Wenn’s kalt wurde, war der Kappenmarkt nicht mehr weit

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Auch im alten Weinheim gab es einen Weihnachtsmarkt. Er hieß nicht so, hatte aber die gleiche Bedeutung, und fand bereits im November statt, wenn sich der Winter ankündigte. Man nannte ihn Kappenmarkt, denn er hielt zu warmer Kleidung nützliche und prächtige Pelzkappen für Männer bereit, die an kalten Tagen gefragt waren wie die warmen Hauben für Frauen und Mädchen. Dafür jagten Bauern und Jäger mit Fallen und Flinten die damals noch zahlreichen heimischen Pelztiere: Wildkatze, Wolf, Stein- und Baummarder, Iltis, Fuchs und Dachs. Die Winterpelze der Beutetiere wurden auf dem Kappenmarkt angeboten, die Kürschner fertigten daraus wärmende Kleidung für die kalte Jahreszeit.
Ende des Bauernjahres
Der Kappenmarkt war der letzte Markt im Jahr und er setzte darauf, dass die Bauern im November Geld und Zeit hatten, ihn zu besuchen: die Ernte war eingebracht und verkauft, das Schlachtvieh verhandelt, der Tabak baumelte in der Scheune und wurde zum „Scheierbambler”, der Wein gärte in den Fässern, das Obst trocknete auf der Darre, der Sauerkrautständer war gefüllt, die Herbstsaat war erfolgt. Das Bauernjahr war wieder einmal zu Ende und die viele Arbeit im Stall, auf dem Feld,im Garten und im Weiberg hatte sich gelohnt.
Einer der letzten, die aus eigener Anschauung noch vom Alt-Weinheimer Kappenmarkt erzählen konnten, war Philipp Pflaesterer, PWV-Stadtrat (mit FWV-Gedenkstein im Exotenwald), Konrektor, Ehrenvorsitzender des Vereins Alt Weinheim und als Heimatkundler Autor vieler Beiträge in den „Weinheimer Nachrichten” und ihrer heimatgeschichtlichen Beilage „Rodensteiner”. Pflaesterer erzählte oft, wie er als Kind mit dem Vater über den Markt bummelte, der sich ursprünglich vom einstigen Müllheimer Tor bis zum Rossmarkt bei der heutigen Reiterin, vom Marktbrunnen hinauf bis zum Roten Turm und zum Obertor erstreckte. Auswärtige Händler wurden nach einem Beschluss des Rates der Stadt einst erst zum Markt zugelassen, wenn die Weinheimer Handwerker ihre Waren verkauft hatten: „Weinheim first”.
Philipp Pflaesterers Erinnerungsbummel ist eine Dokumentation des breiten Spektrums von Handwerk und Handel in der noch nicht von der Industrie, sondern noch von den Ackerbürgern geprägten Kleinstadt Weinheim. Der Rundgang über den Kappenmarkt beginnt am Marktbrunnen und bei den Schrannen der Bäcker und Metzger im Kaufhaus (heute Altes Rathaus).
Bummel über den Markt
Den Marktplatz aufwärts hatten die Weißgerber ihre Verkaufsstände mit Lederhosen und Lederwesten, Handschuhen und Beuteln, daneben standen die Rotgerber mit Sätteln und Ranzen und den anderen Produkten, die sie aus dem kräftigen Rinderleder gefertigt hatten. Die Schuhmacher boten eine breite Auswahl: von feinen Schuhen für die Frauen bis zu den kräftigen, genagelten Arbeitsschuhen für die Bauern und Waldarbeiter. Mitten auf dem Marktplatz saßen Männlein und Weiblein auf den Krämerkisten und probierten Schuhe an.
