Die Weinheimer durften wieder ihr Kreuzchen machen
1946: Wahl des ersten Nachkriegs-Gemeinderats

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Seit 1935 hatten Weinheims Bürger keinen Einfluss mehr auf die Zusammensetzung des Gemeinderats. Die Bürgerausschuss-Sitzung am 27. März 1935 war die letzte nach der badischen Gemeindeordnung. Am 1. April 1935 trat die von der Reichsregierung am 30. Januar 1935 erlassene „Deutsche Gemeindeordnung“ in Kraft, vom NS-Gesetzgeber als „Grundgesetz des nationalsozialistischen Staates“ bezeichnet. Fortan wurden Bürgermeister und Beigeordnete nicht mehr von den Stadtverordneten im Bürgerausschuss gewählt, sondern „durch das Vertrauen von Partei und Staat“ in ihre Ämter berufen. Damit die gemeindlichen Entscheidungen „im Einklang von Gemeindeverwaltung und Partei“ erfolgten, wirkte ein Beauftragter der NSDAP bei bestimmten Angelegenheiten mit: etwa bei der Zusammensetzung des Stadtparlaments. Die Gemeinderäte, die nun Ratsherren hießen, wurden nicht mehr direkt von der Bevölkerung gewählt, sondern vom Partei-Beauftragten berufen. Da das Volk von der NSDAP repräsentiert werde, musste an die Stelle der Wahl die das Volk repräsentierende Partei treten, begründete der Berliner Innenstaatssekretär Grauert damals diesen ersten Schritt zum Einheitsstaat.
Oberbürgermeister Josef Huegel blieb auch nach der neuen Gemeindeordnung und bis zu seinem Amtsverzicht 1938 im Amt. Dr. Friedrich Meiser musste auf den Titel „Bürgermeister“, den er seit 1923 fühte, verzichten und wurde als hauptamtlicher Erster Beigeordneter bestätigt. Der für Weinheim zuständige Beauftragte der NSDAP, Gauinspektor Kramer (Karlsruhe), berief Friedrich Bartels, Dr. Artur Schüßler und Karl Friedrich zu ehrenamtlichen Beigeordneten. Unter den zwölf Ratsherren, die von Kramer berufen und verpflichtet wurden, war Richard Freudenberg der einzige, der nicht Mitglied der NSDAP war. Ratsherr Walter Köhler, Ministerpräsident der badischen NS-Staatsregierung, sagte 1977 zum Verbleiben Freudenbergs im Gemeinderat: „Ich habe den Standpunkt vertreten, dass der größte Weinheimer Steuerzahler, die Firma Carl Freudenberg, mit dabei sein sollte, wenn über die Verwendung der Steuern entschieden wird“. Nicht berufen wurde 1935 der Zentrumspolitiker Jakob Petry. Er wurde das letzte Opfer der Gleichschaltung.
Wieder freie Wahl

Nach elf Jahren kommunaler Alleinherrschaft der Nationalsozialisten wurden um den Jahreswechsel 1945/46 die ersten freien Kommunalwahlen vorbereitet. Sie fanden am 27. Januar 1946 in allen Gemeinden der amerikanisch besetzten Zone statt. Ausgeschlossen von der Wahl wurden vor allem Mitglieder der NSDAP vor 1937, alle ehemaligen Mitglieder der Schutzstaffel (SS), auch die nach 1942 zwangsweise in die Waffen-SS Eingereihten, alle früheren Amtsträger, Führer und Unterführer der Sturmabteilung (SA), des Studentenbundes (NSHStB), des Dozentenbundes (NSDoB), der NS-Frauenschaft, des Kraftfahrerkorps (NSKK) und des Fliegerkorps (NSFK), Rangträger der Hitlerjugend (HJ) ab Bannführer (Bann Mannheim), des Jungvolks ab Stammführer (Stamm Weinheim) und des Bundes Deutscher Mädel (BDM) ab Ringführerin (Ring Weinheim).
