Hausfrauen schätzten Badenia-Kernseife: Die Geschichte der Seifenfabrik

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Für die alten Weinheimer war die Fabrik, die der gerade aus dem Deutsch-Französischen Krieg heimgekehrte Georg Adam Bechtold 1871 an der Steighausstraße, einer heute nicht mehr bestehenden Parallelstraße zur Grundelbachstraße, auf der Ostseite des Grundelbachs gegründet hatte, immer „die Saafe”. Die Weinheimer liebten kurze, präg-nante Ausdrücke und verabscheuten langatmige Formulierungen. Deshalb nannten sie die mit den großen technischen Erfindungen des 19. Jahrhunderts entstandenen Fabriken kurz nach dem, was sie herstellten: die Nudel, die Feile, die Gummi, die Berschte und eben die Saafe. Damit waren die „Erste Badische Dampfteigwarenfabrik Wilhelm Hensel”, das spätere Drei-Glocken-Werk, die Feilenfabrik Johann Reinig, später Otto Steuerwald, die „Weinheimer Gummiwarenfabrik Weisbrod & Seifert”, die späteren Weinheimer Gummiwerke, und die Bürstenfabrik Stumpf & Heinzerling (später Naturin) gemeint. Keines dieser Unternehmen, die allesamt wichtige Beiträge zum Industriestandort Weinheim geleistet haben, besteht noch heute.
„Die Saafe”, die Seifenfabrik Bechtold & Förster, ist aus dem Handwerksbetrieb des in Darmstadt und in der Schweiz ausgebildeten Seifensieders Georg Adam Bechtold hervorgegangen. In den 1890-er Jahren verband sich Bechtold mit seinem Schwager Förster, der zwar nach neun Jahren wieder ausschied, dessen Name der Firma aber bis zum Ende erhalten blieb. 1906 wurde die Seifenfabrik Bechtold & Förster in eine Familien-GmbH umgewandelt, 1937 in eine Familien-KG. In 53-jähriger Arbeit entwickelte der Gründer seinen Handwerksbetrieb zu einer der bedeutendsten Hausseifen-Fabriken Süddeutschlands, die in ihren besten Zeiten über 100 Mit-arbeiter beschäftigte. Schwiegersohn Richard Amendt von 1924 bis 1948 und danach dessen Schwiegersohn Curt Lohmeyer leiteten die Firma bis zum Ende 1954.

Ein Blick in die Firmengeschichte verrät, dass das Unternehmen 1905 einen neuen Südflügel mit Siederei erhielt, dass nach einem verheerenden Brand 1907 der Nordflügel spiegelbildlich neu erstellt wurde und beim weiteren Ausbau des Werks besonderer Wert auf die Fettveredelung gelegt worden ist. „Mit unseren Fettveredelungsanlagen waren wir jeder Konkurrenz gewachsen”, hat Richard Amendt in die Firmengeschichte geschrieben.

Wichtigste Erzeugnisse von Bechtold & Förster waren Haushaltsseifen, vor allem Kern- und Schmierseifen, später auch Seifenflocken und Seifennudeln. Im letzten Friedensjahr 1938 wurden über 2.000 Tonnen Kernseifen und Seifenflocken hergestellt. Damit waren die Weinheimer in Süddeutschland drittgrößter Produzent hinter Sunlicht (Mannheim) und Krämer & Flammer (Heilbronn). Mit 1.700 Tonnen Schmierseife standen sie sogar auf Platz 1. Im Zweiten Weltkrieg lag der Produktionsschwerpunkt auf Industrie- und Militärseifen, weil Kern- und Schmierseifen aus Rohstoffmangel kaum noch hergestellt werden konnten.

Die Blütezeit des Unternehmens war nach dem Zweiten Weltkrieg vorüber. Der Neubeginn 1945 war schwierig und weiterhin von Rohstoff-mangel geprägt. Nicht mehr zu halten war Amendts Wahlspruch: „Statt teurer Reklame lieber gute Qualität”. Jetzt musste auf Werbung und auf neue Produkte umgestellt werden. Doch für die Einführung neuer Feinseifen aus Weinheim reichte die Zeit nicht mehr aus. 1953 fassten die Gesellschafter den Entschluss, die Produktion 1954 einzustellen. Mit dem Ende der Produktion, der Löschung des Firmennamens im Handelsregister 1961 und dem Abbruch der Firmen-gebäude 1973 ging ein Stück Weinheimer Industriegeschichte zu Ende. Außer einem 200 Gramm schweren Stück Badenia-Kernseife erinnert heute nichts mehr an die Seifenfabrik Bechtold & Förster, die „Woinemer Saafe”.