Geldentwertung prägte 1923 auch in Weinheim den Alltag

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Das Jahr 1923 brachte Deutschland die radikalste Geldentwertung seiner Geschichte: der Kaufkraftverlust der Mark nahm schwindelerregende Ausmaße an. Die Hyper-inflation, Folge des Ersten Weltkriegs, wurde zum Trauma - mit jahrzehntelangen Folgen. Sie stürzte Millionen Menschen in Armut und Verzweiflung, vernichtete unzählige Existenzen. Dabei hatten zu Jahresbeginn noch viele geglaubt, dass das neue Jahr eigentlich nur besser werden könne. Das frühe Erwachen der Natur schien ein Zeichen dafür. Schon Anfang Februar erblühten die Mandelbäume an der Kreispflege, das Storchenpaar vom Roten Turm bezog vorzeitig sein Nest und auch der Badenia-Storch kehrte früher als sonst aus dem Winterquartier zurück. Die Weinheimer empfanden das als Zeichen der Hoffnung, dass diese notvolle Zeit der dramatischen und traumatischen Geldentwertung und der damit wachsenden Armuts- und Existenzängste bald ein Ende haben werde. Die Hoffnung erfüllte sich nicht: März und April brachten Kälte und Regen und bremsten den Frühlingsbeginn aus.

Viele Verlierer

Die galoppierende Inflation blieb 1923 das Jahresthema, das alle Bürger gleichermaßen belastete und erschreckte, viele an ihren Folgen verzweifeln ließ und zur Auswanderung nach Amerika zwang. Die Versorgungslage verschlechterte sich, mancher Handwerker reparierte nur im Tausch mit Lebensmitteln. Dem rasanten Anstieg der Preise für Waren und Dienstleistungen konnten die Löhne und Gehälter längst nicht mehr folgen. Der Reallohn sank auf 40 Prozent seines Vorkriegsniveaus, das Gesparte schmolz dahin, Immobilien verloren ihren Wert und wurden bei Notverkäufen förmlich verschleudert. Weite Teile der Bevölkerung verarmten. Die staatlichen Unterstützungen für die steigende Zahl von Erwerbslosen waren so gering, dass sie oft nicht ausreichten, die Familie ordentlich zu ernähren. Mit Notstandsarbeiten wie der Reinigung der Weschnitz und des Landgrabens oder dem Bau eines Weges von der Zimmerbach zum Taubenberg versuchte die Stadt, ihren Erwerbslosen wenigstens ein kleines Einkommen zu ermöglichen, mit der Einrichtung einer Volksküche schuf sie die Voraussetzungen für ein tägliches Mittagessen zu ermäßigten Preisen. Eine städtische Notspeisung sollte Kindern aus armen Familien ein regelmäßiges Frühstück bieten, das sie sich sonst nicht leisten konnten. Sebastian Haffner hat sich 1939 im englischen Exil erinnert: „Kein Volk der Welt hat erlebt, was dem deutschen ‚1923-Erlebnis‘ entspricht”.

Lohnzahlungen erfolgten in immer kürzeren Abständen, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, Bargeld schnell in Sachwerte umzusetzen, ehe man nichts mehr dafür bekam. Wer sich noch einen Gaststättenbesuch leisten konnte, musste damit rechnen, dass sich seine Zeche während des Essens verdoppelte.

Unmengen Geld im Umlauf

Die Reichsdruckerei kam mit dem Druck neuer Banknoten in immer höheren Werten nicht mehr nach und zwang auch Weinheims größte Unternehmen Freudenberg und Hirsch, Gutscheine statt Banknoten an ihre Mitarbeiter auszugeben. Immer mehr Geld kam in Umlauf. Die vielen neuen Geldscheine passten nicht mehr in einen normalen Geldbeutel, man trug sie in Bündeln und in Taschen mit sich. In den Kirchen ließen die Pfarrer nicht mehr Spendenkörbchen durch die Bankreihen wandern, sondern stellten stattdessen Körbe an die Kirchentür.