Vier Listen, 69 Kandidaten
Vier Parteien und 69 Kandidaten bewarben sich um die 14 Sitze im ersten, von den Bürgern wieder frei gewählten Nachkriegs-Gemeinderat, der den im April 1845 von der Besatzungsmacht mit Bürgermeister Wilhelm Brück (CDU) und den Beigeordneten Franz Brummer, Adam Römer (beide CDU), Ludwig Bohrmann (SPD) und Leonhard Seib (KPD) eingesetzten Gemeinderat ablösen sollte.
Unter den 69 Kandidaten hatten die meisten eine kommunalpolitische Vergangenheit in den Gemeinderatsfraktionen von SPD, USPD, KPD und Zentrumspartei. Sie waren von den Nationalsozialisten ausgeschaltet, zum Teil verhaftet und ins KZ gebracht worden. Knapp 20 der 69 Kandidaten waren nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler im Rahmen der „Aktion Gewitter“ am 23. August 1944 verhaftet worden. Nun stellten sich die von den Nazis verfemten Kommunalpolitiker dem Neuaufbau eines demokratischen Gemeinwesens zur Verfügung.
Die größte Wahlvorschlagsliste legte die CDU vor. An der Spitze der 28 Kandidaten standen Bürgermeister Brück und Professor Brummer. Stark vertreten auf der CDU-Liste waren Handwerksmeister wie Philipp Samstag und Martin Eidt, außerdem Kaufleute wie Eugen Honer und Heinrich A. Joest, dazu der Müllemer Wirt Martin Bienhaus. Auf den hinteren Plätzen kandidierten die später langjährigen Stadträte Robert Mangelsdorf und Heinrich Pflästerer.
Den zweitstärksten Wahlvorschlag präsentierten die Kommunisten mit dem aus der Weimarer Zeit noch bekannten Gewerkschaftssekretär und Landtagsabgeordneten Robert Klausmann, mit Leonhard Seib, Wirt im „Goldenen Adler“, im Volksmund „Roter Adler“ genannt, dem Lederarbeiter Peter Arz, dem Maler und Tüncher Seppl Machwirth und dem Versicherungsinspektor, späteren TuS-Vorsitzenden und „Weschnitztal“-Wirt Georg Reinhardt.
Vierzehn Kandidaten benannte die SPD. An der Spitze der Vorschlagsliste standen die im Rahmen der Aktion Gewitter 1944 verhafteten Sozialdemokraten Ludwig Bohrmann, der spätere Bürgermeister, Jakob Hering, der von den Amerikanern gerade in die Vorläufige Volksvertretung Württemberg-Baden berufen wurde, und Max Fischer, dahinter Peter Ewald, Ludwig Seyler, Peter Lieboner und Karl Häußermann, die sich in verschiedenen Bereichen um Weinheims Vereine und Genossenschaften verdient machten.
Mit sieben Kandidaten trat die Demokratische Volkspartei (DVP) an, Vorgänger der heutigen FDP. Sie scharten sich um Franz Link, August Hilkert, Fritz Geißinger, Willy Schenk und Valentin Sachs.
Die Parteilose Wählervereinigung (PWV) um Hermann Langer und Daniel Horsch wurde erst 1947 gegründet und trat mit Richard Freudenberg am 7. Dezember 1947 zur ersten Kommunalwahl nach der neuen Gemeindeordnung an.
Korrekturen

In einer Sitzung am Tag vor der Wahl, an der auch ein amerikanischer CIC-Offizier und Polizei-Oberleutnant Hermann Langer, der Leiter der städtischen Polizei, teilnahmen, ging es um die Zulassung in der Wählerliste nicht berücksichtigter ehemaliger KZ-Häftlinge und um die Streichung ehemaliger nationalsozialistischer Block- und Zellenwarte aus der Wählerliste. Die eidesstattlichen Versicherungen der Kandidaten, kein Mitglied der NSDAP oder ihrer Gliederungen gewesen zu sein, machen den größten Teil der im Stadtarchiv verwahrten Wahlakten aus.
