Umstrittener Wahlkreis: Bundestagswahlen 1949 bis 1984

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Der 19. November ist ein Erinnerungstag an zwei denkwürdige Wahlen: am 19. November 1922 fanden, zum zweiten Mal nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und des Kaiserreichs, Kommunalwahlen statt, am 19. November 1972 wurde der 7. Deutsche Bundestag neu gewählt. Die Ergebnisse: vor 100 Jahren wurde in Weinheim die sozialdemokratische Mehrheit von einem konservativ-nationalen Bündnis abgelöst, in dem sich bereits erste nationalsozialistische Tendenzen zeigten. Vor 50 Jahren fand in der Bundesrepublik die erste vorgezogene Bundestagswahl statt. Sie wurde, auch in Weinheim, zum größten Erfolg der SPD in ihrer Geschichte. Die „Willy-Wahl” erfuhr mit 91,1 Prozent die höchste Wahlbeteiligung aller bis dahin 20 Bundestagswahlen.

Streitpunkt Ostpolitik

In Bonn hatte die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt durch Fraktionswechsel von je vier Abgeordneten der SPD und der FDP, die die Neue Ostpolitik nicht mittragen wollten, ihre Mehrheit im Parlament verloren. Zwar scheiterte im April das Misstrauensvotum gegen Brandt, doch die Koalition hatte keine handlungsfähige Mehrheit mehr. Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD)löste den Bundestag auf. Neuwahlen waren die Folge, an denen erstmals auch Jungwähler ab 18 Jahren teilnehmen durften. Am Ende eines emotionalen Wahlkampfs über Bestätigung oder Ablehnung der Ostpolitik machten 45,9 Prozent der Wähler bei der SPD ihr Kreuzchen, 44,9 Prozent bei der CDU/CSU.

Umkämpfter Wahlkreis

Der Wahlkreis Mannheim II, 1965 aus dem Nordbezirk des Landkreises Mannheim um Weinheim und 14 Mannheimer Stadtteilen neu gebildet, galt als einer der umstrittensten Wahlkreise in Baden-Württemberg. Man rechnete mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Hochschullehrer Dr. Hans-Georg Schachtschabel (SPD) und Dr. Gerhard Zeitel (CDU), die 1969 nur 4.500 Stimmen auseinander gelegen hatten. Doch am Wahlabend hatte sich dieser Vorsprung für Schachtschabel nicht verringert, sondern auf 13.705 Stimmen erhöht. 23 Wahlbezirke und die Briefwahl gewann der SPD-Mann aus Mannheim, sieben der CDU-Herausforderer aus Hohensachsen. In Weinheim fielen von 46 Wahlbezirken 33 an die SPD und 13 an die CDU. Erstmals wählten auch die sechs Gemeinden, die sich im Laufe des Jahres für einen Anschluss an Weinheimentschieden hatten, im neuen Stadtverbund.

Barzel und Brandt

In einem emotionalen Wahlkampf sprach in Weinheim: Kanzlerkandidat Rainer Barzel, der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger und Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident, für die CDU, Bundeskanzler Willy Brandt, Kanzleramtsminister Horst Ehmke und Baden-Württembergs Innenminister Walter Krause für die SPD und Bundesaußenminister Walter Scheel für die FDP, die von der Kampagne „Erststimme für die SPD, Zweitstimme für die FDP” auch in Weinheim profitierte.

Die Ergebnisse von 1949 bis 1984

Bis zur Wahlkreisreform 1965 hatte der Wahlkreis den Grenzen des Landkreises Mannheim entsprochen und war 1949 von dem Parteilosen Richard Freudenberg, 1953 und 1957 von Bundesschatzminister Dr. Hermann Lindrath (CDU) und 1961 von dem Weinheimer CDU-Stadtrat Dr. Helmut Artzinger gewonnen worden. Nach der Wahlkreisreform holte die SPD mit dem Mannheimer Studienrat Dr. Paul Kübler und einem hauchdünnen Vorsprung von 45 Stimmen erstmals das Direktmandat. 1969 mussten die Sozialdemokraten um das Direktmandat bangen, als der plötzliche Tod Dr. Küblers zur kurzfristigen Aufstellung eines neuen Kandidaten zwang. Professor Schachtschabel gewann dann überraschend deutlich und blieb bis 1983 Wahlkreis-Vertreter in Bonn. 1984 errang mit Professor Dr. Roswitha Wisniewski erstmals wieder die CDU das Direktmandat. Ihr SPD-Gegenkandidat war der spätere Weinheimer Oberbürgermeister Uwe Kleefoot.

© www.wnoz.de, 2022

 

Sign up