Der erste Landtag der Republik Baden

Portraitfoto Richard Freudenberg Mitglied des Landtags
Richard Freudenberg, MdL

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Der Höhepunkt im Wahlkampf des Weinheimer DDP-Landtagsabgeordneten Richard Freudenberg um seinen Wiedereinzug in den Landtag der Republik Baden war am 27. Oktober 1921 die Rede von Dr. Walther Rathenau im überfüllten Nibelungensaal des Mannheimer Rosengartens, damals mit 6.000 Plätzen einer der größten Säle in Deutschland, nach seiner Zerstörung im 2. Weltkrieg aber nicht wiederaufgebaut.

Rathenau, deutscher Jude, war einer der widerspruchsvollsten Politiker in Deutschland, anerkannter Wirtschaftsfachmann, Mitbegründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP)und seit kurzem Wiederaufbauminister im Kabinett von Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum).

Redakteur Max Kadisch widmete der „Rienversammlung” der DDP einen Tag später im „Weinheimer Anzeiger” fast das gesamte Titelblatt. Acht Monate später wurde Rathenau, inzwischen Außenminister im zweiten Kabinett Wirth, am 24. Juni 1922 Opfer eines weltweit beachteten Mordanschlags der rechtsextremen, antisemitischen Organisation Consul (OC).

Auf den 29-jährigen Richard Freudenberg, seit Jahresende 1919 als Mandatsnachfolger des DDP-Fraktionsvorsitzenden Friedrich König (Mannheim) Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung, fiel am 30. Oktober 1921 das DDP-Mandat im Wahlkreis Mannheim-Weinheim-Schwetziungen, der im ersten Landtag der Republik Baden mit insgesamt neun Ab-geordneten (4 SPD, 2 Zentrum, 1 DDP, 1 DNVP, 1 DVP) stark vertreten war. Die Berliner Regierungsparteien SPD (- 9,4 %) und DDP (- 14,8 %) verloren bei der Baden-Wahl 1921 kräftig an Stimmen und Mandaten (SPD -16, DDP -18). Die neue DDP-Fraktion umfasste lediglich sieben Abgeordnete. Richard Freudenberg blieb Mitglied im Haushaltsausschuss und setzte sich besonders für die Neuordnung der Steuergesetzgebung und einen europäischen Freihandel ein, er vertrat die Belange der Lederindustrie und kämpfte für den Erhalt der Simultanschule in Baden, unterstützte die Mannheimer Handelshochschule und das Nationaltheater, aber auch Infrastruktur-Maßnahmen wie die Neckar-kanalisation und den Ausbau der Energieversorgung.

Zeitungsausschnitt mit Wahlwerbung, 1921.
Wahlwerbung anno 1921

Bei der Landtagswahl 1925 kandidierte Freudenberg nicht mehr. Er war nach dem Tod seines Vaters Hermann Ernst Freudenberg in die Unternehmensleitung eingetreten. Bis zur Auflösung der DDP 1933 blieb Richard Freudenberg allerdings geschäftsführender Vorsitzender des DDP-Landesverbandes Baden.

Kandidaten aus Weinheim

Zur Wahl des ersten badischen Landtags traten im Wahlkreis Mannheim-Weinheim-Schwetzingen neun Parteien an und auf allen Listen bewarben sich Kandidaten aus Weinheim und von der Bergstraße: für die SPD Wilhelm Reinecke, der spätere Vorstand des Konsumvereins Weinheim, für das Badische Zentrum Eisenbahn-Ingenieur Josef Jakob Englert, für die KPD Malermeister Seppl Machwirth, für die Deutsche Demokratische Partei neben Richard Freudenberg auch Jakob Schollenberger, Wagner und Landwirt aus Oberflockenbach, für die Deutsche Volkspartei Eisenbahninspektor Friedrich Klaiber, für die Deutschnationale Volkspartei Emil Maenner, Professor am Weinheimer Gymnasium und Vorsitzender des Singvereins Weinheim, und Karl Zinkgräf, Kaufmann, Heimatforscher und Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins Weinheim, für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) Leonhard Seib, Lederarbeiter, nach dem 2. Weltkrieg Beigeordneter, KPD-Stadtrat und Träger der Bürgermedaille, für die Wirtschaftliche Vereinigung der Sulzbacher Landwirt Zacharias Schäfer. Auf der Landesliste der DNVP kandidierte der Weinheimer Stuhlfabrikant Philipp Leinen-kugel.

Weinheim vor 100 Jahren

Weinheim hatte vor 100 Jahren knapp 15.000 Einwohner und war im Reichs-Ortsklassenverzeichnis in B aufgerückt, Großsachsen und Heddesheim in C, Hemsbach, Hohensachsen, Laudenbach, Leutershausen Lützelsachsen und Sulzbach in D. In der Vorwahlzeit 1921 fanden zahlreiche Benefiz-Veranstaltungen zu Gunsten der Hinterbliebenen der Oppauer Explosionsopfer statt. Nach Löwen- und Engel-apotheke erhielt Weinheim in der Sonnenapotheke an der Ecke Bergstraße/Friedrichstraße (heute Brauerei-Parkplatz) eine dritte Apotheke, Konditormeister Philipp Krautinger verlegte sein Café Rodenstein vom Hotel „Vier Jahreszeiten“ (heute Weinheim-Galerie) in die heutige Fußgängerzone, in der Paulstraße eröffnete Bäckermeister Otto Zoz seine Bäckerei (später Ecke Mannheimer Straße/Breitwieserweg) und an der Nördlichen Hauptstraße übernahm der Spanier Joaquin Arbusa von Johann Adam Hohenadel die Gastwirtschaft „Zum goldenen Hirsch”, machte daraus das Restaurant Hohenzollern mit spanischer Weinhalle und eröffnete es mit dem Konzert eines Salonorchesters. Und auf dem Juxplatz gastierte der Zirkus Holzmüller, damals einer der Großen im Reich.

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