„Kriegersiedlung”: Wohnungsfürsorge für Kriegsopfer

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Wären die Pläne des Weinheimer Architekten Karl Ekart verwirklicht worden, dann stünde heute bei der Einmündung der Lortzingstraße in die Prankelstraße ein stattliches Gebäude mit einem Café und einer Weinschenke im Erdgeschoss. Das Haus wurde nie gebaut und die fünf Doppelhäuser bergaufwärts wurden umgeplant von einem anderen Weinheimer Architekten: Georg Lippert. Der Vater der erfolgreichen Architekten-Zwillinge Jan und Waldemar Lippert gab den „Kriegs-beschädigtenhäusern” an der unteren Prankel-straße ihr heutiges Aussehen. Es entsprach 1926 den Vorgaben für einen Staatszuschuss an eine geschlossene Kriegsbeschädigten-Sied-lung eher als der Ekart-Plan.

An der Rosenbrunnenstraße, die damals am Rosenbrünnlein begann und bis zur Ziegelei Sommer die heutige Prankelstraße benutzte, hier einschwenkte auf ihre heutige Trasse bis zum Gänsemann-Brunnen bei der Einmündung in die Friedrich-Vogler-Straße, sollten die fünf Doppelhäuser mit jeweils vier Wohnungen (zwei Zimmer, Küche, Bad) und Hausgarten entstehen. 1926 erkundigte sich das badische Innen-ministerium bei der Stadtverwaltung, ob in Weinheim Wohnbauten für Kriegsopfer geplant seien. Genau sie forderte damals der Bezirksverein Weinheim im Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen, Vorgänger des heutigen VdK-Ortsverbandes. 1925 hatte die Stadt im Neubaugebiet Prankel Grundstücke aus Berckheim’schem und Hübsch’schem Besitz gekauft, die sie nun günstig an bauwillige Kriegsopfer weitergeben konnte.

Für das Projekt, das zunächst von Architekt Ekart unter dem Titel „Kriegersiedlung” bearbeitet und nach seiner Ablehnung in Karlsruhe von Architekt Lippert neu geplant wurde, erhielt die Stadt Weinheim 25.000 Goldmark Fördermittel aus den Rücklagen des Reichswohnungsfürsorgefonds. Sie wurden auf die zehn Bauinteressenten – neun kriegs-beschädigte Fabrikarbeiter und eine Krieger-witwe – verteilt und erleichterten ihnen die Schaffung von 20 dringend benötigten Wohnungen. Die fünf Doppelhäuser wurden zwischen 1928 und 1930 errichtet und zeugen in besonderem Maße vom „Musebrotviertel”, in dem zahlreiche Bauherren auch am Brotbelag sparen mussten.

© www.wnoz.de, 2024

 

Sign up