Wilder Bach erzwingt „Inflationsbecken”

Zerstörung und Neubau des Turnerbads innerhalb eines halben Jahres

Schwimmbads auf dem Waldspielplatz im Gorxheimer Tal
Auf dem Höhepunkt der Inflation wagte 1923 der Turnverein 1862 Weinheim den Neubau eines Schwimmbads auf dem Waldspielplatz im Gorxheimer Tal. Es wurde schnell ein sommerlicher Treffpunkt für die gesamte Region. Bild: WN-Archiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Es waren noch keine neun Jahre vergangen, als Weinheims erstes Schwimmbad, 1914 von den Turnern des damaligen Turnvereins 1862 Weinheim aus einer ehemaligen Berckheim-Wiese im Gorxheimer TaL gegraben, am 2. Februar 1923 von einem wild gewordenen Grundelbach weg- und mitgerissen wurde. Es hatte tagelang kräftig geregnet und dazu hatte die Schneeschmelze auf den Bergen des Odenwaldes eingesetzt. Das führte zu Hochwasser in den Bächen und Flüssen der Region. Ihm war das nur von aufeinander gelegten Baumstämmen begrenzte, vom Grundelbach durchflossene „Bad der Turner“ nicht gewachsen. Es wurde völlig zerstört. Die Enttäuschung über den Verlust des im „Weinheimer Anzeiger“ bei seiner Eröffnung als „neues Kleinod für unser geliebtes Weinheim” gefeierten „Licht-, Luft- und Sonnenbades” war groß und deshalb wurde der Beschluss des TV-Vorstandes, das Turnerbad unverzüglich wiederaufzubauen, in der Bürgerschaft freudig aufgenommen.

Aber so einfach war das Vorhaben nicht, denn es herrschte Inflation und die größte Geldentwertung in der deutschen Geschichte raste auf ihren Höhepunkt zu. Ein erster Kostenvoranschlag belief sich auf 25 Millionen Mark, am Ende kostete das neue, diesmal betonierte Schwimmbecken 85 Millionen Mark. Das brachte ihm den Beinamen „Inflationsbecken” ein. Die Mitglieder trugen mit Arbeitseinsätzen zur Kostenminderung bei, befreundete Gesangvereine veranstalteten Konzertabende zu Gunsten des Badneubaues, TV-Vorsitzender Peter Trautmann vermittelte Spenden von Geschäftspartnern der Firma Freudenberg in Madrid und London: es reichte nicht. Schließlich half Ehrenmitglied Richard Freudenberg noch einmal mit 25 Millionen Mark aus, damit das neue Turnerbad am 12. August 1923 eröffnet werden konnte: mit einer Werbeveranstaltung für den „hochwertigen deutschen Schwimmsport”, wie der „Weinheimer Anzeiger” das Schwimmfest mit Darbietungen des Mannheimer Schwimmvereins ankündigte. Dem Mannheimer Traditionsverein gelang es dann auch, mit Kunstschwimmen, Tauchen, Wasserspringen und Schwimmwettkämpfen Werbung für den Schwimmsport zu machen: im Turnverein 1862 Weinheim bildete sich eine Schwimmergruppe um Georg Stöhr, Heini Bechtold, Fritz Waldhelm und Hermann Keller. Die heutige Schwimmabteilung wurde 1948 in der inzwischen entstandenen TSG 1862 gegründet. Ihr erster Leiter war Hubert Chowanietz.

Vor 100 Jahren wurde das Turnerbad, in dem bislang nur streng nach Geschlechtern getrennt gebadet werden durfte, zum Familienbad. Die seitdem mehrfach veränderte Sport- und Freizeitstätte ist das bis heute geblieben, den traditionsreichen Namen Turnerbad hat sie allerdings verloren. Heute heißt sie TSG-Waldschwimmbad, ist im Besitz der Stadt und wird von der TSG 1862 betrieben.

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