Großkläranlage: Beispiel grenzüberschreitender Zusammenarbeit

Die Großkläranlage Bergstraße in der Altau
Vor 50 Jahren wurde sie gestartet: die Großkläranlage Bergstraße in der Altau. Heute ist sie ein Beispiel grenzüberschreitender kommunaler Zusammenarbeit in einer wichtigen Umeltschutzaufgabe. Bild:WN-Archiv/Propp

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Unruhig war das Jahr 1975 mit den Aktionen für ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung, dem Überlebenskampf der Gesamtschulidee und den Plänen für einen „Stadtdurchbruch“ der B 38 zur Lösung des Ost-West-Verkehrs. Aber auch umtriebig war das Jahr mit der Vollendung und dem Start zahlreicher Projekte in der Kernstadt und den neuen Stadtteilen

Großkläranlage für die Region

Schon vor 50 Jahren prägten Baustellen das Bild der Stadt. Die größten, in der Mult und beim Bürgerpark, waren noch nicht abgeräumt, da wurden bereits neue eingerichtet. Die bedeu-tendste lag weit draußen im Westen als Nachbar des Segelflugplatzes: in der Altau wurde mit dem Bau der Großkläranlage Bergstraße begonnen, die einmal die Abwässer von 200.000 Einwohnern reinigen sollte. Grenzüberschreitend hatten sich die Städte Weinheim, Viernheim und Hemsbach, die Gemeinden Birkenau, Hirschberg und Laudenbach, der Heppenheimer Stadtteil Ober-Laudenbach und der Abwasserverband Grundelbachtal in einem beispielhaften Umweltpakt zusammengeschlossen und dafür die besondere Anerkennung der ihrer Landesregierungen erfahren. In Wiesbaden und Stuttgart würdigte man die besondere Bedeutung des Projekts für die Flüsse und Bäche in der Region als Beitrag zur Sauberhaltung der Umwelt. An der Grundsteinlegung Ende Mai 1975 nahm der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Dr. Friedrich Brunner (CDU) teil, in dessen Haus damals Umweltfragen bearbeitet wurden. Die Aufgabe der Abwasserreinigung hat heute einen wesentlich höheren Stellenwert – und ist noch nicht abgeschlossen: derzeit werden bei der Großkläranlage Berg-straße 40 Millionen Euro in eine vierte Reinigungsstufe investiert, mit der ab 2027 auch Spurenstoffe wie Arzneimittel-Rückstände, Kosmetika, Mikroplastik und Pflanzen-schutzmittel aus dem Abwasser gefiltert werden können.

Gespaltene Gesellschaft

Die Weinheimer Jugendherberge.
Umgeben von Freizeiteinrichtungen galt sie als Modell für Schullandheim-Aufenthalte und Familien-Urlaube, die Jugendherberge an der Breslauer Straße. Jetzt ist sie geschlossen. Bild: WN-Archiv/Rittelmann

Aus nach 50 Jahren


Umgeben von Freizeiteinrichtungen galt sie als Modell für Schullandheim-Aufenthalte und Familien-Urlaube, die Jugendherberge an der Breslauer Straße. Jetzt ist sie geschlossen. Bild: WN-Archiv/Rittelmann

Am 1. Juli 1975 nahm die neue „Jugendherberge Weinheim im Freizeitzentrum“ – so ihr offizieller Name – die ersten Gäste auf, am 12. Oktober wurde sie eingeweiht. Dazu kam der baden-württenbergische Kultusminister Professor Wilhelm Hahn nach Weinheim. 2,9 Millionen DM hatte das Projekt gekostet. 136 Betten in 35 Zimmern standen zur Verfügung – und wurden gut genutzt. Bis zu 20.000 Besucher zählte das Haus im Jahr. 50 Jahre später ist die Weinheimer Jugendherberge geschlossen. Dass nicht schon 2017 das Licht ausging, lag am damaligen Oberbürgermeister Heiner Bernhard, der die Einrichtung unbedingt erhalten wollte. Im Januar 2020 hatte das bis dahin unbekannte Corona-Virus die Welt in eine Krise gestürzt. Im Frühjahr 2022 öffneten die Jugendherbergen wieder. Nur nicht in Weinheim, wo man sich inzwischen mit einem Neubau beschäftigte, der zur ersten Inklusions-Jugendherberge in Baden-Württemberg führen sollte. Dazu hatten der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks, das Pilgerhaus Weinheim und die Gemeindediakonie Mannheim zusammengefunden. Die Projektpartner planten, unterstützt von der Stadt Weinheim, der Hector-Stiftung und weiteren Kooperationspartnern, eine Einrichtung mit 150 bis 180 Übernachtungsplätzen. Im Inklusionsbetrieb sollten 30 Arbeitsplätze entstehen, die Hälfte davon für Menschen mit Behinderung oder sozialen Nachteilen. Mit 15 Millionen Euro Baukosten wurde gerechnet. Die erste inklusive Jugendherberge Baden-Württembergs sollte 2025 eröffnet werden.

