Weinheim im Baedeker: „Alte Stadt mit ansehnlicher Industrie”

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
In der Reihe der berühmten Baedeker, der 1827 in Koblenz von Karl Baedeker „erfundenen”, bis heute beliebten und geschätzten Reiseführer, kam 1902 die 29. Ausgabe im Leipziger Verlag von Karl Baedeker heraus. „Die Rheinlande von der Schweizer bis zur holländischen Grenze” war das Thema im damals neuesten „Handbuch für Reisende”.
Die Route 3 dieser Ausgabe beschrieb die Bergstraße zwischen Frankfurt und Heidelberg. Baedekers Informationen wandten sich an Bahnreisende und deshalb waren die Bahnhöfe entlang der Bergstraße stets der Ausgangspunkt der Stadtbesichtigungen, Wanderungen und Ausflüge. „Nördlich von Heppenheim, einem Städtchen von 5.800 Einwohnern”, trete die Bahn auf badisches Gebiet, machte das Handbuch, geografisch nicht ganz korrekt, den Reisenden aufmerksam auf die Staatsgrenze zwischen den Großherzogtümern Hessen und Baden. „Über die kleine Weschnitz” führe die Bahnlinie dann direkt nach Weinheim.
Erste Weinheim-Information im Baedeker von 1902 war der Hinweis auf die drei wichtigsten Gasthäuser: „Pfälzer Hof” ((Reiffe)l, altbekanntes Haus mit großem Garten, 36 Zimmer zu 1½ bis 2 Mark, 2 Personen 4½ bis 5 Mark, „Vier Jahreszeiten” in der Stadt, „Prinz Wilhelm” am Bahnhof. 120 Jahre später besteht keines der einst führenden Häuser Weinheims mehr: auf dem Areal des „Pfälzer Hof“ und seiner Festhalle steht heute die Stadthalle, in den Mauern der „Vier Jahreszeiten” ist das Kaufhaus Birkenmeier gewachsen (heute Weinheim-Galerie) und das Hotel „Prinz Wilhelm” wurde erst Finanzamt und dann Dienstgebäude des Polizeireviers.
Weinheim wurde auf 108 Metern Meereshöhe und „an der Mündung des Birkenauer und des Gorxheimer Thals” beschrieben, mit 11.000 Einwohnern und „ansehnlicher (Leder-)Industrie”. Außerdem erfuhr der Baedeker-Leser: „Die alte Stadt, die ehemals zur Abtei Lorsch gehörte, wurde im Dreißigjährigen Krieg und 1689 bei der Pfalzverwüstung mehrfach zerstört. Einige Türme der Befestigung, das Deutsch-Ordens-Haus (heute Amtshaus) und das gotische Rathaus sind noch vorhanden. Der gotische Turm der katholischen Kirche und der ebenfalls gotische Turm des von Berckheim‘schen Schlosses sind modern. Östlich ragt Burg Windeck auf einem Bergkegel (220m) empor, mit hohem, rundem Bergfried, schon im 12. Jahrhundert erwähnt, später kurpfälzisch; hübsche Aussicht”.

Spaziergänge auf markierten Wegen wurden empfohlen „im Birkenauer Thal (große Mühlenwerke) zur Fuchsschenmühle mit Gartenwirtschaft und Haltestelle der Eisenbahn, im Gorxheimer Thal, zum Kastanienwald, auf den Wachenberg (402m), Geiersberg (341m), Hirschkopf (349m) usw.”. Und auch das war eine wichtige Information: „In Weinheim wächst der Hubberger, der beste Bergsträßer Wein”.
An der Bergstraße zwischen Weinheim und Heidelberg („17 km, in ca.1¼ Stunden mit der Straßenbahn, an der Bergstraße entlang, von der sich die Eisenbahn entfernt”) beschrieb der Baedeker „das durch den guten Rotwein bekannte Dorf Lützelsachsen (Gasthaus Traube), Großsachsen (Gasthaus Lamm), zugleich Eisenbahnstation, Leutershausen und Schriesheim (Gasthaus Deutscher Kaiser), malerisch überragt von den Trümmern der Strahlenburg (204m, Wirtshaus). Bei der ehemaligen Feste Schauenburg vorüber führe der Reiseweg „nach Dossenheim mit Brüchen roten Porphyrs nach Handschuhsheim, einem von Heidelberger Studenten viel besuchtes Dorf mit den Wirtshäusern Badischer Hof, Krone und Roter Ochse, zuletzt durch Neuenheim und über die neue Neckarbrücke zum Bismarckplatz in Heidelberg, am Eingang der Hauptstraße”.
Von Weinheim aus, informierte der Baedeker weiter, könne man mit der Straßenbahn über Käferthal nach Mannheim kommen, mit der Eisenbahn nach Fürth. Nächste Haltepunkte der Main-Neckar-Bahn seien Großsachsen und Ladenburg.
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