Zeitlebens hing sein Herz an Weinheim: Dr. Adam Karrillon, Arzt, Schriftsteller und Ehrenbürger

Dr. Adam Karrillon, Arzt, Schriftsteller und Ehrenbürger (Fotografie)
Vor 100 Jahren wurde Dr. Adam Karrillon Weinheimer Ehrenbürger. Er war 82 Jahre alt, als er sich 1935 als „der alte Adam Karrillon“ fotografieren ließ. Bild: Stadtarchiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

„Die Nachricht von meiner Erhebung zum Ehrenbürger Eurer Stadt hat mich mit großer, aufrichtiger Freude erfüllt und ich danke den zuständigen Korporationen für diese Ehrung von ganzem Herzen. Wenn ich hier den Wunsch anfüge, dass Sie eines Tages meiner Asche ein Plätzchen vergönnen möchten, so bitte ich Sie, daraus schließen zu wollen, dass mein Herz voll dankbarer Gefühle noch jetzt an Weinheim hängt und zeitlebens daran hängen wird”. Aus Wiesbaden, wo er sich 1918 niedergelassen hatte, schrieb Dr. Adam Karrillon diesen Brief am 15. Mai 1923 nach Weinheim, das ihm ein halbes Leben lang Heimat gewesen war. Kurz zuvor, am 3. April 1923, hatte ihm der Gemeinderat das Ehrenbürgerrecht verliehen, und bald darauf, am 12. Mi 1923, feierte der Dichterarzt seinen 70. Geburtstag. Unter vielen Glückwünschen war auch der des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert. In seinem Dank für die Glückwünsche aus Weinheim zu seinem 78. Geburtstag wiederholte Karrillon acht Jahre später die „dringende Bitte“: „Wo ich so lange weilte, möchte ich begraben sein, und zwar bei den Gebeinen meines guten Vaters auf der Höhe des Peterskirchenfriedhofs”. Am 14. September 1938 verstarb der Ehrenbürger. Sein Wunsch wurde erfüllt: die Urne mit seiner Asche wurde im Grab seines Vaters Franz Karl Karrillon beigesetzt. Eine graue Platte aus Odenwälder Diorit, Karrillons Überwälder Heimatgestein, bedeckt das Grab bis heute und erinnert: „Die Erd‘, die beide gab, nahm sie zurück, so endet hier ihr Leid und auch ihr Glück“.

Geboren in Wald-Michelbach

Adam Karrillon wurde am 12. Mai 1853 als zehntes und letztes Kind des Lehrers Franz Karl Karrillon, Nachfahre einer Hugenottenfamilie, und seiner Frau Maria in Wald-Michelbach geboren. Er wuchs in einfacher, aber warmherziger Erziehung auf, verlor als Zehnjähriger seine Mutter und wechselte 1867 von der Volksschule Wald-Michelbach ins bischöfliche Konvikt nach Mainz zum Besuch des Gymnasiums. 1872 wurde Karrillon aus dem Konvikt verwiesen, nachdem er in einem von seinem Deutschlehrer in höchsten Tönen gelobten Schulaufsatz zum Thema „Mein zukünftiger Beruf“ begeistert den eines Arztes gepriesen und damit zu verstehen gegeben hatte, dass er Geistlicher nicht werden wolle, wie es ihm wohl bestimmt war.

