Ein großer Weinheimer: Ehrenbürger Hermann Ernst Freudenberg

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Am 21. Oktober 1923 starb Hermann Ernst Freudenberg im Alter von 67 Jahren. Der 100. Todestag erinnert an eine herausragende Unternehmer-Persönlichkeit, die das vom Vater gegründete Unternehmen auf seine heutige weltweite Bedeutung vorbereitete, und an einen Ehrenbürger, der mit seinem Lebenswerk entscheidend dazu beigetragen hat, dass sich Weinheim vom Ackerbürgerstädtchen zu einer Industriestadt entwickeln konnte, die sich auch mit einer Fülle von Naturschönheit schmücken darf. Eine davon ist der Hermannshof, der seit 1900 den Namen des siebten von acht Kindern des Firmengründers Carl Johann Freudenberg trägt. Er ist das schönste Denkmal, das sich Hermann Ernst Freudenberg in seiner Geburtsstadt setzen konnte. 120.000 Besucher des heutigen Schau- und Sichtungsgartens für Stauden danken ihm alljährlich dafür.

Mit Hermann Ernst Freudenberg begannen die für beide Seiten bis heute fruchtbaren Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Unternehmen. Sie erschöpften sich nun nicht mehr in der großzügigen Förderung kommunaler Einrichtungen und des vom Hause Freudenberg nachdrücklich unterstützten Bürgerengagements in den Vereinen. Hermann Ernst Freudenberg begründete die bis in die jüngste Vergangenheit reichende Tradition kommunalpolitischer Mitwirkung der Familie an den Entscheidungen des Gemeinderats, dem er selbst von 1888 bis 1910 angehörte.
In dieser Zeit verdoppelte sich die Einwohnerzahl von 7.000 auf über 14.000 und der wachsenden Bedeutung der Stadt entsprachen repräsentative Bauten, die damals entstanden: das neue Bezirksamt an der Ecke Institutstraße/Grabengasse, das Kaiserliche Postamt und das Amtsgericht, Gewerbeschule, Realgymnasium, und Pestalozzischule und die Wachenburg. Die beiden christlichen Kirchengemeinden und die jüdische Gemeinde waren mit ihren historischen Gotteshäusern nicht mehr zufrieden und bauten Peterskirche, St. Laurentius und die 1938 zerstörte Synagoge an der Ehretstraße. Mit der Elektrifizierung der OEG-Linie nach Mannheim, dem Bau der städtischen Kanalisation und des Wasserwerks beim Schlachthof wurden Zukunftsentwicklungen ebenso festgelegt wie mit den Vorarbeiten für die Erschließung der Neubaugebiete Prankel, Wachenberg und Hirschkopf.
Weitsicht, Umsicht und Tatkraft wurden Hermann Ernst Freudenberg nachgesagt. Er setzte diese Tugenden auch als Gemeinderat ein, außerdem von 1886 bis 1890 als Bezirsrat und ab 1897 als Mitglied der Handelskammer Mannheim. Vor allem aber waren die Tugenden in den Jahren stürmischer industriellerr Entwicklung an der Spitze eines Unternehmens gefragt, das unter Hermann Ernst Freudenbergs Leitung zu einem der bedeutendsten in der Branche geworden war und mit seinem Leder Weltruf erlangt hatte. Über 3.000 Menschen arbeiteten in Weinheim und Schönau bei Carl Freudenberg, als mit der Umstellung von der Lohgerbung auf die Chromgerbung die entscheidende Voraussetzung für künftige Erfolge der stetig wachsenden Firma geschaffen wurden.
„Die Aufgabe, die ich übernommen habe, werde ich lösen”, hatte Hermann Ernst Freudenberg als Achtzehnjähriger aus Amerika den Eltern geschrieben. Sie machten sich nämlich Gedanken um den Lebensplan des jungen Mannes, der nach den Schuljahren am Bender’schen Institut, in Freiburg und Karlsruhe Fernweh entwickelt hatte und nach einer mehrmonatigen Reise durch Kleinasien 1874 in die USA gereist war, unbefriedigt von den Verhältnissen in der Weinheimer Fabrik. Ohne nennenswerte Unterstützung von Zuhause hat Hermann Ernst Freudenberg die beiden Amerika-Jahre zum Sammeln von Erfahrungen genutzt, die ihm sehr zu Gute kommen sollten. Als er 1876 heimkehrte, schwankte er kurz zwischen dem Eintritt in die Firma und einer akademischen Laufbahn. Er folgte dann aber dem Drängen der Eltern und des älteren Bruders Friedrich Carl (1848-1942) und unbewusst wohl auch einer inneren Stimme, seine Tatkraft, seine Organisationsfähigkeit und vor allem seine geniale technische Veranlagung dem väterlichen Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Unter Hermann Ernst Freudenberg wurden die Werksteile im Müll und im Sand wesentlich erweitert, mit ihm suchte sich das Unternehmen mit den an der Main-Neckar-Bahn liegenden Gewannen Zwischen Dämmen und Kapellenäcker seinen Zukunftsstandort. In den neuen Fabriken standen aber nicht nur Maschinen, dort arbeiteten auch Menschen und wie schon für seinen Vater war auch für ihn Leben und Schaffen ohne gegenseitiges Vertrauen nicht denkbar. Diese Einstellung fand im zeitgerechten Ausbau der sozialen Einrichtungen ihren Ausdruck.
Dem Gefühl der sozialen Verpflichtung entsprach die Anspruchslosigkeit in der Lebensführung. Daran änderte sich auch nichts, als das alte Bender’sche Badhaus, das an den untersten Bau der Alten Lackierfabrik angrenzte, für Fabrikzwecke gebraucht wurde und die große Familie – Hermann Ernst Freudenberg und Helene Siegert hatten zwölf Kinder, von denen allerdings zwei kurz nach der Geburt starben – in das 1888 von der Familie von Babo erworbene, 1820 vom großen badischen Baudirektor Friedrich Weinbrenner umgestaltet herrschaftliche Landhaus, das 1900 seinen Vornamen erhielt.
Aus Ehrungen und vornehmer Geselligkeit machten sich die Freudenbergs nichts, vielleicht mi diesen Ausnahmen: Großherzog Friedrich II. von Baden zeichnete Hermann Ernst Freudenberg 1906 mit dem Ritterkreuz Erster Klasse zum Zähringer Löwen aus und ernannte ihn 1910 zum Kommerzienrat, 1917 zum Geheimen Kommerzienrat. 1918 wurde ihm der Ehrenbürgerbrief seiner Heimatstadt von Bürgermeister Dr. Wettstein überreicht. (2023)