Fünfzehn Stimmbezirke
Weinheim, die größte Stadt im Landkreis Mannheim, war in 15 Stimmbezirke eingeteilt. Gewählt wurde im Alten Rathaus, im Schloss (Stadtkasse, Bürgersaal, Schlosskaffee, Kartenstelle), in drei Schulräumen der Dürreschule, in vier Räumen der Friedrichschule, in zwei Zimmern der Gewerbeschule (heute Uhlandschule) und in der Stahlbad-Wirtschaft.
Nach dem Schlussbericht des von Brück, Bohrmann, Brummer und Seib gebildeten und um Ratschreiber Karl Ebert als Schriftführer ergänzten Wahlausschusses verlief der Wahltag ohne Zwischenfälle.
Zwar hatten 14.206 Weinheimer das Wahlalter von 21 Jahren erreicht, doch nur 11.261 durften wählen, weil 1.640 nicht ortsansässig, 171 Ausländer, 717 aktive Nationalsozialisten und 417 aus anderen Gründen nicht wahlberechtigt waren. 10.120 Stimmscheine wurden am Wahltag in den 15 Stimmbezirken abgegeben. Das entsprach einer Wahlbeteiligung von rund 90 Prozent.
Wahlsieger CDU
Von den 9.850 gültigen Stimmscheinen entfielen 4.551 (46,2 %) auf die Liste der CDU. Das bedeutete sieben Mandate im 14-köpfigen Gemeinderat für Dachdeckermeister Wilhelm Brück, Professor Franz Brummer, Landwirt Peter Oswald, Werkmeister Jakob Petry, Prokurist Philipp Trautmann, Architekt Leopold Wenz und Feilenzieher Fritz Gartner.
Für die SPD-Liste entschieden sich 3.528 Wähler (35,8 %). Die fünf Mandate errangen Behördenangestellter Ludwig Bohrmann, Lederarbeiter Jakob Hering, Reichsbahnbeamter Max Fischer, Lederarbeiter Ludwig Bäuerle und Vorarbeiter Adam Sachs.
1.272 Stimmscheine (12,9 %) wurden für die KPD abgegeben, für die Gewerkschaftssekretär Robert Klausmann und Gastwirt Leonhard Seib in den ersten Nachkriegs-Gemeinderat einzogen.
Mit 499 Stimmscheinen (5,1 %) ging die DVP leer aus. Nach dem Höchstzahlverfahren wäre erst das 17. Mandat auf die DVP und ihren Spitzenkandidaten Franz Link entfallen.
Nachrücker
Für den noch im gleichen Jahr zum ersten Nachkriegs-Bürgermeister gewählten Stadtrat Wilhelm Brück rückte Sattlermeister Philipp Metz in der CDU-Fraktion nach, auf den im Juli 1946 zum 1. Beigeordneten aufrückenden Ludwig Bohrmann folgte in der SPD-Fraktion Hausmeister Peter Ewald.
KPD-Stadtrat Robert Klausmann, der nach der Wahl als Landesdirektor für Arbeit und Soziales nach Karlsruhe wechselte, war inzwischen von der Militärregierung zu einem der 12 Vertreter der KPD in der Vorläufigen Volksvertretung Württemberg-Baden ernannt worden. Diese war mit 124 Vertretern aller gesellschaftlichen Schichten ein parlaments-ähnliches Gremium zur Beratung der von der Militärverwaltung eingesetzten zivilen Regierung unter Ministerpräsident Reinhold Maier. Für Klausmann rückte in der Weinheimer KPD-Fraktion zunächst Gastwirt Heinz Beiler nach, dann Lederarbeiter Peter Arz.
Auch SPD-Stadtrat Jakob Hering, der amtierende Landrat des Landkreises Mannheim, Karl Geppert, und der spätere Landrat Valentin Gaa gehörten der Vorläufigen Volksvertretung an.
CDU auch im Landkreis
Im Landkreis Mannheim erzielten die CDU einen Stimmenanteil von 48,42 Prozent, die SPD von 33,42 %, die KPD von 10,98 % und die DVP von 5,2 Prozent.
(2021, © www.wnoz.de)