Der Klassiker aus dem „Bauchladen”: das „Freidebergs-Kärchl”

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Wohl dem, der 1946 ein „Freidebergs-Kärchl” besaß, jenen zweirädrigen Handwagen und Fahrradanhänger aus dem „Bauchladen-Programm” der Firma Carl Freudenberg. Hans Freudenberg hatte diesen Begriff für eine Reihe von Produkten gewählt, mit denen das Unternehmen den Menschen helfen wollte, Kriegsschäden zu beseitigen oder nachkriegsbedingte Notlagen zu überbrücken. Dachschindeln und Bauplatten zur Reparatur zerstörter Dächer und Mauern gehörten dazu, Handtaschen und Schulranzen aus Kunstleder, Besen aus Marena, dem künstlichen Rosshaar, Sohlenschoner aus Kernleder-Abfallstücken, Knöpfe aus Kunstharz, Krückenkapseln und Gärverschlüsse aus Gummi, Pfannen aus Blech – alles Dinge, die dringend gebraucht wurden in einer Zeit, in der die weitestgehende Selbstversorgung entscheidend war für das Bestehen in der Not.
Der Star im „Bauchladen-Programm” war ein einfacher Kastenwagen, mit Deichsel 1,60 m lang und einem Kasten von 60 auf 80 cm über zwei Rädern. „Simmer-Wägelchen” hieß das Produkt. Es war allerdings keine Konstruktion des genialen Simmerring-Erfinders Walter Simmer, sondern wurde im Simmerwerk aus Blech und Faserpappe zusammengebaut und hieß deshalb Simmer-Wägelchen. Die Weinheimer nannten es schnell und für alle Zeiten „Freidebergs-Kärchl” und anerkannten damit das Bemühen des größten Arbeitgebers, aus Restbeständen und Produktions-abfällen hochwillkommene Hilfen zur Bewältigung des schweren Alltags herzustellen.

Mit dem „Freidebergs-Kärchl” konnte man Sammelholzaus dem Wald als wertvollen Brennstoff nach Hause bringen, man konnte das Wägelchen ans Fahrrad hängen, wenn man denn eines besaß, und Feldfrüchte transportieren, wenn sie nicht vorher schon geklaut worden waren. Man konnte Eisstangen für den Eisschrank von der Engel-Brauerei oder dem Schlachthof holen und in der frühen Dunkelheit des Tages, aber noch vor der Sperrstunde, das eigentlich ablieferungspflichtige Obst zum Tauschpartner bringen und dafür ein Kinderbett mit zurücknehmen – oder umgekehrt.
Natürlich war das „Kärchl” nicht nur ein gesuchtes Transportmittel im blühenden Tauschhandel, sondern selbst auch ein gesuchtes Tauschobjekt, so wie Freudenberg in diesen Tagen nicht nur produzierte, sondern auch „kompensierte”: kleine Motoren aus einer völlig zerstörten kleinen Firma wurden bei Pfaff gegen Nähmaschinen für die eigene Schuhfabrik eingetauscht. Und als eine Saftfabrik Tomatensaft anbot, um von Freudenberg Gummikapseln für den Flaschenverschluss zu bekommen, gab’s in der Werkskantine halt eine Woche lang Tomatensuppe.

Im Unternehmensarchiv Freudenberg sind solche Geschichten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gesammelt. Hier stehen auch zwei „Simmer-Wägelchen”, die neben dem 1946-er, inzwischen fast 80-jährigen Urmodell von Wolf-Rüdiger Pfrang (Bild oben) wie eine Luxusausgabe wirken: mit gummibereiften Rädern und Raumauskleidung (Bild links). Kaum wiederzuerkennen ist auf einem historischen Foto das „Freidebergs-Kärchl” als Motivwägelchen beim Sommertagszug, festlich geschmückt am Fuß des Marktplatzes, als Goedecke dort noch zu Hause war.
Wie lange der Freudenberg-Transporter ein Verkaufsschlager war, ist nicht bekannt. Doch zumindest die Räder hatten bei den spektakulären Seifenkistenrennen der 1950-er Jahre eine Renaissance.
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