75 Jahre TSG 1862 Weinheim: Wiedervereinigung nach 68 Jahren Trennung

von Heinz Keller
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Der ersehnte Brief kam am 12. Januar 1946 mit der Dienstpost des Landratsamtes Mannheim, das damals seinen Sitz in Weinheim hatte. Landrat Karl Geppert teilte der Turn- und Sportgemeinde Weinheim mit, dass die politischen Fragebogen ihrer Vorstandsmitglieder Adam Siegfahrt (1. Vorsitzender), Peter Kraft (2. Vorsitzender), Rudolf Heinzelbecker (Geschäftsführer) und Georg Jochum (Kassier) von der amerikanischen Militärregierung (AMG) geprüft und nicht beanstandet wurden. Und dann folgten die beiden entscheidenden Sätze: „Die Turn- und Sportgemeinde Weinheim wird hiermit bestätigt. Mit der Vereinstätigkeit kann alsbald begonnen werden“.
Das Schreiben von Landrat Geppert ist das einzige Dokument für die Geburt der aus der Wiedervereinigung der beiden Gründervereine Turnverein 1862 und Turngenossenschaft Jahn 1878 hervorgegangenen heutigen Turn- und Sportgemeinde 1862 Weinheim.
Die ersten Vereine
Bis zum Jahresbeginn 1946 hatten Weinheims Sportler den Weg zurück zu Handball, Fußball und Turnen unter dem Dach der allumfassenden Sport- und Kulturgemeinde (SKG) gesucht, aus deren Kultursparte bereits im September 1945 die Sängervereinigung 1945 Weinheim (heute MGV Sängervereinigung-Germania) als erste Vereinsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen war. Da ein großer Teil ihrr Mitglieder einst dem 1933 von den Nationalsozialisten zwangsaufgelösten Arbeitersängerbund, 1898 als SPD-naher Gesangverein „Bruderbund“ gegründet, angehört hatte, stand die Sängervereinigung nicht im Verdacht, Hort des Faschismus und des Militarismus zu sein, auf den der Alliierte Kontrollrat mit der Proklamation Nr. 2 vom 20. September 1945 und dem generellen Verbot zielte, neue Vereine zu gründen oder Vereine fortzuführen, die bereits im „Dritten Reich“ bestanden hatten.
Die Turnvereine hatten es da erheblich schwerer, die politischen und ideologischen Vorbehalte der alliierten Militärbehörden zu überwinden. Das lag an der besonderen Nähe der Deutschen Turnerschaft (DT) zum Nationalsozialismus und seinem „Führer“, der schon 1933 am Deutschen Turnfest in Stuttgart teilgenommen hatte, und außerdem am eilfertigen Übertritt der Deutschen Turnerschaft, des damals größten deutschen Sportverbandes, in den NS-Reichsbund für Leibesübungen (NSRL).

Handballer drängen
Doch die Handballer von TV und TG, Handballpioniere an der Bergstraße, zu Beginn der 1930er Jahre als Badischer Meister im Wettstreit mit den großen Handballvereinen, wollten wieder spielen. Im September 1945 fanden sich ehemalige Spieler aus den beiden Vereinen zusammen und traten im Trikot der SKG Weinheim zu den ersten Spielen nach Kriegsende an. Der Neustart war auch deshalb schwierig, weil Waldspielplatz und Jahnplatz, jahrzehntelang Stätten heftiger sportlicher Rivalität, von den Amerikanern beschlagnahmt waren und wie Vereinshaus und Bender-Halle, Naturin-Sportplatz und Schlosspark zweckfremd genutzt wurden.
Als der Waldspielplatz im Gorxheimer Tal wieder frei gegeben wurde, glich er einem Acker. In Eigenarbeit machten die Handballer den Platz wieder bespielbar. Sie lösten auch die logistischen Probleme dieser Tage: sie fuhren mit dem Fahrrad, so sie eines hatten, zu den Spielorten, oder sie kannten den Besitzer eines „Holzvergasers“ und ließen sich auf der Ladefläche des mit Holzgas angetriebenen Lastwagens zum Platz des Gegners fahren. Die Handballer von TV und TG drängten aber auch auf eine gemeinsame sportliche Zukunft in einer neuen Sportgemeinschaft, die aus den alten Vereinen entstehen sollte. Sie hatten auch schon einen Namen: Turn- und Sportgemeinde 18623.
Siegfahrt geht voran
Dazu brauchte es allerdings Männer, die unbelastet waren vom Vorwurf, dem Nationalsozialismus zu eng verbunden gewesen zu sein. Zum Jahresende 1945 scharten sich Turner und Handballer um den 71-jährigen Schuhmachermeister Adam Siegfahrt (1874-1957) in dem Bemühen, die beiden Turnvereine nach 68 Jahren Trennung wieder zusammen zu führen. Die von ihnen gewählten Sprecher Adam Siegfahrt, Peter Kraft, Rudolf Heinzelbecker und Georg Jochum entsprachen den Erwartungen der Militärregierung.
Dennoch bedurfte es mehrerer Anläufe, ehe Adam Siegfahrt am 6. April 1946 im Gasthaus „Zum Weschnitztal“ die Gründungsversammlung der TSG 1862 Weinheim eröffnen konnte, an der auch frühere Mitglieder der 1923 gegründeten und 1935 verbotenen DJK Schwarzweiß Weinheim teilnahmen, die sich unter Führung von Bernhard Jöst dem neuen Verein anschließen wollten.