Doch inzwischen liegt das Projekt auf Eis. Im April vergangenen Jahres verkündeten die Projektpartner, dass die Pläne im Augenblick nicht umgesetzt werden könnten, vor allem wegen der Baukosten- und Zinsentwicklung. Ganz aufgeben wollen sie das Projekt Weinheim aber nicht: „Wir sind weiterhin von ihm überzeugt und haben vereinbart, zu gegebener Zeit zu überprüfen, ob das Konzept durch eine veränderte Ausgangslage doch noch umsetzbar ist“, erklärten DJH Baden-Württemberg, Pilgerhaus Weinheim und Gemeindediakonie Mannheim.

Inzwischen hat das Pilgerhaus die ehemalige Jugendherberge an der Breslauer Straße als Mieter übernommen und eine sozialpädagogische Wohnform für junge Menschen ab 16 Jahren eingerichtet. Darunter sind auch unbegleitete minderjährige Ausländer.

Die „alte” Jugendherberge auf dem Judenbuckel (Bild), 1949 als eine der ersten Nachkriegs-Jugendherbergen im Land erbaut, wurde von der Arbeiterwohlfahrt übernommen und zu einer sozial-therapeutischen Einrichtung der Besonderen Wohnform für chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängigkeitskranke umgestaltet. Die Grundsteinlegung erfolgte im Dezember 1975. Die Einrichtung trägt den Namen von Stadtrat Bruno Fritsch, der sich um die Arbeiterwohlfahrt in Weinheim große Verdienste erwarb.

Aufatmen im Schlossgarten

Die Terrassen der „Luppert-Bauten“.

Die Terrassen der „Luppert-Bauten“ haben dieses Bild historisch werden lassen: die Gräflich von Berckheim’sche Schlossgärtnerei, die Philipp von Berckheim nach dem Ersten Weltkrieg anlegen ließ, um mit ihren Erträgen zur Finanzierung des Aufwands für Schloss, Park und Exotenwald beizutragen. Die Gärtnerei, eng verbunden mit den Namen Paul Zehender und Tasso Dimitroff, musste später einen 1,2 Hektar großen Teilbereich zur Anlage eines Weinbergs abtreten (obere Hälfte) Hier reifte bald der „Weinheimer Schlossgarten“, der in der nahen Schlosskellerei vermarktet und im Schlosskeller probiert wurde neben den Weinen aus den Lagen Hubberg und Wüstberg. Zu den Erinnerungen an die Weinproben mit dem Singenden Kellermeister Hans Todt gehört ein Abend mit dem Ensemble des weltberühmten Zirkus Sarrasani. Bild: WN-Archiv

Am Jahresende 1975 kam von einer jahrelang heiß diskutierten Baustelle die erlösende Nachricht: Gefahr einer Wohlstandsruine abgewendet, Schlossgarten-Bebauung abgeschlossen. Bis heute tragen die Baukörper im einstigen Gräflich von Berckheim‘schen Schlossgarten zwischen Lützelsachsener Straße und Freudenbergstraße den Namen des südpfälzischen Bauträgers, der Ende 1973 mit seiner Insolvenz einen Schock verursacht hatte: die Luppert-Bauten. Verblasst dagegen ist die Erinnerung an einen der Investoren, die das Projekt gerettet haben: Herbert Hilger, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tony Marshall. Der populäre Schlagersänger hat Block 4 an der Südostecke des Geländes und die letzten Reihenhäuser fertiggestellt. Die „Schöne Maid”, mit der er 1971 den Durchbruch schaffte, wurde schon im ersten Jahr mehr als eine Million Mal verkauft und hat ihm sicher dabei geholfen, seine Weinheimer Pläne abzuschließen.

Fertiggestellt war Ende 1975 auch der Fußgängertunnel unter der inzwischen verbreiterten Lützelsachsener Straße vom Schlosspark-Parkplatz zur Wohnanlage.

Baustarts und Einweihungen

Baustellen gab es auch in den neuen Stadtbezirken. Lützelsachsens Fußballer sahen ihre Zukunft nicht auf dem Sandloch-Sportplatz, sondern auf der Waid, der TC Lützelsachsen weihte seine neue Anlage an der Waidallee ein, für das katholische Gemeindezentrum wurde der Grundstein gelegt.

Hohensachsen blieb bei der Langedwiesen-Planung und feierte drei Tage lang den 125. Geburtstag seines MGV 1850, der seit der Gemeindereform Weinheims zweitältester Verein ist – nach er Casino-Gesellschaft von 1812 und dedr TSG 1862 Weinheim.

Sulzbach freute sich über das neue Feuerwehrgerätehaus und den Startschuss für das neue katholische Gemeindezentrum.

© www.wnoz.de

 

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