Ein sympathischer Botschafter Weinheims: Herbert Burkhardt

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Herbert Burkhardt ist tot. Er starb am Morgen des Fronleichnamstages2023 im Alter von 95 Jahren. Nach einem langen Leben, das ihm viel öffentliche Anerkennung für sein vielfältiges berufsständisches und bürgerschaftliches Wirken brachte, mit dem er aber auch vielen Menschen an schwierigen Tagen die Sorgen nahm und ihnen neue Zuversicht schenkte. Herbert Burkhardt war, in heute häufiger Wortwahl, eine Legende auf den beiden Feldern, die sein Leben prägten: der Unterhaltungskunst und der Standesvertretung. In beiden Bereichen hat er tiefe Spuren hinterlassen, die an sein kreatives Wirken erinnern und an einen Menschen, der zeitlebens dem Schönen zugewandt war, die Musik liebte und natürliches, gepflegtes Frauenhaar, das er gestalten durfte.
Herbert Burkhardt, 1928 in Weinheim geboren, im Herzen der Innenstadt rund um das väterliche Friseurgeschäft in den „Vier Jahreszeiten” (heute Weinheim-Galerie) aufgewachsen, im damaligen jugendlichen Spannungsfeld zwischen Fanfarenzug und Kirchgang geprüft und schließlich noch von den Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs erfasst, war ein „Botschafter Weinheims”, lange bevor es diesen Ehrentitel gab. Dabei nutzte er das musikalische Talent, das ihm in die Wiege gelegt worden war. Mit sieben Jahren hatte er seinen ersten Klavierunterricht und lernte sehr schnell, die Tasten mit den Melodien zu bewegen, die aus dem neuen Medium Rundfunk erklangen. Mit dem Einmarsch der Amerikaner änderten sich die Titel und der Rhythmus der Schlager, in Weinheims „Ami-Clubs” spielte der 17-jährige Herbert Burkhardt nun Swing-Klassiker. Sein prominentester Zuhörer war „Ike” Eisenhower, der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte in Europa, für den der junge Weinheimer Pianist mit ehemaligen RBT-Musikern im US-Offiziersclub auf der Heidelberger Molkenkur jazzte. Das 1945 von Michael Jary im Auftrag der Sowjetischen Kulturadministration gegründete Radio Berlin Tanzorchester (RBT) hatte sich gerade aufgelöst, weil amerikanisch beeinflusste Musik in der sowjetisch besetzten Zone nach Ausbruch des Kalten Krieges nichts mehr galt, und im Westen neu formiert.
Das Klavier blieb Herbert Burkhardts Begleiter bis in seine späten Jahre. Auf den schwarzen und weißen Tasten erfüllte er sich viele Träume. Er saß am Klavier, wenn die von ihm gegründeten „Weinheimer Blütensänger“ auf vielen nationalen und internationalen Bühnen gefeiert wurden, er spielte zu den Sketchen, mit denen sich die von ihm initiierten „Spitzklicker” zu einem renommierten Kabarett-Ensemble entwickelten, er bildete mit Fritz Metz und Gerhard Kaißling die „Swing-Oldies”, die an drei Klavieren zur Swingtime die Säle füllten. Und er setzte sich (natürlich) ans Klavier, als er zu Jahresbeginn seinen 95. Geburtstag mit alten Freunden und Weggefährten feierte. Kaum jemand hat Weinheim so unterhaltsam und sympathisch repräsentiert wie Herbert Burkhardt mit den Ensembles, die seine musikalische Handschrift trugen.
Ein gemeinsames Stichwort verbindet die Musikwelt Herbert Burkhardts mit seiner Berufswelt: Nachwuchsförderung. Früh hat er erkannt, dass die Nachkriegsjugend zu vielen Freizeitaktivitäten tendiert, aber wenig vom traditionellen Chorgesang angezogen wird. Also gründete er 1957 die „Blütensänger” als alternatives Angebot. Eine ähnliche Entwicklung ist im Friseurhandwerk verlaufen. „Viele junge Menschen sind motiviert und verfügen zudem über ein besonderes Talent, aber sie gehen mit schlechteren Ausgangsbedingungen an den Start und haben damit auch weniger Möglichkeiten, ganz nach oben zu kommen”, sagte Burkhardt 2011, als in Hamburg eine Stiftung der Intercoiffure Deutschland „zur Förderung sozial benachteiligter junger Menschen im Friseurhandwerk“ gegründet und mit seinem Namen verbunden wurdet. Unter dem Motto „Wer Bildung fördert, stiftet Zukunf” gewährt die Herbert-Burkhardt-Stiftung außergewöhnlich Begabten finanzielle Förderung, vermittelt attraktive Aus- und Weiterbildungs-Möglichkeiten und dient damit dem gesamten Handwerk, dem ansonsten möglicherweise Talente verloren gehen würden.
Mit der Stiftung würdigte Intercoiffure Deutschland das berufliche Lebenswerk von Herbert Burkhardt, der 23 Jahre Präsident der deutschen Sektion von Intercoiffure Mondial war und bei seinem Ausscheiden 1994 zum ICD-Ehrenpräsidenten ernannt wurde. Burkhardt war zusätzlich Vizepräsident des Weltverbandes und Amtsvertreter des französischen Weltpräsidenten und Top-Createurs Alexandre de Paris war, dessen Amtseinführung er als Propaganda-Direktor organisierte. Intercoiffure Mondial ist ein Netzwerk der internationalen Mode. Ihm gehören auf fünf Kontinenten und in 55 Ländern rund 3.000 Premiumfriseure an. 1977 leitete Herbert Burkhardt den Deutschland-Kongress auf der Wachenburg und machte seine Heimatstadt damit auch unter den Topfriseuren bekannt. Die Internationale des Coiffeurs des Dames (ICD), der Weltverband, hat Burkhardts jahrzehntelanges Engagement mit allen Stufen seines Ehrungsordens gewürdigt bis hin zur Weißgold-Platte mit Cocteaus Bild „Eva erfand die Mode“, die Burkhardt 1985 erhielt. Er war damals erst der dritte Empfänger nach Prinzessin Caroline von Monaco und dem Pariser Bürgermeister Jacques Chirac, der später französischer Staatspräsident wurde. In Deutschland würdigte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1983 das „weltweite Wirken eines deutschen Friseurmeisters” mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks zeichnete Burkhardt mit seiner goldenen Ehrennadel aus.
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