Löwen, Engel, Sonnen: Weinheims älteste Apotheken

Die Löwenapotheke (historische Fotografie)
Die erste Weinheimer Apotheke wurde 1651 am Steinweg (heute Hauptstraße), eingerichtet. Das Gebäude stammt in den ältesten Teilen aus dem Jahr 1457/58. Im 16. Jh. wurden die Obergeschosse erneuert. Aus dieser Zeit wird das Fachwerk stammen. Bild:WN-Archiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Am 30. September 1991 schloss Apothekein Ilse Skomski die aus dem 18. Jahrhundert stammende Ladentür, über der ein vergoldeter Löwe auf dem Podest liegt. Er hat der Löwenapotheke ihren Namen gegeben. Mit der Schließung verloren Weinheim seine ne älteste, Nordbaden eine der ältesten Apotheken. Die Einrichtung im Erdgeschoss des 400 Jahre alten Fachwerkhauses am Fuß des Marktplatzes ging damals in den Besitz des Museums der Stadt Weinheim über.

Der erste nachweisbare Apotheker in Weinheim war Josef Christoph Heinemann. Wenn er, wie Heimatforscher Karl Zinkgräf vermutete, mit dem in der Ramdor’schen „Geschichte der Darmstädter Apotheken“ erwähnten Hofapotheker J. Chr. Heinemann identisch ist, dann kam er zwei Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges aus Darmstadt. Ins Weinheimer Ratsprotokoll jedenfalls wurde am 27. September 1650 geschrieben: „Dass Josef Christoph Heinemann sich mit seiner Familie allhier bürgerlich einlassen und seine Apotheke anhero transferieren will, ist Rat und Gemeinde zufrieden”. Heinemann machte sein Vorhaben wahr. Am 31. Oktober 1651 notierte der Ratschreiber: „Der Apotheker Herr Heinemann, nachdem er vor einem halben Jahr seinen Corpus allhero transferiert, begehrt , sich allhier bürgerlich einzulassen”. Den angefügten Vorbehalt, sich innerhalb von zwei Jahren auch an einem anderen Ort der Kurpfalz als Apotheker niederzulassen, hat Heinemann nicht wahrgenommen.

Heinemann hatte am Fuß des Marktplatzes mit kurfürstlicher Betriebserlaubnis eine privilegierte Apotheke eröffnet und sie nach dem kurpfälzischen Wappentier „Zum goldenen Löwen” genannt. Nun wurde er Weinheimer Bürger, 1652 bereits Ratsherr und 1655 Ratsbürgermeister. 1666 wurde der erste Weinheimer Apotheker ein Opfer der Pest: sein nach Alzey geschickter Apotheker-Gehilfe hatte sich angesteckt und die tödliche Krankheit in Weinheim eingeschleppt.

Lange Apotheker-Liste

Fast zwei Jahre war die Apotheke nach Heinemanns Tod verwaist, ehe der schlesische Apotheker Büchner aus Sagan (heute Zagan) nach Weinheim kam und in das leerstehende Haus am Steinweg einzog. Es ging 1704 an Friedrich Daniel Candidus über, 1725 folgte ihm sein erster Sohn Johann Friedrich Candidus, 1745 sein zweiter Sohn Johann Wilhelm Candidus. Dessen Nachfolger wurde 1761 Ehregott Salomon Happold. Er veränderte das Haus, das vermutlich nach einem Brand ein neues Obergeschoss erhielt. Happolds Namenszeichen ist, zusammen mit einem sichelartigen Zeichen und der Jahreszahl 1763 noch über der Haustür zu sehen. Nach Happold führte der aus Frankenthal stammende Apotheker Carl Franz Rudy von 1794 bis 1824 die Löwenapotheke, die Rudolf Carl Keller 1827 von seinem Vorgänger Alois Hansen erwarb. 18349 ging die Apotheke an den aus Waiblingen stammenden Apotheker Johann Jakob Pfander über, der sie 1884 an seinen Sohn Karl Gottlie weitergab. Er war postalisch zu erreichen unter der Anschrift „II 21”: Haus Nummer 21 im Bezirk II (Gerberbachbezirk). Erst ab 1887 erhielt Weinheims Straßen Namen und nun trug die Löwenapotheke die Adresse Hauptstraße 32, weil die Nummerierung vom Müllheimer Tor aus nach Norden zum Petersplatz erfolgte. Heute ist sie umgekehrt und die Adresse des Hauses ist nun Hauptstraße 123.

