Kommunalwahl 1922: Stadtparlament umgekrempelt
von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Am 1. Juni 1919 fanden in den badischen Städten und Gemeinden die ersten Kommunalwahlen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs statt. Erstmals durften Frauen wählen und gewählt werden. In Weinheim, der nördlichsten Bezirksamtssstadt Badens mit 14.534 Einwohnern, gab es einen klaren Wahlsieger: die Mehrheits-Sozialdemokraten. Die MSPD kam auf 38 Prozent Stimmenanteil und stellte fortan 28 der 72 Mitglieder des Bürgerausschusses. Im zwölfköpfigen Gemeinde-rat, der vom Bürgerausschuss gewählt wurde, erhielt die MSPD fünf Mandate, die USPD (Unabhängige Sozialdemokraten) eines, die DDP (Deutsche Demokratische Partei) drei, die DNVP (Deutschnationale Volkspartei) zwei und das Zentrum ein Mandat. Dieses Kräfte-verhältnis blieb bis zu den zweiten Kommunalwahlen am 19. November 1922 bestehen, denn für drei aus der MSPD-Fraktion ausgeschiedene Stadträte waren, nach langen internen Querelen und erst durch höchstrichterliche Entscheidung, drei neue nachgerückt.
Die Ausgangslage vor den Wahlen am 19. November 1922 war für die gemäßigten Sozialdemokraten nicht einfach: im Innern die Unruhe um die Parteiaustritte, draußen eine Geldentwertung, die mächtig Fahrt aufnahm, und dazu die wachsende Unzufriedenheit der Bürger mit den in Berlin regierenden Parteien SPD, DDP und Zentrum. Vor diesem Hintergrund war die absolute linke Mehrheit im Bürgerausschuss kaum zu verteidigen.
287 Kandidaten
Um die 72 Sitze im Weinheimer Bürgerausschuss bewarben sich am 19. November 1922 275 Männer und 12 Frauen auf sieben sehr unterschiedlich stark besetzten Listen. Zwei Parteien mehr als 1919 konkurrierten miteinander: nach dem Zerfall der USPD trat erstmals die KPD an, während sich in der bürgerlichen Mitte ein Gemeindebürgerverein gegründet hatte, der als einziger Wettbewerber alle 72 Listenplätze besetzt hatte, mit weitgehend unbekannten Kandidaten aus Gewerbe und Landwirtschaft und, auch als einziger, gänzlich ohne Frauen.
Bürger-Protest
Die Gründung des Gemeindebürgervereins war eine Folge des umstrittenen Projekts der Weschnitz-Entwässerung, mit dem einmal die Ertragskraft des Bodens in der Weschnitz-niederung erhöht und zum andern Arbeitslose bei den Entwässerungsaßnahmen und beim Bau von zwei Pumpwerken beschäftigt werden sollten. Es waren allerdings weniger die Kosten von 2,2 und 2,4 Millionen Mark, die einen heftigen Protest in der Bürgerschaft auslösten, sondern die Tatsache, dass es dabei um Allmendland ging, um Gemeinbesitz, der von alters her Bürgern nach Erreichung eines gewissen Alters zur Bearbeitung und zur Selbstversorgung überlassen wurde. Gegen die Projekte der Weschnitz-Entwässerung probten Neben-erwerbs-Landwirte, Kleinbürger und Arbeiter, die Schweine, Ziegen, Hasen und Hühner hielten und dazu einen Acker aus dem Allmende bebauten, den Aufstand. Es wurde ein Gemeindebürgerverein gegründet, der schnell riesigen Zulauf hatte, sich an der Bürgerausschusswahl beteiligte und nur eine (überfüllte) Wahlversammlung zur Verbreitung seiner Argumente brauchte, um am Wahlsonntag die weitaus meisten Stimmen zu erhalten.
Auf Anhieb stärkste Kraft
Die von dem Maschinenarbeiter Martin Böhler, einem der abtrünnigen Sozialdemokraten, angeführte Liste des Gemeindebürgervereins erhielt auf Anhieb 1.947 Stimmen und lag mit 29,9 Prozent der 6.503 abgegebenen Stimmen klar vor der SPD, die mit 1.590 Stimmen (24,4 %) deutlich hinter ihrem Ergebnis von 1919 (2.469 Stimmen = 45,7%) blieb. Zusammen mit der erstmals angetretenen KPD (558/8,6%) kam die bisher im Bürgerausschuss dominierende Linke nur noch auf 2.148 Stimmen (33,0%). Ihr stand nun eine bürgerliche Mehrheit von 4.355 Stimmen (67,0%) gegenüber: Gemeindebürger-verein 1.947 Stimmen, DNVP 911, DDP 666, Zentrum 529 und DVP 302 Stimmen.