Der Weg nach Weinheim

Am Mainzer Gymnasium bestand Karrillon 1873 die Reifeprüfung, studierte von 1873 bis 1879 Medizin in Gießen und Würzburg und promovierte in Freiburg. Seine erste Praxis eröffnete er im rheinhessischen Eich, den ersten Wohnsitz nach der Eheschließung mit Bertha Laisé, Tochter eines wohlhabenden mennonitischen Bauern aus Worms-Ibersheim, nahm er in Rockenhausen im heutigen Donnersberg-Kreis. 1881 wurde Tochter Ella geboren, 1883 Sohn Hans. In diesem Jahr zog die kleine Familie Karrillon nach Weinheim und fand im Haus des Gemischwarenhändlers Bundschuh im Bergbezirk Unterkunft. Im Bergbezirk, dem sechsten von acht Bezirken der Stadt, die damals noch keine Straßennamen kannte, eröffnete Karrillon bei der Einmündung der heutigen Erbsengase in die Hauptstraße eine Praxis als „praktischer Wundarzt” und erwarb sich schnell den Ruf eines guten Arztes. Vorübergehend übernahm er auch die medizinische Leituung des Stahlbads. Zwischen 1897 und 1917 gehörte Dr. Karrillon der Bürgerausschuss der Stadt an, von 1885 bis 1918 wirkte er im Armenrat und segensreich als Armenarzt, in den letzten drei Weinheimer Jahren war er außerdem Mitglied im städtischen Beirat für das Realgymnasium.
1912 übernahm sein Sohn Dr. Hans Karrillon die väterliche Praxis. Als Stabsarzt auf dem Kreuzer „Albatros“ wurde er bei einem Seegefecht in der Ostsee 1915 von russischen Granaten getötet. Adam Karrillons biographischer Roman „Adams Großvater” wurde 1917 zur Totenklage auf den gefallenen Sohn. Bereits 1914 war Karrillons Schwiegersohn Hans Eppelsheimer verstorben. 1918 zogen die Karrillons nach Wiesbaden. Bertha Karrillon und ihre Tochter Ella Eppelsheimer kehrten nach der Zerstörung ihrer Wiesbadener Wohnung bei einem Luftangriff und dem Tod der Enkelin Lilo Eppelsheimer 1945 nach Weinheim zurück. Im Haus Hübsch gegenüber der Stadthalle wurde Bertha Karrillon zur ältesten Bürgerin der damaligen Bundesrepublik Deutschland und verstarb 1962 im Alter von fast 108 Jahren.

Reisen und Schreiben

Dr. Adam Karrillon liebte Geselligkeit, gutes Essen und den Wein. Und obwohl es ihn abends an die Stammtische der Weinheimer Wirtschaften zog, wo er als humorvoller Erzähler geschätzt wurde, spürte er den Sog der Ferne. Karrillon reiste gern, häufig als Schiffsarzt, und berichtete über seine Erlebnisse erst in Vortragsabenden, später in seinen Büchern, die ihn zu einem populären Schriftsteller machten. Dabei war seine Überwälder Heimat häufig Schauplatz des Geschehens, aber auch Weinheim. Bei seiner letzten Reise als Schiffsarzt vollendete Karrillon 1920 die Gespräche „Am Stammtisch zum faulen Hobel“, mit denen er dem Weinheimer Alltag ein unvergängliches literarisches Denkmal setzte, denn mit dem „Faulen Hobel” waren die „Vier Jahreszeiten” gemeint, an deren Stammtisch sich die lokale Prominenz traf. Auf dem einstigen Hotelgelände steht heute die Weinheim-Galerie.

Ein hochgeehrter Mann

1923 war für Adam Karrillon ein besonderes Jahr: er wurde Ehrenbürger von Weinheim, nachdem ihn sein Geburtsort Wald-Michelbach bereits 1921 zum Ehrenbürger ernannt hatte, er wurde erster Preisträger des Georg-Büchner-Preises, des heute bedeutendsten Literaturpreises im deutschsprachigen Raum, 1923 erhielt er außerdem den angesehenen Ehrenpreis der deutschen Schill-Gesellschaft und die Hessische Goldmedaille für Kunst und Wissenschaft. Aus Anlass seines 80. Geburtstages gab die Stadt Mainz ihrer Schulstraße den Namen des Dichters und benannte das Gymnasium, an dem er das Abitur gemacht hatte, nach Adam Karrillon. Gleichzeitig wurde in Wald-Michelbach aus der „Kirchhohl” die Adam-Karrillon-Straße und aus seiner Volksschule die Adam-Karrillon-Schule. Im Weinheimer Neubaugebiet Prankel erhielt 1926 eine Straße den Namen des Ehrenbürgers, 1983 auch die Hauptschule an der Weststraße. Heute heißt die gesamte Anlage mit VHS, Musikschule, Stadtarchiv und Stadtjugendring Karrillon-Haus.

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