Fachwerk wird freigelegt

Löwenapotheke (historische Maßnahme)
Mit dem Alten Rathaus und dem Marktbrunnen bietet die ehemalige Löwenapotheke ein prächtiges Ensemble am Fuß des Marktplatzes. Bild: WN-Archiv/Pfrang

1918 wurde der aus Mannheimgekommene Oskar Maurer Löwen-Apotheker. Seinem Kunstverständnis und Geschichtsbewusstsein ist es zu verdanken, dass 1928 das schöne Zierfachwerk freigelegt wurde, das sich bis dahin hinter dem Verputz verbarg. In der Apotheke empfing Maurer jeden Morgen hohen Besuch: „die Hoheit”, ein spindeldürres Männchen aus dem Kreispflegeheim, das von dem Wahn befallen war, ein Fürstensohn aus dem Hause Sachsen-Weimar zu sein. Mit Stöckchen und Regenschirm spazierte der bürgerlich geborene, studierte, aber verwirrte Kautz durch die Weinheimer Innenstadt, besuchte die Reichsbank-Filiale (heute VHS-Haus) mit immer derselben Frage, ob seine Prinzen-Apanage schon eingegangen sei. Nach der Apotheke beehrte „Hoheit” den „Ratskeller” und vergaß nie, Fräulein Anna, die ihm sein Viertele servierte, mit einem Groschen Trinkgeld seine besondere Gunst zu erweisen.

Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung

Von 1937 bis 1949 war Fritz Schachner Apotheker „Zum goldenen Löwen”, nach ihm bis 1956 Georg Waibel. Seine Witwe Irmgard Waibel verpachtete die Räume 1957/58 an Wilhelm Seibert, von 1959 bis 1965 an Irmgard Lahrs, von 1965 bis 1969 an Irmgard Arnold und danach für23 Jahre an Ilse Skomski. Mit ihr endete die 340-jährige Apothekengeschichte dieses Haus, das mit seinen ältesten Bauteilen aus dem Jahr 1457/58 stammt. In der Denkmalliste wird es so beschrieben: Dreigeschossiges reiches Fachwerkhaus mit Krüppelwalmdach, Massiv-Erdgeschoss, rundbogigen Ladenfenstern, Laden- und Haustür aus dem 18. Jahrhundert. Nach Auffassung des Landesdenkmalamtes ist das Haus ein „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung wie Altes Rathaus, Stadtkirche und Marktbrunnen”.

Marktbrunnen und Galgen

Der Marktbrunnen stand bis 1928, dem Jahr der Fachwerk-Freilegung, auf der Nordseite der Löwenapotheke. Ursprünglich bestand das Haus aus zwei Gebäuden. Eines davon gehörte der eingesessenen Familie Hock, deren Familienwappen über dem Kellereingang noch zu erkennen ist. Es handelt sich nach den Erkenntnissen von Josef Fresin um den Rest eines sogenannten sprechenden Wappens, „das mit Bezug auf den Namen Hock einen Haken enthält”. 1928 ließ der Gemeinnützige Verein den Marktbrunnen auf die andere Straßenseite verlegen und vor dem Alten Rathaus wiedererrichten. In nächster Nähe des alten Brunnens hatte ehedem das Hochgericht, der Galgen, der Stadt gestanden.

Geschichten um Dr. Rudolf Jahn

Eng mit der Löwenapotheke verbunden ist der volkstümliche Weinheimer Arzt Dr. Rudolf Jahn. Er praktizierte im 1. Obergeschoss und von ihm sind bis heute unzählige Anekdoren bekannt. Sie werden immer wieder gern erzählt und das erhält dem handfest-derben Mediziner lange über den Tod hinaus seine Popularität.

© www.wnoz.de, (1991)

Sechs Generationen Engel-Apotheker

Winzerhaus am Steinweg (Bild um 1880)
In einem ehemaligen Winzerhaus am Steinweg (Bild um 1880) wurde die erste Engel-Apotheke eröffnet. Bild: Stadtarchiv/Georg Offinger

Auch die Engel-Apotheke, 1687 erstmals urkundlich erwähnt, war eine privilegierte Apotheke. Ludwig Klein, der spätere Gründer einer chemischen Fabrik an der von ihm gebauten und nach ihm benannten Ludwigstraße, schuf ihr 1825 auf den Resten des einst den Zugang zur ummauerten Neustadt von Norden kontrollierenden Niedertors eine endgültige Bleibe. Auf Ludwig Klein folgten in der Engel-Apotheke sein Sohn Albert, dessen Schwiegersohn Gustav Bleidorn („Apotheker Bleidorns 40-Kräuter-Tee” wurde noch bis in die jüngere Vergangenheit abgepackt), Bleidorns Schwiegersohn Walter Fischer, sein Sohn Werner Fischer und in der 6. Generation Beate Fischer-Boggasch. In der Engel-Apotheke sind 2006 die Lichter ausgegangen.

