Kommunalwahl 1971: Richard Freudenbergs Verzicht

Untertitel

Nach 52 Jahren wurde Ehrenbürger Dr. h.c. Richard Freudenberg am 4. November 1971 aus dem Stadtparlament verabschiedet. Von links: Karl Schröder, Richard Freudenberg, Oberbürgermeister Gießelmann, Bruno Fritsch, Robert Gerbig (Bild: WN-Archiv/Kopetzky)

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Der 24. Oktober 1971 war ein Wahlsonntag mit einigen Besonderheiten. Erstmals durften auch die Achtzehn- bis Zwanzig-jährigen wählen und die nach Weinheim übersiedelten Neubürger brauchten nicht mehr ein Jahr, sondern nur noch sechs Monate auf ihre Wahlbeteiligung warten. Das erhöhte die Zahl der Wahlberechtigten und die Hoffnungen der vier konkurrierenden Parteien auf Stimmenzuwachs. Neu am Start waren die Freie Wählervereinigung (FWV), die aus dem Zusammenschluss von Parteiloser Wählervereinigung (PWV) und Mittelstandsblock (MB) entstanden war, und die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) in der Nachfolge der inzwischen verbotenen KPD, die letztmals 1956 mit Leonhard Seib ein Stadtratsmandat errungen hatte.

Das „Rollierende System”

20.361 Weinheimer waren aufgerufen, die Hälfte des Gemeinderats, nämlich 12 Stadträte, neu oder wieder zu wählen. Es war das letzte Mal, dass nach dem 1947 beschlossenen und 1951 erstmals praktizierten „Rollierenden System“ gewählt wurde, denn die Große Koalition in Stuttgart hatte das Wahlgesetz inzwischen geändert: künftig sollte der Gemeinderat wieder geschlossen für fünf Jahre gewählt werden. Diese Entscheidung war auch vor dem Hintergrund der gerade diskutierten Gebietsreform in Baden-Württemberg getroffen worden, deren Zeitplan Kommunalwahlen in den neu entstehenden Gemeinden für 1974 vorsah. Deshalb wurden auch die zwölf Weinheimer Stadträte nur für eine dreijährige Amtszeit gewählt.

Der Abschied des Patriarchen

Ungewohnt war am 24. Oktober 1971 auch das: Richard Freudenberg, dienstältester Stadtrat, trat nicht mehr an. Der inzwischen 79-Jährige gehörte in der Nachfolge von Vater Hermann Ernst und Großvater Carl Johann Freudenberg seit 1919 dem Gemeinderat an und durfte damit auf 52 Jahre ehrenamtlichen Dienst für seine Heimatstadt Weinheim zurückblicken.

48 Kandidaten

Um die zwölf Sitze im Stadtparlament bewarben sich auf vier Listen 48 Kandidaten zwischen 24 und 70 Jahren, darunter fünf Frauen: Stadträtin Lilly Pfrang (CDU), Mathilde Schiefelbein (SPD), Elfriede Mattauch (FWV) und die beiden DKP-Kandidatinnen Anita Jutzi und Erika Machwirth. Jüngste Kandidaten waren der 24-jährige Arbeiter Ernst Quick (DKP), der 25-jährige Student Thomas Wyrwoll (CDU) und der 27-jährige Gerichtsreferendar Hans Georg Junginger (SPD). Die ältesten Kandidaten waren die Stadträte Bruno Fritsch (SPD) mit 70 Jahren und Karl Schröder (bisher Mittelstandsblock, jetzt FWV) mit 68 Jahren. Beiden blieb, wie auch dem für den verstorbenen SPD-Stadtrat Wilhelm Jöst nachgerückten Robert Gerbig, die Rückkehr ins Stadtparlament versagt.

Stimmenkönig Daffinger

Am Wahlabend war die Stimmung bei den Sozialdemokraten besonders gut. Die SPD hatte ihren Stimmenanteil von 40,3 auf 46,7 Prozent erhöht und damit das beste Ergebnis einer Partei in allen Nachkriegswahlen erzielt, und ihr Spitzenkandidat Wolfgang Daffinger hatte mit 14.966 Kreuzchen auf dem Stimmzettel einen neuen Popularitätsrekord geschafft und über zehn Prozent aller gültigen Stimmen auf sich vereinen können. Eine Überraschung gelang dem Sprecher der Jungsozialisten, Hans Georg Junginger: vom letzten Platz auf der SPD-Liste schaffte er den Sprung auf Platz 5. Mit dem Wiedergewinn ihrer sechs Mandate war die SPD weiter mit insgesamt elf Mandaten stärkste Kraft im Gemeinderat.

