Geschichten um die ältesten Fotos aus Weinheim

Enthüllung des Obelisken auf dem „Galgenbuckel”.
Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Badischen Landwirtschaftlichen Vereins wurde am 10.10.1869 auf dem „Galgenbuckel” ein Obelisk enthüllt, um Lambert Freiherr von Babo für seine Verdienste um die badische Landwirtschaft zu danken. Bild: Stadtarchiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Badischen Landwirtschaftlichen Vereins wurde am 10. Oktober 1869 auf dem „Galgenbuckel” ein Granit-Obelisk enthüllt, mit dem die landwirtschaftlichen Vereine Badens Lambert Freiherr von Babo ihren Dank abstatteten für seine Verdienste um die badische Landwirtschaft. Eine große Schar weiß gekleideter Mädchen mit gelb-roten Schärpen und Efeukränzen im Haar umstand das Denkmal. Als 1912 der Bau der OEG-Brücke anstand, musste das Babo-Denkmal weichen und steht heute im Stadtgarten. Rechts oben im Bild der neue Bahnhof, umgeben von unbebautem Gartenland. Bilder: Stadtarchiv

Bis zum Jahreswechsel 1989/90 galt der Bildbericht eines unbekannten Fotografen von der Einweihung des Babo-Denkmals am 10. Oktober 1869 auf dem sogenannten „Galgenbuckel”, dem alten Weinheimer Gerichtsplatz in Bahnhofsnähe, als das älteste Foto von Weinheim. Es war zwischen November 1989 und März 1990 Teil der Sonderausstellung des Museums mit dem Titel „Bitte recht freundlich – Die Anfänge der Fotografie in Weinheim”.

Blick aus dem Müllheimer Tal auf die Stadt (1864)
1864 hielt Francis Friths Kamera diesen Blick aus dem Müllheimer Tal auf die Stadt fest. Bild: Stadtarchiv

Anruf aus Ladenburg

Mitten in die Ausstellung platzte damals der Hinweis eines Ladenburger Fotohistorikers, es gebe einen bebilderten Roman mit zwei noch älteren Abbildungen aus Weinheim. Dabei handelte es sich um „Hyperion- A Romance” von Henry W. Longfellow, eine Reisebeschreibung von Rhein, Schwarzwald und Tirol in englischer Sprache. Der amerikanische Schriftsteller hatte den großen englischen Fotografen Francis Frith, bekannt durch seine drei Ägypten-Syrien-Reisen, für die Bebilderung seines Romans gewinnen können. Frith machte die Reise 1864 und fotografierte die „typischsten” Motive des Romans, der 1865 erschien.

Fuchs’sche (vorne) und die Kinscherf’sche Mühle mit der neuen Brücke (historisches Bild).
Frith nannte das Motiv „The Mill, Birkenau” und meinte damit die Fuchs’sche (vorne) und die Kinscherf’sche Mühle mit der neuen Brücke. Bild: Stadtarchiv

In Weinheim wählte er ein Motiv aus dem Müllheimer Tal mit dem Blick von Osten auf das kleine Taglöhner-Häuschen vor dem Gasthaus „Zum Odenwald“ und auf das Müllheimer Tor, das 1882 abgebrochen wurde. Zu sehen ist auf dem Foto von 1864 auch der Hexenturm, der damals noch vom Grundelbach umspült wurde, denn die Grundelbachstraße gab es erst ab 1886.

Das zweite Motiv ist ein Blick ins Birkenauer Tal mit dem Areal der Fuchs’schen Mühle und der Kinscherf’schen Mühle.

Das älteste Bild der Stadt Weinheim (1862)
Weinheim im Jahr 1862, als der Norweger Knud Knudsen das nun älteste Bild der Stadt machte. Bild: Stadtarchiv

Korrektur in Reutlingen

Fast 30 Jahre lang galten die beiden Frith-Fotos als die ältesten Ansichten von Weinheim. Doch wieder korrigierte ein Zufall diese Meinung. Im Reutlinger Heimatmuseum fand 2020 eine Sonderausstellung statt, die unter dem Titel „Reise nach Reutlingen 1862” dem Norweger Knud Knudsen gewidmet war, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der bedeutendste Landschaftsfotograf Skandinaviens war.

Eine Freundin machte die Weinheimer Museumsleiterin Claudia Buggle darauf aufmerksam, dass unter den Motiven, die Knudsen auf den zahlreichen Stationen seiner Reise nach Reutlingen 1862 mit seiner Stereokamera aufgenommen hatte, auch zwei Fotos aus Weinheim seien.   

Das Stadtarchiv verwahrt die beiden Aufnahmen als Reproduktionen aus dem 150-jährigen Bildband, in dem Knudsen den Städten Köln, Hamburg, Heilbronn, Weinheim, Wittenberg, Berlin und Reutlingen ihre ersten fotografischen Stadtansichten schenkte. In Weinheim richtete er am 10. Mai 1862 sein Objektiv wahrscheinlich von der neuen Steinernen Brücke aus nach Süden und nach Osten.

