Gisela Freudenberg: eine starke Frau, die ihre Unabhängigkeit bewies

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Als Kind einer Generation, die ohnmächtig zusehen und erleben musste, wie Willkür und Unrecht regieren, ist ihr schon sehr früh bewusst geworden, dass ein Staat nur so gut ist, wie ihn seine Bürger machen. Diese Erkenntnis wurde Dr. Gisela Freudenberg zur Aufforderung, sich persönlich zu engagieren. Sie hat das ein Leben lang mutig und kämpferisch getan. Jetzt ist ihre mahnende Stimme verstummt: die Witwe von Hermann Freudenberg ist, kurz nach ihrem Geburtstag, im Alter von 98 Jahren verstorben.
Politisches, auch parteipolitisches Engagement bedeutete für Gisela Freudenberg nie, Karriere machen zu müssen. Deshalb begründete sie 1972 ihre Bereitschaft, für die SPD in den badenwürttembergischen Landtagswahlkampf zu ziehen, mit dem Wunsch, ihren Beitrag zur Herstellung von mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten. Zugleich ließ die damals 49jährige Unternehmergattin und Mutter von vier Kindern erkennen, dass sie dann, wenn Walter Krause und seine sozialdemokratische Regierungsmannschaft nicht genügend Stimmen erhalten sollten, „wieder das sein werde, was viele anderen Frauen auch sind: Hausfrau und Mutter“.
Den Wahlsieg schaffte Walter Krause damals nicht, Gisela Freudenberg wurde nicht Kultus- oder Schulministerin und musste ihr Lebensziel neu formulieren: nicht nur Hausfrau und Mutter sein zu können und mehr Zeit für sich und ihre Familie zu haben, sondern auch weiterhin gegen die Ungleichheit der Bildungschancen zu streiten, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Extremismus zu kämpfen und für die beruflich und soziale Integration von Jugendlichen aus Problemgruppen, für die vor allem sprachliche Förderung ausländischer Kinder und ihre Integration in die deutsche Gesellschaft.
Gisela Freudenbergs Einsatz gegen die Ungleichheit der Bildungschancen und für alle Projekte, die Benachteiligte fördern, erfuhr vielfältige Anerkennung. 1969 würdigte Dr. Hildegard Hamm-Brücher (FDP), damals Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, bei der Verleihung der Theodor-Heuss-Medaille an Dr. Freudenberg „die Ausdauer und die Zähigkeit, mit der sie in der traditionsgebundenen Mittelstadt Weinheim das heiß befehdete Modell einer Gesamtschule entwickelt und millimeterweise voranzutreiben weiß“. Dr. Freudenbergs bildungspolitisches Engagement, als Vorsitzende des Landes- und des Bundeselternbeirats oder als Mitglied im Landesschulrat, begründete 1973 auch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und 2000 die Auszeichnung mit der Bürgermedaille der Stadt Weinheim. Oberbürgermeister Uwe Kleefoot sagte damals, das 1970 mit dem ersten Jahrgang Gesamtschüler gestartete Modellprojekt „hatte für die Fortentwicklung und innere Demokratisierung des Schulwesens in der gesamten Bundesrepublik beispielhafte Bedeutung“.
1976 wurde Gisela Freudenberg, promovierte Biologin, zum Mitglied des Staatsgerichtshofs Baden-Württemberg berufen. Sie war die erste Laienrichterin am baden-württembergischen Verfassungsgericht und empfing 1988 bei ihrem Ausscheiden die Silbermedaille des Landtags. 1999 würdigte Tugay Ulucevik, der türkische Botschafter in Deutschland, Gisela Freudenbergs Beiträge zum Ausbau der türkisch-deutschen Beziehungen als stellvertretende Vorsitze des Zentrums für Türkeistudien. Die Arbeit als Europa-Präsidentin von Soroptimist International, einem im Stil der Rotarier und Lions weltweit tätigen Frauenverband, konfrontierte Dr. Freudenberg vor allem mit den Problemen der Frauen in Afrika und in den Weiten des russischen Ostens. Die in Wetzlar geborene Tochter des Waadtländers Dr. h.c. Henri Dumur, Diplomat, Weltreisender und verdienstvoller Vorsitzender des Aufsichtsrats der Leitz-Werke, und Schwiegertochter des Pfarrers der Bekennenden Kirche Dr. Adolf Freudenberg, der 1939 mit seiner jüdisch-stämmigen Frau und seiner Familie nach England hatte emigrieren müssen, war zwischen 1990 und 1999 Gründungsmitglied und Vorsitzende des Freundeskreises Weinheim-Ramat Gan.
Auch hinter so viel sozial-, bildungs- und gesellschaftspolitischem Engagement blieb immer noch Zeit für zwei große, lebenslange Hobbies von Gisela Freudenberg: die Liebe zu Stauden und Pflanzen, die sie im eigenen Garten und für den Hermannshof auslebte, und das Sammeln von Keramik, das in eine der bedeutendsten Kunstkeramiksammlungen mündete.
Unvergesslich ist Gisela Freudenbergs locker und sehr unterhaltsam gestalteter Beitrag zur VHS-Reihe „Weinheimer Lebensläufe“, als sie Lily Pfrang und Ursula Kruse als bewunderswerte Frauen würdigte, eine gesunde Familie und ein Leben ohne Krieg als ihren Traum bezeichnete, grün als ihre Lieblingsfarbe bezeichnete, „allerdings nicht beim Lippenstift“, und bedauerte, dass sie nicht das Talent für eine Tänzerin habe. „Fehler, ach Gott, Fehler habe ich viele“, bekannte Frau Freudenberg offen und ließ in den von ihr mit Ernst und Witz, teilweise auch im Dialekt geschilderten Lebenssituationen erkennen, mit welch großem Herzen sie Mitmenschlichkeit lebte. Bis ins hohe Alter machte sie sich Gedanken darüber, wie man junge Menschen am besten auf das Leben vorbereitet. Immer wieder riet sie ihnen, positiv zu denken: „Wir sollten nicht dauernd jammern, wie schlecht es uns geht. Wir müssen alle vorwärts gehen und einander helfen“.
(2021, © www.wnoz.de)