1969: Ein Jahr großer und guter Entscheidungen

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

1969 war ein Jahr großer Entscheidungen und, in des Wortes wahrster Bedeutung, hochfliegender Pläne. Denn das am Jahresende von Oberbürgermeister Gießelmann ins Gespräch gebrachte Kulturzentrum, das die Raumprobleme von Kulturgemeinde, Kammermusikverein, Volkshochschule, Stadtbibliothek und Stadtjugendring auf einen Wurf lösen sollte, wäre mit 22 Geschossen in den Himmel der Nordstadt gewachsen und hätte das gesamte Stadtbild verändert, weil gleichzeitig die Lösung der Probleme im Ost-West-Verkehr durch einen „Stadtdurchbruch” mit einer Straßenbrücke aus der Viernheimer Straße über die Gleise der Bundesbahn und die Weschnitz zu einer auf sechs Fahrspuren aufgeweiteten Birkenauertalstraße diskutiert wurde.

Beide Pläne, der Stadtdurchbruch und das Kulturzentrum, wanderten nach vielen Diskussionen, heftigen Protesten und enttäuschten Erwartungen in die Schublade. Weinheims kulturelle Einrichtungen haben individuelle Lösungen gefunden und die Verkehrsentlastung findet inzwischen im Saukopftunnel statt.

Ja zur Gesamtschule

Zu den großen Entscheidungen, die vor 50 Jahren getroffen wurden, gehörte das Votum für das Landesmodell einer integrierten Gesamtschule, das Weinheims Schulraumprobleme lösen sollte. Am 23. Dezember 1969 stieß Oberbürgermeister Theo Gießelmann mit einem Baggerschub das größte Schulbauprojekt in der Stadtgeschichte an: die heutige Dietrich-Bonhoeffer-Schule in der damals noch jungfräulichen Mult, die ihr den volkstümlichen Namen Multschule gab.

Dass die Raumsorgen des Gymnasiums trotzdem fortbestehen würden, glaubte damals kaum jemand, doch Behelfslösungen wie – wieder einmal – die Dürreschule, das Jugendheim im Bürgerpark und das auf dem Gelände der ehemaligen Rücker-/Freudenberg-Villa entstandene Wohngebäude an der Ecke Friedrichstraße/Bismarckstraße machten die anhaltenden Nöte des heutigen Werner-Heisenberg-Gymnasiums schnell deutlich.

In der Schublade durften allerdings die Pläne für eine weitere Grundschule in der rasant wachsenden Weststadt verschwinden, weil Albert-Schweitzer-Schule und Gesamtschule ausreichend Platz boten.

Vorboten der Gemeindereform

Eine Pionierleistung in Baden bedeutete die Gründung des Zweckverbandes Müllbeseitigung mit zwölf Gemeinden im Umfeld von Weinheim, die weiteren kommunalen Zusammen-schlüssen und der Gemeindereform vorausging. Gute Nachrichten waren 1969 auch die Eröffnung des Evangelischen Altenzentrums am Schlosspark, des heutigen Bodelschwinghheims, der Umbau des Alten Rathauses, die Bebauung der Hühnerfarm Dietrich mit dem „Blauen Haus“ (Ecke Kurt-Schumacher-Straße/Theodor-Heuss-Straße), die Umstellung der Gasversorgung auf Erdgas, der Kreistagsbeschluss für ein neues Kreiskrankenhaus in Weinheim, der die Krankenhaus-Diskussion in die richtige Richtung lenkte, und erste Überlegungen für ein Einkaufszentrum in der Weststadt, dessen Größe bald heiße Debatten auslöste.

Erhalten blieb der Kommunalpolitik die Suche nach einer weiteren Verkehrsanbindung der Weststadt an die Innenstadt.

Abschied vom „Pfälzer Hof”

Und auch das geschah 1969: im Traditionshotel „Pfälzer Hof” gingen nach 157 wechselvollen Jahren endgültig die Lichter aus. 1975 wurde das Gebäude abgerissen.

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Hotel „Pfälzer Hof”
157 Jahre lang war das Hotel „Pfälzer Hof” ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Weinheim. 1969 endete seine Geschichte. Heute steht an seiner Stelle die Stadthalle. Bild: WN-Archiv
 

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