An der Wahl der Stadtverordneten nahmen 73 % der 8.836 wahlberechtigten Weinheimer teil. Sie bestimmten die künftige Zusammensetzung des Bürgerausschusses: 22 Mandate für den erstmals kandidierenden Gemeindebürgerverein, 15 (- 23) für die SPD, 10 (- 2) für die DNVP, 7 (- 8) für die DDP, 6 (- 1) für das Zentrum und drei für die neue Deutschliberale Volkspartei (DVP). Alle drei abtrünnigen Sozialdemokraten schafften über die Liste des Gemeindebürgervereins die Rückkehr in den Bürgerausschuss, dem bis 1926, dem nächsten Wahltermin, allerdings nur noch zwei Frauen angehörten: erneut Emma Eyermann (DNVP) und erstmals Berta Bräunig (Zentrum). Mit einem Nachrückerplatz musste sich dagegen die bisherige DDP-Stadtverordnete Dr. Victoria Kauert begnügen. Die Plätze 4 und 5 auf der Nachrückerliste der Deutschnationalen nahmen übrigens Walter Köhler und Emil Ebert ein, die bald die führenden Köpfe der (noch nicht gegründeten) Weinheimer NSDAP werden sollten.
Bürgerliche Dominanz
Am 29. November 1922 wählte der Bürger-ausschuss die zwölf Mitglieder des Gemeinde-rats. Dazu traten Gemeindebürgerverein, DNVP und DVP mit einer gemeinsamen Liste an. Über sie zogen Karl Zinkgräf, Martin Böhler, Georg Vogler, Wilhelm Grether, Adam Stein und Georg Michael von Büren in den Gemeinderat ein, der komplettiert wurde von den drei Sozial-demokraten Philipp Schuhmann, Karl Fischer und Georg Kraft, von Richard Freudenberg (DDP), Franz Bleienstein (Zentrum) und Josef Machwirth (KPD).
Bezirksrat …
Zeitgleich mit den Stadtverordneten wurden am 19. November die Bezirksräte und die Kreisabgeordneten gewählt. Dem neuen Bezirksrat, dem Parlament des Amtsbezirks Weinheim, gehörten an: 4 Abgeordnete der Wahlge-meinschaft DNVP/Landbund (Emil Bickel/Wein-heim; Nikolaus Müller/Heiligkreuz; Heinrich Randoll/Weinheim; Heinrich Steinbacher/Hems-bach), drei SPD-Bezirksräte (Wilhelm Reinek-ke/Weinheim, Karl Will/Hemsbach und Bürgermeister Michael/Lützelsachsen), Metzgermeister Krauß/Heddesheim für das Zentrum und Bürgermeister Josef Huegel/Weinheim für die DDP. Die einzige Frau unter 46 Bezirksrat-Kandidaten, Weinheims Bürgerausschuss-Mitglied Berta Bräunig (Zentrum), hatte keine Chance.
… und Kreisversammlung
Das Parlament des Kreises Mannheim bildeten 50 Kreisabgeordnete, 36 aus dem Amtsbezirk Mannheim, je sieben aus den Amtsbezirken Weinheim und Schwetzingen. Mit der November-Wahl entfielen auf SPD 18 Sitze, Zentrums-partei 10, DNVP und DVP je 5, DDP und KPD je 4, Vereinigte Bürgerliche Parteien 3 und Wirtschaftliche Vereinigung ein Sitz. Der Amtsbezirk Weinheim entsandte in die Kreisversammlung: Karl Zinkgräf/Weinheim, Georg Fleckenstein/Heddesheim und Philipp Kuhn/Weinheim (alle DNVP/Landbund), Bürgermeister Michael/Lützelsachsen und Emil Moster/Weinheim (beide SPD), Bürgermeister Josef Huegel/Weinheim (DDP) und Emil Willenbücher/Weinheim (Zentrum). Für die Kreisversammlung hatten im Amtsbezirk Weinheim 36 Männer und drei Frauen kandidiert. Auch der Kreistag wurde wieder ein reines Männerparlament.