Dauerbrenner: Jugendproblem und Gesamtschule

Das Jugendzentrum in Selbstverwaltung im ehemaligen Gärtnerhaus im Hagander-Park
Vor 50 Jahren wurde Weinheims erstes Jugendzentrum in Selbstverwaltung im ehemaligen Gärtnerhaus im Hagander-Park eröffnet. Bild: WN-Archiv/Pfrang

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Das Eröffnungsfest für Weinheims erstes Jugendzentrum in Selbstverwaltung am 14. Dezember 1974 hatte die Hoffnung genährt, dass das seit Jahren schwelende „Jugendproblem” damit gelöst sei. Wochenlang hatten Jugendliche, die sich nicht in den Jugendverbänden des Stadtjugendrings betätigen, sondern ihre Freizeit selbst bestimmen wollten, das ehemalige Gärtnerhaus im Haganderpark für ihre Ziele einer alternativen Jugendpolitik in Eigenarbeit umgestaltet. Die Stadt hatte ihnen das leerstehende Gebäude nach vielen gescheiterten Versuchen, organisierte und nichtorganisierte Jugend in irgendeiner Form der Zusammenarbeit zusammen zu führen, für ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung überlassen, wollte aber einen Ansprechpartner haben. Das war schließlich ein Trägerverein, der die Übernahme vorbereitete, dabei aber auch schnell erkannte, dass „Selbstverwaltung gelernt werden muss”, wie es Bernhard Schöps, der Vorsitzende des Trägervereins, bei der Eröffnung formulierte. Eine Rocker-Bande aus Mannheim muss das als Aufforderung verstanden haben, das mühsam zusammengetragene Mobiliar zu zertrümmern und Besucher zu schikanieren: das war der Anfang von neuem Misstrauen zwischen der Stadtverwaltung und den nichtorganisierten Jugendlichen, die sich bei ihrer als gerecht empfundenen Forderung nach einem eigenen Treffpunkt von der Jugendbehörde völlig unverstanden fühlten.

Gespaltene Gesellschaft

Demonstration für einen Jugendtreff
Ihre Forderung nach einem eigenen Jugendtreff machte Weinheims nichtorganisierte Jugend immer wieder auch auf der Straße deutlich. Bild: WN-Archiv/Kopetzky

Was 1970 mit dem Protest von Oberstufenschülern des Gymnasiums gegen den Vietnam-Krieg begonnen hatte, mit der Weigerung der Abiturienten, von der Schulleitung die Abschlusszeugnisse in der gewohnt feierlichen Form der Abi-Feier entgegenzunehmen, aber auch einen lokalen Hintergrund hatte, spaltete die Weinheimer Stadtgesellschaft und füllte die Leserbriefspalten der „Weinheimer Nachrichten”. Die je nach Treffpunkt genannte Dürreplatz-, Ehrenmal-, Bürgerpark-, Windeck- oder Waidsee-Gruppe, die auch kurzfristig das zum Abriss bestimmte Hotel „Pfälzer Hof” besetzte, hatte stets auch Alkohol- und Drogenprobleme mit im Gepäck, und immer wieder Begegnungen mit der Polizei, die die Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber den „Langhaarigen” nährten.

Als sich die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), ein marxistisch-leninistischer Jugendverband, der vom Verfassungsschutz inzwischen als linksextremistisch eingestuft wird, in die Weinheimer Jugendprobleme einmischte und vor dem Hintergrund von Entlassungen bei Freudenberg und steigender Jugendarbeitslosigkeit in der Stadthalle ein „Freudenberg-Tribunal” abhalten wollte, lief das Fass über: OB Gießelmann sperrte die Stadthalle – und der Trägerverein für das selbstverwaltete Jugendzentrum musste sich fortan auch mit dem Vorwurf der politischen Unterwanderung auseinandersetzen.