Auf Platz 2 blieben die Freien Wähler trotz des Verlustes von fünf Prozent Stimmenanteil und eines Mandats. Neuling Dieter Freudenberg nahm in der siebenköpfigen FWV-Fraktion den Platz von Onkel Richard ein. Dienstältester Stadtrat war fortan Herbert Schneider, der seit 1947 dem Gemeinderat angehörte.

Ein Stimmenplus von 1,6 auf 28,2 Prozent bescherte der CDU einen 6. Sitz im neuen Gemeinderat und Neuling Heinrich Pflästerer die Fortsetzung der Familientradition.

Die DKP blieb mit 2,6 Prozent Stimmenanteil ohne Mandat.

Wahlkampfthemen

Streitpunkte in den lebendigen Stadtteilversammlungen waren die Gestaltung des mit dem Autobahnbau entstandenen Baggersees zum Naherholungsgebiet, die Erschließung der Vorderen Mult und des Römerlochs, die umstrittene Bebauung von Schlossgarten und Wüstberg, eine weitere Verbindung aus der Weststadt zur Innenstadt, die Umgestaltung der Hauptstraße zur verkehrsfreien Einkaufsstraße und das Jugendproblem, das mit der Forderung nach einem selbstverwalteten Jugendhaus für die nichtorganisierte Jugend und einem dazu veröffentlichten Arbeitspapier der Jungsozialisten für einen heißen Herbst in Weinheim gesorgt hatte.

In der Woche vor dem Wahlsonntag war – ein Ereignis von regionaler Bedeutung - das erste Wasser aus dem neuen Hemsbacher Wasserwerk in die Leitungen des jungen Wasserzweckverbandes Badische Bergstraße geflossen und die weiter wachsende Weststadt bereitete sich auf den ersten eigenen Martinszug vor. (2021)

Letzte Wahlen zum Kreistag Mannheim …

Am 24. Oktober 1971 wurden auch die neun Weinheimer Mitglieder des Kreistages für den Landkreis Mannheim gewählt, allerdings nur für die Zeit bis zum Übergang des Landkreises Mannheim in den mit der Kreisreform entstehenden Großkreis Rhein-Neckar. Ab 1. Januar 1973 bildeten die Kreisverordneten aus den Landkreisen Mannheim, Heidelberg und Mosbach den Übergangskreistag Rhein-Neckar und am 8. April 1973 wurde der erste Kreistag Rhein-Neckar mit 120 Mitgliedern für sechs Jahre gewählt.

1971 wurden in den letzten Mannheimer Kreistag aus Weinheim gewählt: Wolfgang Daffinger, Hermann Reibel, Jakob Hohenadel, Uwe Kleefoot und Karl Eschwei (alle SPD), Ernst Schröder, Willi Schmitt (beide CDU), Richard Freudenberg, Theo Gießelmann (beide FWV). Da der Weinheimer Oberbürgermeister nach der Kreisreform nicht mehr kraft Amtes Mitglied des Kreistags sein konnte, entschied sich Gießelmann für eine Kandidatur auf der Liste der Freien Wähler. Richard Freudenberg hatte sich zwar aus dem Gemeinderat zurückgezogen, wollte aber für Weinheim weiter auf Kreisebene tätig sein.

… und in Weinheims Nachbargemeinden

Die letzten Gemeinderatswahlen in den noch selbständigen Gemeinden, die heute als Stadtbezirke zu Weinheim gehören, brachten nur eine Veränderung: in Lützelsachsen gewann die SPD ein Mandat dazu und sorgte damit für eine Pattsituation im Gemeinderat, den nun sechs Gemeinderäte der Listenverbindung FWV/CDU und drei der SPD bildeten.

  • In Hohensachsen blieb das Kräfteverhältnis unverändert: sieben FWV und drei SPD.
  • In Rippenweier stand nur die Einheitsliste der Freien Wähler zur Wahl. Damit blieben alle acht Mandate bei der FWV.
  • In Ritschweier wurde nach dem Prinzip der Mehrheitswahl entschieden. Das Mandat erhielten die drei Bürger mit den meisten Stimmen.
  • Oberflockenbach ging mit fünf Gemeinderäten der SPD, drei der CDU und zwei der Freien Wählervereinigung in die Anschluss-Verhandlungen mit Weinheim.
  • In Sulzbach veränderten die letzten eigenen Wahlen nichts am bisherigen Kräfteverhältnis: 5 SPD, 4 CDU, 1 PWV.

(2021, © www.wnoz.de

 

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