„Die Heck” – Geschichte des Weinheimer Gefängnisses

Der Rote Turm.
Der Rote Turm, Weinheims Gefängnisturm, und sein Nachfolger, „die Heck” (links). Bild: Stadtarchiv/Adelmann

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Über 50 Jahre lang kämpften Weinheims Bürger gegen den rötlichen Sandstein-Koloss bei der Einmündung der Grabengasse in die Rote-Turmstraße. Bereits am 3. Mai 1912 schrieben die Stadtväter an das Großherzogliche Amtsgericht: „Ergebenst erlauben wir uns die Anfrage, ob die Stadt Weinheim damit rechnen kann, dass in den nächsten fünf Jahren das heutige Amtsgefängnis beseitigt wird?”. In dem Brief wurde vor allem darauf verwiesen, dass das düstere Gemäuer im Herzen der künftigen Garftenstadt stehe. Diesem Hinweis fügte Bürgermeister Dr. Karl Alexander Wettstein an:“… dies sind Momente, die uns ei n freundliches Entgegenkommen des Hohen Justizministe-riums erhoffen lassen”. Die Hoffnung blieb unerfüllt. Am 25. Mai 1912 traf die knappe, aber unmissverständliche Antwort aus Karlsruhe ein: „Die Bitte wird abgelehnt”.

Gefängnis hinter viel Grün versteckt
Gemocht haben die Weinheimer ihr Gefängnis nie, sonst hätten sie es wahrscheinlich auch nicht hinter viel Grün versteckt. Bilder: WN-Archiv

Das 1840 beschlossene, 1841 erbaute und am Jahresende „zum offiziellen Gebrauch” dem Weinheimer Amtsgericht übergebene Gefängnis blieb Weinheim noch lange erhalten. Es diente nur bis 1927 seinem ursprünglichen Zweck. Nach der Verlegung der letzten Strafgefangenen ins Mannheimer Landesgefängnis bemühte sich die Stadt Weinheim in Verhandlungen mit der Justizverwaltung des Deutschen Reichs, das Gebäude in ihren Besitz zu bringen. 1940 lag ein konkretes Angebot vor und es lautete auf 28.000 Reichsmark. Doch der Vertragsentwurf blieb in der Mappe liegen und am 23. Oktober 1940, 28 Jahre nach der ersten Initiative zu ihrer Beseitigung, hieß es in der Tageszeitung: „Die Heck ist wirklich abbruchreif”.

Bei Kriegsende wurde „die Heck” von der amerikanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und wieder als Gefängnis verwendet. Diesmal hielten allerdings nicht Diebe und Dunkelmänner Einzug in den schäbigen Zellen, sondern meist ehrsame, den „Besatzern” aber unbequeme Bürger aus den Landkreisen Mannheim und Heidelberg oder junge Weinheimer, die das abendliche Ausgangsverbot missachtet hatten und von der Streife der Militärpolizei eingefangen worden waren. Mannheims damaliger Polizeidirektor zählte zu den Häftlingen in „der Heck”, weil ein inhaftierter GI aus dem Mannheimer Landesgefängnis ausgebrochen war. Schon der Besitz eines Stückchens Ami-Seife oder einer Schachtel Camel genügte, um wegen Besitzes amerikanischer Güter mit der Heck Bekanntschaft zu machen”, erzählte der damalige Chef der kommunalen Polizei, Hermann Langer, später immer wieder. Dass die Weinheimer Polizei häufig eine andere Vorstellung von Recht und Ordnung hatte und manchen Verhafteten auf Geheiß des amerikanischen Gerichtsoffiziers zwar durch die Vordertüre herein-, dann aber durch die Hintertüre wieder hinausführte, gehört zu den Bildern, die aus diesen Tagen vielen Weinheimern in Erinnerung geblieben sind.

„Die Heck” vor dem Abbruch.
„Die Heck” vor dem Abbruch: ein hässlich es Gebäude aus rotem Sandstein.

Die Zeiten änderten sich und aus den Besatzern wurden Freunde. „Die Heck” hatte ihre Schuldigkeit getan, aber noch lange nicht ausgedient. Als nach dem 17. Juni 1953 die Mitteldeutschen in Massen nach Westen flüchteten und die Kommunen verpflichtet wurden, eine bestimmte Zahl von DDR-Flüchtlingen aufzunehmen, erinnerte man sich in Weinheim dieses Notquartiers. Als die „Zonenflüchtlinge” auszogen, weil sie in der neuen Heimat schnell Fuß gefasst hatten, dienten die von den Außengittern zwar befreiten, im Innern aber nicht weniger tristen Räume weiter als Notquartiere.

Im Januar 1967 wurde „die Heck” endlich abgerissen. Auf dem Gelände wurde der Parkplatz am Roten Turm angelegt.

©www.wnoz.de, 1991

 

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