Gewinn für Gemeinderat

Die Auseinandersetzungen und die Bemühungen um eine ständige Bleibe für eine alternative Jugendpolitik hielten noch einige Jahre an, führten aber bestenfalls zu Zwischenlösungen wie das Hasus Weiß in der Nachbarschaft der Stadthalle oder die vom DRK geräumte, von der Stadt notdürftig sanierte ehemalige Frauenarbeitsschule auf dem Dürreplatz, die nach der Entscheidung für die Tiefgarage Dürreplatz keine Zukunft mehr hatte. Als mit dem Jugendhaus West ein neuer Jugendtreff geschaffen wurde, köchelte das Thema nur noch auf kleiner Flamme, doch aus dem jahrelangen Meinungsstreit ging auch ein Gewinner hervor: die Weinheimer Kommunalpolitik. Uwe Kleefoot, damaliger Vorsitzender des um Zusammenarbeit von organisierter und nichtorganisierter Jugend bemühten Stadtjugendrings, wurde 1986 Oberbürgermeister und Hans Georg Junginger, damals Sprecher der an eigenen Lösungsvorschlägen arbeitenden Jungsozialisten wurde Kleefoots Nachfolger als SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und Landtagsabgeordneter. Und auch Hans Ulrich Sckerl, der einst die Jugendpolitik der Stadt als „jugendfeindlich” geißelte, fand als Grünen-Stadtrat schließlich Interesse an einer erfolgreichen Kommunal- und Landespolitik.

Was wird aus der Gesamtschule?

Multschule, Luftaufnahme
Weinheims ambitioniertes, umstrittenstes und teuerstes Hochbauprojekt, die Multschule, sorgte 1975 häufig für Schlagzeilen.

„Die Diskussion um das Jugendzentrum kam das ganze Jahr 1975 über nicht zur Ruhe”, hat Dr. Helmut Pönisch in seiner „Illustrierten Chronik der Stadt Weinheim 1945-1990” die Rückschau auf das Weinheim vor 50 Jahren eingeleitet. Als dickes Sorgenpaket nahm der Gemeinderat das Jugendproblem mit ins neue Jahr und bekam gleich noch ein zweites dazu: die Befürchtung der Gesamtschul-Eltern, dass ihre Kinder am Modellversuch des Landes mit der Integrierten Gesamtschule nicht die zum Studium notwendigen Abschlüsse erreichen könnten.

Die Modellversuche in Weinheim und Freiburg, von Filbingers Großer Koalition beschlossen, trotz gegenteiliger Bekundungen aber „nicht das geliebte Kind der Kultusbürokratie (Stuttgarter Zeitung), waren in Stuttgart zum Zankapfel zwischen der inzwischen allein regierenden CDU und der nun oppositionellen SPD geworden. In Weinheim erreichten die Auseinandersetzungen im März 1975 Höhepunkte in einer Sondersitzung des Gemeinderats (WN-Titel: „Der Gemeinderat will den Erfolg der Gesamtschule”) und in einer überfüllten Veranstaltung mit Ministerialdirigent Dr. Piazolo vom Stuttgarter Kultusministerium. Sein Katalog für das künftige Konzept der Gesamtschule beendete die hitzige Debatte um die von der Schulbehörde geforderte Einführung einer (an Gymnasien unbekannten) Sonderprüfung zur Qualifikation für die Oberstufe. Sie wurde damit begründet, das Leistungsniveau in der Unter- und Mittelstufe der Gesamtschule entspreche nicht den Anforderungen für den Eintritt in die gymnasiale Oberstufe mit Abiturabschluss. Das wurde als Diskriminierung der Gesamtschule empfunden und als Gefahr, dass die Schule künftig eher gemieden wird.

Das Ende der Gesamtschule

Mit dem Ergebnis dieser Versammlung war man in Weinheim zunächst allerseits zufrieden, weil es schien, als habe das Kultusministerium die Gesamtschule als gleichwertige Alternative auf dem Weg zur Hochschulreife anerkannt. Doch on Stuttgart war die Entscheidung bereits gefallen, dass die Gesamtschule endgültig nicht als Regelschule eingeführt wird.
1981 wurde die Vorschule geschlossen, 1986 die Gesamtschule, trotz anhaltender Proteste von Eltern und Schülern, in einen Schulverbund (Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium) umgewandelt, der 1989 den Namen des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer erhielt.

Die Umwandlung des für eine integrierte Gesamtschule geplanten Gebäudes, das 1974 von den baden-württembergischen Architekten als vorbildliches Bauwerk mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet wurde, für den neuen Schulverbund erforderte eine bauliche Neukonzeption – und einen weiteren Kraftakt für die städtischen Finanzen. Die Umwandlung erfolgte zwischen 1995 und 1999.

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