Erste Nordstadt-Apotheke

Fast 60 Jahre war die Sonnen-Apotheke an der Einmündung der Friedrichstraße in die Bergstraße (heute Brauhaus-Parkplatz) das Ziel der Nordstadt-Bewohner, wenn sie das ärztliche Rezept beim Apotheker einlösen wollten. Apotheker Karl Eberle eröffnete 1921 die Sonnen-Apotheke als dritte Weinheimer und erste Nordstadt-Apotheke, Seine Nachfolger waren ab 1929 Ernst Arrus, Ernst Schäfer – er übernahm im Mai 1939 die Sonnen-Apotheke, wurde vier Monate später zum Kriegsdienst einberufen und eröffnete 1950 die Weststadt-Apotheke, die als Schäfer-Apotheke am Jahresende 2024 schloss –, Carl Adrian, Dr. Gustav Roth und Christa Wildermuth. Am 31. Mai 1979 wurde die Sonnen-Apotheke beim Gewerbeamt abgemeldet Zwanzig Jahre später verschwand auch das Gebäude, in dem inzwischen der „Istanbul Bazar“, ein türkisches Obst- und Gemüsegeschäft, eingezogen war. Es war ursprünglich das Wohnhaus der Bierbrauer-Familie Metz, die im Nachbarhaus (heute Jacques Weindepot) ein beliebtes Bier braute.

Der „verrickte Viehdokter”

Das erste türkische Spezialgeschäft in Weinheim.
Die Sonnen-Apotheke war die erste Apotheke in der Nordstadt. In ihren Räumen eröffnete das erste türkische Spezialgeschäft für Obst und Gemüse. Es musste dem Parkplatz für die Woinemer Hausbrauerei (links) weichen. Bild: WN-Archiv/Kopetzky

1904 erwarb Bezirks-Tierarzt Dr. Hubert Marquardt das Haus an der Ecke Friedrich-straße/Bergstraße. Er war ein Freund des Arztes und Odenwalddichters Dr. Adam Karrillon und saß mit ihm und anderen Weinheimer Persönlichkeiten am Stammtisch im Hotel „Vier Jahreszeiten“ (später Kaufhaus Birkenmeier, heute Weinheim-Galerie). Karrillon hat die prominenten Weinheimer in seiner Erzählung vom „Stammtisch zum Faulen Hobel“ sympathisch skizziert und damit das Lokalgeschehen in der gemütlichen Kleinstadt „Zwieburgen” herrlich karikiert. Dr. Marquardt war Direktor des städtischen Schlachthofs und zudem Weinheims erster Motorradfahrer. Von ihm erzählte man sich in Weinheim viele Geschichten, wie die, als dem nach Ansicht seiner Mitbürger „verrückten Viehdokter” in Schriesheim die Bremsen am Motorrad versagten und Passanten alle Mühe hatten, den Raser mit Säcken und Tüchern aufzuhalten.

Die erste Weststadt-Apotheke

Die erste Apotheke westlich der Bahnlinie.
Die erste Apotheke westlich der Bahnlinie gründete 1950 der aus Zotzenbach stammende Apotheker Ernst Schäfer: an der Mannheimer Straße, in einem einstöckigen Gebäude inmitten der Wohnblocks der Baugenossenschaft.

Die erste Apotheke westlich der Bahnlinie gründete 1950 der aus Zotzenbach stammende Apotheker Ernst Schäfer: an der Mannheimer Straße, in einem einstöckigen Gebäude inmitten der Wohnblocks der Baugenossenschaft. Sie lag damals im Zentrum Bebauung, die sinnvoller Weise von der Stadtrandstraße (heute Händelstraße) begrenzt war. Aber so, wie der Name Stadtrandstraße mit dem Entstehen eines neuen, großen Stadtteils um Stahlbad und Siedlung seine Berechtigung verlor, traf der Name Weststadt-Apotheke abseits des inzwischen größten Weinheimer Stadtteils schlichtweg nicht mehr zu. Deshalb gab die Apothekerfamilie Schäfer 1978 ihrer Apotheke den Familiennamen. Eine weitere Veränderung folgte 1992 mit dem Umzug von der Ostseite der Mannheimer Straße auf die Westseite. Die Mannheimer Straße, ursprünglich Wegverbindung zum Stahlbad und deshalb Stahlbadstraße genannt, war mit dem Bau der OEG-Brücke und der Verlegung der Nebenbahn nach Mannheim auf eine Trasse zwischen Wohngebäuden mit Vorgärten zur Hauptverkehrsader im Ost-West-Verkehr geworden. Der stark gewachsene Straßenverkehr und ein Halteverbot machten es den Besuchern der Apotheke fast unmöglich, so dass Wolfgang Schäfer, Sohn des Gründers und seit 1975 Inhaber der Apotheke, auf die andere Straßenseite wechselte, als sich mit der Geschäftsaufgabe der Drogerie Keil bei der Einmündung der Wormser Straße in die Mannheimer Straße die Möglichkeit bot, mehr Geschäfts- und Laborräume zu haben, und vor allem Parkplätze anzubiegen. 2013 übernahm mit Enkelin Monika Schäfer die dritte Generation die Führung der Apotheke, die 2024 geschlossen wurde. Sie war inzwischen die älteste der Weinheimer Apotheken.

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