhaupt direkt bestimmen. Drei Kandidaten stellten sich zur Wahl: der von CDU und DVP unterstützte Amtsinhaber Wilhelm Brück, der Gastwirt und KPD-Stadrat Leonhard Seib und der parteilose Jurist Rolf Engelbrecht, Landespolizeidirektor in Karlsruhe und von der Freien Wählervereinigung vorgeschlagen. Im ersten Wahlgang entfielen 4.406 Stimmen auf Rolf Engelbrecht, 3.960 auf Brück, 2.733 auf Seib. Bei der Stichwahl am 8. Februar 1948 erhielten Engelbrecht 6.335, Brück 5.707 Stimmen. Der neue Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht wurde am 4. März 1948 in sein Amt eingeführt. Er wurde 1954 und 1966 wiedergewählt. Am 26. April 1966 erlag er im Kreiskrankenhaus Überlingen den Folgen eines Verkehrsunfalls während der Fahrt nach Salem.
Ehrenbürger Brück
Wilhelm Brück wurde noch einmal kommunalpolitisch aktiv, als er von 1953 bis 1959 für die CDU in den Gemeinderat zurückkehrte. 1962 würdigte der Gemeinderat Brücks außerordentliche Verdienste um Weinheim mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Nach der Gemeindereform erhielt die bisherige Jahnstraße Brücks Namen. Der Ehrenbürger verstarb 1972 im Alter von fast 80 Jahren.
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