Unterhalb der alten katholischen Kloster-kirche, der Vorgängerin der heutigen St. Laurentius-Kirche, wurde Drillichzeug aus festem Gewebe angeboten, daneben präsentierten die Leinenweber feinstes Leinen für die Aussteuer und die Blaufärber ganze Ballen schweres Bauern-Leinen. Vor dem damals alten Rathaus an der heutigen Rote-Turmstraße folgten die Stände mit Wollstoffen aus heimischer Schafwolle, Wollkappen und Woll-hauben, wollenen Hosen und Röcken, Kopf- und Miedertüchern und natürlich Wollstrümpfen von den Strumpfstrickerinnen im Gerberbachviertel Frauen und Mädchen, aber auch die Buben trugen sie damals mit mehr oder weniger Begeisterung: die der Nylonstrumpf und damit das Ende der „beißenden“ und „kratzenden“ Wollstrümpfe waren noch weit entfernt. Umso mehr zog es die Damen zu den Ständen mit bunten Tüchern aus Seide und Schürzen für jeden Anlass.
Am Fuß des Marktplatzes, vor der Ulner Kapelle, standen die Eisen-Krämer mit Ketten, Sägen und Beilen, Sensen, Hufeisen, Nägeln und Beschlägen, vor der Löwen-Apotheke gab es heimische und ausländische Gewürze und Kräuter, dazu Nussöl, Salben, Tee und alle möglichen Mittelchen „gegen Krankheiten vonMensch und Tier”. Und natürlich fehlten auf einem richtigen Weihnachtsmarkt auch nicht die Gutselbäcker und Lebküchler mit ihren süßen Köstlichkeiten.
Nahe dem Müllheimer Tor boten Kupferschmiede und Zinngießer blitzblankes Geschirr an, in der Mittelgasse verkauften Sattler Riemen, Sättel und Kummets für die Zugtiere, am Schmittberger Hof (später Goldener Adler) zogen die Häfner mit buntem irdischem Geschirr die Marktbesucher an.
Ausklang mit „Quellfleisch”
Meist klang der Besuch des Kappenmarktes in einer der vielen Wirtschaften auf dem Marktplatz und am Steinweg, der heutigen Hauptstraße, bei frischem Sauerkraut und „Quellfleisch“ von der letzten Schlachtung aus. Nach dem anstrengenden Marktbummel traf sich die Familie im „Schwarzen Ochsen“ (heute Altstadt-Galerie) oder der „Goldenen Sonne“ (heute La Cantina) auf dem Marktplatz, im „Schwarzen Bären” (heute Bettenhaus Janzer), der „Goldenen Krone“ (heute Tee-Atelier), der „Neuen Pfalz“ (später Metzgerei Pflästerer, heute Teil der „Stadtschenke“) oder im „Roten Löwen“ (heute Drogeriemarkt Müller) am Steinweg, vielleicht auch am Rossmarkt im „Roten Ochsen“ (heute Karlsberg Carré) im „Viehhof“ (heute Commerzbank) oder im „Reichsapfel“ (heute Weinheim-Galerie). Nach der Stärkung wurden die Pferde angespannt und die Familie machte sich auf den Heimweg, eingehüllt in die neuen warmen Decken und gut behütet mit Pelzkappe und Wollhaube.
1000 Jahre Marktrecht
Ursprünglich gab es in Weinheim nur einen achttägigen Jahrmarkt, den Kaiser Otto III. im Jahre 1000 dem Kloster Lorsch für sein Dorf Winenheim verlieh. Der Marktplatz dieses Jahrmarktes wird wohl vor der alten Peters-kirche gelegen haben, die damals den Mittelpunkt der Altstadt mit den drei Dorfkernen Berg, längs des Grundelbachs und Hintergass’ bildete. Nach der Gründung der Neustadt um 1250 fand der Markt auf dem neuen, heutigen Marktplatz statt. Pfalzgraf Philipp setzte 1481 für Weinheim zwei Jahrmärkte fest, den einen auf Dienstag nach dem Nikolaustag, den anderen auf den Dienstag nach dem Sonntag Judica. Bei der Entwicklung Weinheims reichten die beiden Jahrmärkte bald nicht mehr aus und so kamen noch ein Pfingstmarkt und der Kappenmarkt im November dazu.