1948: ein Jahr im Wechselbad der Gefühle

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Zu Jahresbeginn 1948 machte eine „Aktualisierung” der (inzwischen verbotenen) ersten Strophe des Deutschland-Liedes die Runde: „Deutschland, Deutschland, ohne alles, ohne Butter, ohne Speck, und das bisschen Marmelade frisst uns die Besatzung weg”. Der Hunger war nach wie vor ständiger Begleiter der Menschen und der Mangel blieb Alltag – bis zum 20. Juni, als es auf einmal wieder alles gab. Es war der Tag, der das Jahr 1948 zu einem der denkwürdigsten der Nachkriegszeit machte: der Tag der Währungsreform. Mit 40 DM „Kopfgeld” aus einem Zwanzig-Mark-Schein, zwei Fünf-Mark-, drei Zwei-Mark-, zwei Eine-Mark- und vier Eine-halbe-Mark-Scheinen begann auch für die Weinheimer das Hoffen auf bessere Tage. Dafür stellten sie sich an diesem regnerischen Sonntag gern in die Schlange vor der Ausgabestelle ihrer Lebensmittelkarten, das Schlangestehen hatten sie ja oft genug geübt.
Das zweite markante Ereignis, das 1948 zur Stadtgeschichte beisteuerte, lag am Tag der Währungsreform schon fast fünf Monate zurück: die Wahl Rolf Engelbrechts zum Weinheimer Oberbürgermeister. In der Stichwahl am 8. Februar hatte der von der Parteilosen Wählervereinigung (PWV) vorgeschlagene Landespolizeidirektor von Nordbaden 52,1 Prozent der gültigen Stimmen erreicht, der von der CDU unterstützte Amtsinhaber Wilhelm Brück 47,9 Prozent. Als dritter OB-Kandidat war der KPD-Stadtrat und Gastwirt Leonhard Seib im ersten Wahlgang mit 24,83 % Stimmenanteil gescheitert.

Zwischen den beiden Wahlgängen zur OB-Wahl lag der Termin für die Wahl eines neuen Landrats. Er stand am Ende einer kurzen Amtszeit des ersten nicht von der Besatzungsmacht eingesetzten, sondern vom Kreistag gewählten Landrats Ernst Becherer (SPD). Er war am 1. September 1946 gewählt worden und wurde am 28. April 1948 in den Ruhestand versetzt, nachdem Dr. Valentin Gaa seine Bemühungen um eine Wiederwahl im Kreistag keine Unterstützung gefunden hatten. Bei der Landratswahl am 5. Februar 1948 im Bürgersaal des Weinheimer Rathauses stimmte keiner der 40 Kreistagsabgeordneten – darunter 14 mit SPD-Parteibuch – für Becherer. Zum neuen Landrat wurde Dr. Valentin Gaa gewählt. CDU und DVP stimmten geschlossen für Dr. Gaa, der bereits 1946 kommissarischer Landrat war, als Landrat Karl Geppert von den Amerikanern vom Dienst suspendiert wurde. Landrat Gaa stand bis 1970 an der Spitze der Verwaltung des Landkreises Mannheim, die 1950 aus dem Weinheimer Exil nach Mannheim zurückkehrte.
Weitere 1948-er Ereignisse, an die man sich nach 75 Jahren sicher gern erinnert, waren am 25. Juli die Wiedereröffnung des Heimatmuseums (heute Museum der Stadt Weinheim) unter der Leitung von Professor Josef Fresin und am 1. November die Wiedereröffnung der Bäckerfachschule durch den Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, der im September Weinheim zum Sitz des Verbandes in der Trizone erklärt hatte. Die Meisterschule für die Bäcker in Südwestdeutschland war 1938 im „Waldschlösschen” eingerichtet und 1942 kriegsbedingt geschlossen worden. Danach wurde das Anwesen im Gorxheimer Tal Ausweichkrankenhaus für die Schwerkranken der von den alliierten Luftangriffen geplagten Mannheimer Kliniken. Nach dem Krieg war das „Waldschloss” auch als Tuberkulose- Heilanstalt im Gespräch. Erster Schulleiter nach der Wiedereröffnung 1948 war Dr. Eugen Gottmann. Nach seiner schweren Erkrankung folgte ihm am 1. Februar 1949 Dr. Horst Kluge.
Auf der Heddesheimer Ofling wurden Anschlusswünsche nach Weinheim laut, die hessischen Gemeinden im Weschnitztal und im Gorxheimer Tal dachten angesichts ihrer wirtschaftlichen Bindung an Weinheim über einen Anschluss an Baden nach und in Weinheim gab es Stimmen für ein Ausscheiden aus dem Kreisverband Mannheim-Land und eine Zukunft als kreisfreie Stadt. In der Alten Post wagte die Kukirol-Fabrik (heute Kukident) einen Neuanfang mit acht Mitarbeitern und ihrer populären Werbefigur „Dr. Unblutig”.
Nach seiner Freigabe durch die Amerikaner wurde das Turnerbad (heute Waldschwimmbad) zur Freude aller Wasserratten wiedereröffnet. Aus Raummangel konnte das Realgymnasium nur 120 der 180 angemeldeten Sextaner aufnehmen. Die Tagung des Städtetags Württemberg-Baden auf der Wachenburg stand im Zeichen der erneuten Beschlagnahme der Burg durch die Amerikaner, die allerdings im Oktober wieder aufgehoben wurde.
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