Jahresthema Inflation

Die Sitzungsthemen von Bürgerausschuss und Gemeinderat spiegelten das ganze Jahr über die Nöte und die Bedürfnisse der Zeit. Die Einnahmen der Stadtkasse konnten mit der rapiden Geldentwertung längst nicht mehr Schritt halten, die Stadtväter mussten Gebühren- und Steuersätze immer wieder nach oben korrigieren. Zwischen Januar und Juli erhöhten sie den Gaspreis von 230 auf 3.800 Mark pro Kubikmeter, den Strompreis von 360 auf 8.200 Mark pro Kilowattstunde und den Wasserpreis von 70 auf 1.050 Mark pro Kubikmeter. Der Preis für Stangeneis – Kühlschränke gab’s noch nicht, der Eismann versorgte vom pferdebespannten Eiswagen aus Metzgereien, Gaststätten und Privathaushalte mit kühlenden Eisstangen – stieg von 360 Mark im Januar auf 60 Millionen Mark pro Zentner im Oktober. Wer im Volksbad beim Krankenhaus oder in der Friedrichschule ein Brausebad nehmen wollte, zahlte im Januar 100 Mark, im Oktober 18 Millionen Mark, für ein Wannenbad stieg im gleichen Zeitraum die Gebühr von 150 Mark auf 20 Millionen Mark.

Neue Steuern

Neben der rapiden Geldentwertung bereitete ein in wachsender Armut begründetes Wohnungselend den Stadtverordneten und der Verwaltung große Sorgen. „Die Stadt, die Baugenossenschaft und die Industrie müssen bauen!” titelte Max Kadisch, Redakteur des „Weinheimer Anzeiger”, vor einer Debatte im Bürgerausschuss seine Mahnung, mehr gegen die Wohnungsnot zu tun. Neubauten und Sanierungen folgten, aber auch der (wenig erfolgreiche) Versuch, über neue Steuern Einnahmen dafür zu erzielen. Wie in anderen badischen Städten wurde auch in Weinheim eine Fremdensteuer beschlossen für Menschen, die in der Stadt lebten und ihre Infrastruktur in Anspruch nahmen, ohne hier ihren Wohnsitz zu haben. Einem besonderen Zuschlag zur Wohnungsabgabe musste zahlen, wer über Räume verfügte, die nicht zu Wohnzwecken genutzt wurden, und eine Wohnungs-Luxussteuer wurde fällig, wenn eine Familie mehr Wohnräume beanspruchte als sie Haushaltsangehörige hatte.

Ungebremst raste die Inflation, die größte deutsche Geldkatastrophe, auf das Ende mit Schrecken zu: im Herbst 1923 kostete ein Pfund Butter über eine Million Mark, ein Ei 45.000 Mark, ein Liter Milch ab Stall 1,06 Millionen Mark, im November ein Zweipfünder Brot 260 Milliarden Mark. Mit der rasanten Verteuerung erhöhte sich täglich und bedrohlich die Zahl der Erwerbslosen, unter denen zunehmend auch Handwerker und Gewerbetreibende waren. Auch unter den Einzelhändlern wuchs die Not.

Unruhen, Plünderungen

Die Menschen gingen für den Kampf ums tägliche Brot auf die Straße. Es kam zu Unruhen und Plünderungen, auch in Weinheim. Am Abend des 15. November 1923 geriet eine Demonstration gegen Hunger und Teuerung außer Kontrolle. Gruppen junger Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren drangen in das Anwesen des Mehl- und Getreidehändlers Ludwig Altstädter in der Rumpelgasse (heute Tannenstraße) ein und nahmen einen Wagen mit 25 Zentnern Mehl mit, andere brachen die Tür zum Kaufhaus Gebrüder Rothschild in der Hauptstraße (heute Fielmann) auf und plünderten das Warenlager. Gendarmerie und Polizei mussten die Ordnung wiederherstellen. In grenzüberschreitender Zusammenarbeit erfolgten am nächsten Tag 35 Verhaftungen, hauptsächlich in Weinheim, aber auch in Hemsbach, Birkenau, Leutershausen und Viernheim. In den Wohnungen der Verhafteten wurden gestohlene Rothschild-Waren, aber auch Handfeuerwaffen und selbstgefertigte Handgranaten gefunden.

Die Rentenmark ist da

Am 15. November 1923 wurde die Rentenmark eingeführt und der Wert einer Rentenmark auf 1 Billion (das ist eine Eins mit 12 Nullen) Papiermark festgelegt. Es wurde nicht alles sofort gut, aber langsam besser. Im Oktober 1924 löste die Reichsmark die Rentenmark ab. Erst 1928 erreichten die Reallöhne wieder den Wert von 1913. Die brutalen Folgen der Hyper-Inflation von letztlich 29.000 Prozent trafen vor allem die abhängig Beschäftigten und damit einen wesentlichen Teil der Mittelschicht, der gewohnt war, das Leben ohne Hilfe des Staats zu gestalten. Die Ergebnisse der bis 1933 folgenden Landtags- und Reichstagswahlen spiegelten die politischen Folgen des Schicksalsjahres 1923.

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