Dr. Frank gewählt
Die 72 Versammlungsteilnehmer wählten einstimmig den 46-jährigen Chemiker Dr. Theodor Frank (1900-1973), Leiter der Abteilungen Masse und Marena bei Freudenberg, zum Gründungsvorsitzenden. Seine Vergangenheit als Freimaurer und Corpsstudent hatte im „Dritten Reich“ seine Distanz zum Nationalsozialismus bestimmt und machte ihn 1946 für die Amerikaner zu einem unbelasteten Vereinsvorsitzenden, wie sie ihn sich vorstellten. Dr. Franks Wahl fand deshalb die uneingeschränkte Zustimmung der Besatzungsmacht und der deutschen Behörden und sicherte dem jungen Verein, der eigentlich schon eine 84-jährige Geschichte hinter sich hatte, einen zumindest auf dieser Ebene problemlosen Start. Franks humanistische Grundeinstellung erleichterte zugleich die Überwindung der alten Rivalitäten zwischen den Gründervereinen, sein außerordentliches persönliches Engagement wurde zum Vorbild und schuf eine Atmosphäre des Aufbauwillens.
In den ersten Vorstand wurden neben Dr. Frank gewählt: Adam Siegfahrt, Adam Klein, Willi Wagner, Karl Metzger, Oskar Walter, Georg Jochum und Rudolf Heinzelbecker. Die Gewählten mussten noch einmal den großen Fragebogen mit den 131 Fragen zu ihrer politischen Vergangenheit „wahrheitsgemäß“ ausfüllen, mit dem die Amerikaner die Entnazifizierung der Deutschen gestartet hatten.
Auf Widerruf
Am 28. Juni 1946 bestätigte Landrat Dr. Gaa „vorläufig“ den Vorstand und verfügte: „Die Turn- und Sportgemeinde 1862 Weinheim darf bis auf Widerruf ihre Tätigkeit ausüben“. Eine endgültige Bestätigung könne allerdings erst erfolgen, „wenn die politische Beurteilung sämtlicher Vorstandsmitglieder durch die nach dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus eingesetzten Spruchkammern durchgeführt ist“.
Doch schon am folgenden Tag, dem 29. Juni 1946, beschlossen die Mitglieder von TV und TG Jahn in getrennten Zusammenkünften den Zusammenschluss ihrer Vereine zur TSG 1862 und führten damit eine Wiedervereinigung der Gründergemeinschaften herbei.
Am 4. Oktober 1946 wurde die TSG 1862 Weinheim ins Vereinsregister eingetragen. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 635 Mitglieder.
Ära Dr. Meiser
Nach fünfjähriger Amtszeit trat Dr. Frank 1951 als 1. Vorsitzender zurück und wurde zum Ehrenbeisitzer ernannt. Sein Nachfolger wurde sein Vorgänger: Bürgermeister Dr. Friedrich Meiser (1896-1969), der von 1927 bis 1945 den Turnverein geleitet hatte und seine insgesamt 29-jährige Amtszeit als 1. Vorsitzender 1962 mit der Einweihung der TSG-Halle im Sportstättenbau an der Mannheimer Straße und der Eröffnung des Freizeitheims in Rohrbach krönte. Bei seinem Abschied wurde Dr. Meiser zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Die höchste Vereinsauszeichnung nach der Ehrenmitgliedschaft trägt heute seinen Namen: Dr.-Friedrich-Meiser-Medaille. Sie wurde bisher erst dreimal verliehen.
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