Erster Auslandsstart nach dem Krieg

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland aus allen internationalen Sportverbänden ausgeschlossen. Es gab keinen deutschen Staat mehr. Als es ihn 1949 wieder gab, bemühten sich die ersten ausländischen Verbände um eine Wiederaufnahme des Sportverkehrs mit deutschen Vereinen, allen voran aus der Schweiz. Dafür gab es vor allem aus Ländern, die im Krieg unter den Deutschen gelitten hatten, heftige Kritik. Europa blute noch aus Tausenden, von den Deutschen geschlagenen Wunden und in Zehntausenden Familien herrsche noch tiefe Trauer, schrieb eine holländische Zeitung, als die Schweiz am 22. November 1950 im Stuttgarter Neckarstadion zu einem Fußball-Länderspiel gegen Deutschland antrat. Mehr als 100.000 Zuschauer dankten an einem neblig-trüben Buß- und Bettag den Schweizern, dass sie damit den Boykott brachen. Für die seit anderthalb Jahren wiedererscheinenden „Weinheimer Nachrichten” berichteten die jungen Volontäre Martin Egger und Heinz Keller über den glanzlosen 1:0-Erfolg der von Sepp Herberger betreuten DFB-Elf, in der Fritz Balogh vom damaligen süddeutschen Oberligisten VfL Neckarau zu seinem einzigen Einsatz in der Nationalmannschaft kam.
Zu den Olympischen Spielen 1952 waren deutsche Sportler wieder zugelassen und einer von ihnen war der Boxer Edgar Basel vom AC 92 Weinheim. Er beeindruckte bei seinen Kämpfen im olympischen Ring und kehrte mit der Silbermedaille zurück. Mit Basel, dem dreifachen Deutschen Meister Helmut Pfirrmann, und Günter Skade, der bei Deutschen Meisterschaften mehrfach auf dem Treppchen stand, war die Boxstaffel des AC 92 Weinheim damals nicht nur eine der stärksten in Deutschland, sondern auch ein attraktiver Gegner im Ausland. Noch im Olympiajahr 1952 folgte die Staffel unter Führung des AC-Vorsitzenden Hermann Schütz einer Einladung des jugoslawischen Boxverbandes zu drei Mannschaftskämpfen in Zagreb, Osijek und Rijeka. Das waren die ersten Auslandsstarts einer Weinheimer Sportmannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei weitere Jugoslawien-Reisen des AC folgten.
Vom 2. bis 9. November 1952 war der AC-Bus in Österreich und Jugoslawien unterwegs. Am Loiblpass, dem ältesten, steilsten und im hellen Mondlicht wohl auch schönsten Passweg Europas, drehten die Räder durch auf der vereisten Straße zur Grenze zwischen Kärnten und der slowenischen Oberkrain, damals zwischen Österreich und Jugoslawien. Kräftige Boxer-Schultern schoben den Bus hinauf zur Passhöhe und sicherten damit die nächtlich-einsame Weiterfahrt.

Für die meisten der 22 Fahrtteilnehmer war es die erste Auslandsreise, für alle die hautnahe Begegnung mit dem allgegenwärtigen Personenkult um Josip Broz Tito. Der vieltausendfache Plakatwunsch „Zivio Drug Tito“ („Es lebe Genosse Tito”) begleitete die Weinheimer auf Schritt und Tritt. In Zagreb hatte das einen besonderen Grund: in der Messehalle, unweit des Clubhauses von AC-Gastgeber Lokomotiva Zagreb, fand vom 2. bis 7. November 1952 der 6. Kongress der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) statt, der heute als Höhepunkt der Liberalisierung des politischen Lebens in Jugoslawien in den 1950-er Jahren gilt. Über 2.000 Delegierte nahmen an dem Kongress teil und das brachte es mit sich, dass die Weinheimer Reisegesellschaft in keinem der Zagreber Hotels untergebracht werden konnte und (zu ihrem Vorteil) auf Schloss Mokritz im Grenzgebiet zwischen den heutigen Ländern Slowenien und Kroatien ausweichen musste. Die spätabendliche Begrüßung in der Burg aus dem 15. Jahrhundert mit Tanzmusik aus dem RIAS-Nachtprogramm ließ die Weinheimer die Strapazen der langen Anreise schnell vergessen.
Zagreb, während der deutschen Besatzung Hauptstadt des faschistischen Vasallenstaates Unabhängiges Kroatien, nun Metropole der Sozialistischen Republik Kroatien in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien, war das erste Ziel der Reise. Der erste Wettkampf vor 1.600 Zuschauern im Radnicki Dom, der „Arbeiterhalle“ von Zagreb, endete mit einer 8:12-Niederlage der AC-Staffel gegen den Boksklub Lokomotiva Zagreb. Für den AC 92 waren Basel, Müller, Pfirrmann und Lamb erfolgreich. Die Schlagstärke jugoslawischer Boxer verspürten die Weinheimer auch im zweiten Wettkampf beim Boksklub Mladost Osijek. Auch er ging mit 8:12 verloren. Vor 2.000 Besuchern beendeten Edgar Basel und Helmut Pfirrmann ihre Kämpfe vorzeitig.
Osijek, zu deutsch Esseg, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der historischen Region Slawonien mit damals 60.000, heute 110.000 Einwohnern, lag im Zweiten Weltkrieg an der Demarkationslinie zwischen dem faschistischen Kroatien und Ungarn. 180 Kilo-meter östlich von Zagreb entwickelte sich nach Prinz Eugens Sieg über die Osmanen eine besondere Sprachform: das „Essekerisch” (Osijek-Deutsch). Es wurde bis Kriegsende von 40 Prozent der Einwohner gesprochen und erleichterte den Weinheimern die Begegnung mit der Universitätsstadt und die abendliche Unterhaltung beim Tanz im Hotel Central. Den deutschen Gästen zu Ehren beendete das Universal-Ensemble sein Programm mit der Operettenmelodie „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren”.