Bürgeraktion Ost-West-Verkehr: Beispiel gelebter Demokratie

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Sieben Aktenordner füllten die Briefe, die nach Karlsruhe, Stuttgart und Bonn geschrieben wurden, die Notizen über Hunderte von Telefongesprächen mit den Straßenbauverwaltungen Baden-Württembergs und Hessens, mit dem Bundesverkehrsministerium und den Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus der Region geführt wurden, und schließlich die zahlreichen Zeitungsberichte, mit denen das Anliegen der Bürgeraktion einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Am 9. Dezember 1999 durften die Ordner geschlossen und ins Archiv gestellt werden. Die Bürgeraktion „Weinheimer Ost-West-Verkehr” war am Ziel.
Das Bemühen, die Obrigkeit vom Saukopftunnel als einzig realistischer Entflechtung des stetig wachsenden Verkehrsaufkommens zischen dem Weinheimer Kreuz der A 5 und dem Weschnitztal zu überzeugen, hat Namen: Hilde Wilhelm und Renate Frank, Egon Schlegel, Helmut Frank, Albert Woithe, Klaus Hoffmann und Hans Bayer stehen für einen Kreis von Weinheimern, die sich nicht mit den nach ihrer Meinung unsinnigen und auch unmenschlichen Planungen für einen „Stadtdurchbruch” mit der B 38 abfinden wollten. Dass sie sich mit ihren Vorschlägen letztlich durchsetzen konnten, ist ein Stück lebendiger Demokratie in einer Zeit, da der mündige Bürger zwar in jeder großen Politikerrede vorkommt, aber oft ohne Gehör bleibt. Die Bürgeraktion „Weinheimer Ost-West-Verkehr” hat bewiesen, dass nicht generell die verzagende Feststellung gilt: Die da oben machen doch, was sie wollen.
Am Anfang war ein Plan, um den sich Renate und Helmut Frank beim Regierungspräsidium Karlsruhe bemühten, als ihn in Weinheim noch niemand kannte. Er bestätigte ihren Verdacht, dass sich auch um ihr Haus an der Viernheimer Straße Schlimmes zusammenbraute, ohne dass sie darüber informiert worden waren. Die Trasse der neuen vierspurigen Bundesstraße 38 war über ihren Hausgarten geplant und sollte nur fünf Meter entfernt am Schlafzimmer vorbeiführen. Da gleichzeitig vier Nachbarhäuser von der neuen Straße bedroht wurden und auch das Kreispflegeheim nächster Nachbar einer stark befahrenen Durchgangsstraße werden würde, machten die Franks mobil und erhielten schnell Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Planung. Zusammen mit Egon Schlegel gründeten sie die Interessengemeinschaft Viernheimer Straße. Ihr schlossen sich bald die Anwohner von Werder- und Weschnitzstraße, Birkenauertalstraße, Entengasse und Alte Postgasse an, denn auch hier waren Eingriffe geplant.
Unter dem Namen „Interessengemeinschaft B 38 neu” suchten die Gegner eines vierspurigen Stadtdurchbruchs das Gespräch mit Kommunal- und Regional-Politikern. Aus der Südstadt verstärkten schließlich die Mitglieder der „Interessengemeinschaft Leibnizstraße” die Bürgeraktion „Weinheimer Ost-West-Verkehr”. Sie wandten sich gegen die von der Stadt Weinheim geplante West-Ost-Spange aus dem Multring. Statt der „monumentalen Straßenplanungen”, die wertvolle Bausubstanz opfern würden, forderte die Bürgeraktion die Nordumgehung Weinheims mit einem Tunnel. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, ließen ihre Sprecher keine Sprechstunde der Gemeinderatsfraktionen aus, kein Bürgerforum und keine Diskussionsveranstaltung aus und nutzten vielfältig die Leserbrief-Spalten der „Weinheimer Nachrichten”.
1976 konnte Klaus Hoffmann, der Sprecher der Bürgeraktion, mit einem großen Aufatmen feststellen: „Aus der Utopie Nordumgehung ist Wirklichkeit geworden”. Dazu hatten vor allem die unablässigen Bemühungen n der Bürgeraktion, aber auch einige spektakuläre Aktionen geführt, die dem Bonner Finanz-Staatssekretär Rainer Offergeld und dem Stuttgarter Innenminister Lothar Späth im entnervenden Stau des Berufsverkehrs die tägliche Belastung der Anwohner und Pendler erlebbar und spürbar machten.
Sie kämpften erfolgreich für den Saukopftunnel: Helmut und Renate Frank, Albert Woithe, Hilde Wilhelm, Egon Schlegel und Hans Bayer (von links), die Sprecher der Bürgeraktion Weinheimer Ost-West-Verkehr. Auf dem Bild fehlt Klaus Hoffmann. Bild: WN-Archiv/Kopetzky
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