Ein Zeitdokument

Die Aufnahme von der kurvigen Einmündung der Birkenauertalstraße in die Bergstraße, an der später die Anlage mit dem Bismarck-Denkmal (heute im Haganderpark) entstand, ist ein bedeutendes Zeitdokument. Orientierungspunkte, die es auch heute noch gibt, sind im Vordergrund die „Steinerne Brücke“ über die Weschnitz, in den 1830-er Jahren mit dem Bau der Stadtumgehung, der heutigen Bergstraße, errichtet, am rechten Bildrand angeschnitten der damals neue Stammsitz der Post-halterfamilie Hübsch und links die Alte Post. Verschwunden ist heute dagegen das einstige Wohnhaus der Bierbrauerfamilie Metz (später Sonnen-Apotheke, dann Anadolu, das erste türkische Geschäft in Weinheim, heute Parkplatz der Hausbrauerei), verändert hat sich daneben das einstige Sudhaus der Brauerei Metz (später Strickwarenfabrik Stöldt, nach dem 2. Weltkrieg Zwischenstation von Kukirol zwischen Alter Post und Neubau Heinestraße, heute Jacques Weindepot). Auf der Höhe über den Rebanlagen zu beiden Seiten der Bergstraße thront die Villa des Tuchhändlers Josef Merkle (später Villa Hirsch, danach Villa Hagander, heute Volksbank).

Obstbäumen vor Weinheim (historische Fotografie).
In Weinheim dominierte noch das Interesse Knudsens an Obstbäumen. Doch wo hat er sie fotografiert? Bild: Stadtarchiv

Südlich der Steinernen Brücke gab es 1862 noch nicht das „Scharfe Eck” (später „Zur Bergstraße“, heute Restaurant Janni), dafür aber ein Fabrikgebäude mit weithin sichtbarem Schornstein. Es ist aber nicht, wie man annehmen könnte, die Teigwarenfabrik Wilhelm Hensel (später 3 Gloken), die erst 1884 be-gründet wurde, sondern die längst in Vergessenheit geratene Essigfabrik Klein, die Ludwig Klein, Sohn des Inhabers der Engel-Apotheke und Abgeordneten des Wahlkreises Weinheim in der Zweiten Badischen Kammer, 1854 zur Herstellung von Weinsteinpräparaten gegründet hatte. Klein ließ als Verbindung zur Station Weinheim der 1846 eröffneten Main-Neckar-Bahn eine Straße herstellen, die später seinen Vornamen Ludwig erhielt, und war außerdem der Bauherr des Kaiserlichen Postamts, von dem der heutige Postknoten seinen Namen hat, obwohl die Post den Platz längst verlassen hat. Einzelne Werksgebäude der Essigfabrik wurden später zu Wohngebäuden an Bergstraße und Ludwigstraße umgebaut.

Pomologe und Fotograf

Weniger aussagekräftig ist die zweite Wein-heimer Aufnahme von Knudsen. Sie bestätigt mit zahlreichen Obstbäumen im Vordergrund das die Deutschland-Reise auslösende Interesse Knudsens an der Zucht von Obstbäumen. Im elterlichen Hof am Hardangerfjord hatte der junge Mann eine der ersten Obstbaumschulen Norwegens gegründet und als Erster den Hardanger-Apfel, heute eine der bekanntesten norwegischen Apfelsorten, gezüchtet. Mit einem Auslandsstipendium des norwegischen Staates reiste er 1862 nach Reutlingen im Königreich Württemberg, um sich am Pomologischen Institut, damals eines der bedeutendsten Obstbauinstitute Europas, weiterzubilden. Die private Lehranstalt für Gartenbau, Obstkultur und Pomologie war 1860 gegründet worden. Um seine Reise durch die Staaten des Deutschen Bundes zu dokumen-tieren, hatte Knudsen eine Fotoausrüstung dabei, mit der er in stereoskopischem Verfahren Stadt- und Landschaftsbilder festhielt. Nach der Rückkehr von der Weiterbildung machte Knudsen die Fotografie zu seiner alleinigen Lebensaufgabe und war darin sehr erfolgreich.

Rätsel um Bildaussagen

Das zweite Weinheimer Bild Knudsens lässt viele Fragen offen. Einziger Orientie-rungspunkt ist die Windeck in der Bildmitte. Der Rest des Bildes lässt viel Raum für Spekulationen: wo standen diese großen landwirtschaftlichen Gebäude, vielleicht an der Alten Postgasse, handelte es sich bei dem daraus aufragenden Giebel um das Dach der großen Scheune, die später zum Saalbau des „Schwarzen Adler“ umgebaut wurde, in dem Bälle, Theater-, Vortrags- und Vereins-veranstaltungen, politische Kundgebungen und Sportwettkämpfe stattfanden? Es darf gerätselt werden.

© www.wnoz.de

 

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