„Machtergreifung” und die letzte Demo

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Zeitungen sind eigentlich kurzlebige Produkte, doch sie können auch zu zeitgeschichtlichen Dokumenten werden: wie die Ausgabe der „Weinheimer Nachrichten“ vom 1. Februar 1933 und dem darin abgedruckten Bericht des damaligen Kreispropagandaleiters der NSDAP und Oberflockenbacher Stützpunktleiters Hanns Müller über die „Kundgebung der Weinheimer Nationalsozialisten” zur Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.
Bild rechts: Der Weinheimer Gemeinderat nach der Zuwahl von Ministerpräsident Walter Köhler und Kreisleiter Karl Friedrich. Untere Reihe von links: Wilhelm Bechtold, Friedrich Bartels, Bürgermeister Josef Huegel, Walter Köhler, Karl Friedrich, Richard Freudenberg, Karl Oberst; obere Reihe Philipp Kuhn, Ratschreiber Karl Ebert, Jakob Petry, Georg von Büren, ehrenamtlicher Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Arthur Schüssler, Beigeordneter Dr. Friedrich Meiser. Bild: H. Oeser
Unmissverständliche Töne
Der fortan als „Tag der Machtergreifung” gefeierte 30. Januar 1933 war in Weinheim ruhig verlaufen. Erst einen Tag nach der Berufung Hitlers durch den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg marschierten Weinheims Nationalsozialisten im Fackelzug unter Vorantritt der Stadt- und Feuerwehrkapelle vom Petersplatz durch die Hauptstraße zum Marktplatz. Hier sprach der stellvertretende Gauleiter, Fraktionsvorsitzende der NSDAP im badischen Landtag und Führer der Weinheimer Nattional-sozialisten, Walter Köhler, zu seinen Mitbürgern: „Der Nationalsozialismus ergreift die Macht und warnt seine Feinde! Wage es niemand, diesen, unseren Staat anzufassen. Am 9. November 1918 konntet ihr das Reich Bismarcks zerbrechen; heute werden wir euch zerbrechen, wenn ihr auch nur den Versuch machen solltet, euch dem gestrigen Aufbruch des neuen Deutschland entgegenzustellen”.
Die letzten offenen Proteste
Die drohenden Worte Köhlers waren eine Reaktion auf den Demonstrationszug der Weinheimer Kommunisten, die bereits am 30. Januar mit roten Fahnen und Transparenten gegen die neue Reichsregierung protestiert hatten. Auf dem Marktplatz hatten sich über 200 Demonstranten versammelt und die Rede des Stadtverordneten Josef Machwirth gehört. Es war die letzte öffentliche Meinungsäußerung der KPD in Weinheim, denn wenige Tage später wies die badische Regierung die Behörden an, „Demonstrationen staatsfeindlicher Organisationen zu verbieten, falls von diesen bei Umzügen Beschimpfungen gegen die Reichs- und die Landesregierung geäußert werden oder die öffentliche Sicherheit gefährdet ist”.
Ein Unwort: Schutzhaft
Die Folgen waren nicht zu übersehen: die zur Reichstagswahl vom 5. März geplante KPD-Kundgebung auf dem Marktplatz durfte nicht stattfinden, der Gemeinderat nahm auf Anweisung des badischen Innenministers die Berufung von KPD-Mitgliedern als Wahlvorstände und Stellvertreter zurück , und am Vortag der Reichstagswahl wurden alle führenden Kommunisten Weinheims vorübergehend in „Schutzhaft” genommen, mit der Begründung, für sie bestehe eine persönliche Gefährdung.
„Wir ahnten, was kommen würde”
Die Mehrheit der Weinheimer hatte wohl auf den 30. Januar gewartet, denn „eine unübersehbare Menschenmenge” habe, so berichtete der Kreispropagandaleiter über die Kundgebung am 31. Januar, „Köhler begeistert zugejubelt”. Derweil schlichen betroffene Sozialdemokraten und Kommunisten über Seitenstraßen nach Hause. „Wir ahnten, was kommen würde”, erinnerte sich Peter Ewald, damals Leiter der Sozialistischen Arbeiterjugend, nach Kriegsende von 1948 bis 1956 SPD-Stadtrat im Weinheimer Gemeinderat, noch 50 Jahre später.
Noch bei den Kommunalwahlen 1927 hatten sich die
Nationalsozialisten nicht offiziell um Mandate in Gemeinderat und Bürgerausschuss beworben. Erst nach den Kommunalwahlen 1930 gab es unter den zwölf Stadträten vier National-sozialisten, zwei Sozialdemokraten, zwei Kommunisten, zwei Stadträte der Listenverbindung Bürgerverein/Deutschnationale Volkspartei, sowie zwei Stadträte der gemeinsamen Liste von Zentrum und Deutscher Staatspartei.
Hindenburg und Hitler …
Ohne die Sozialdemokraten Heinrich Jöst und Ludwig Bohrmann und ohne die Kommunisten Leonhard Seib und Philipp Wallendorf fand am 21. März 1933, dem Tag der Eröffnungssitzung des neuen, nun von den Nationalsozialisten dominierten Reichstags, in Weinheim eine „Festsitzung” des Gemeinderats statt, in der, wie an vielen anderen Orten im Reich, auf Antrag der NSDAP-Fraktion Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler einstimmig zu Ehrenbürgern ernannt wurden.
… aber auch Wagner und Köhler
Bei Gegenstimmen von Richard Freudenberg (Deutsche Staatspartei), Jakob Petry (Zentrum) und Wilhelm Brück (Deutschnationale Volkspartei) erhielten auch der nationalsozialistische Reichskommissar Robert Wagner und der neue badische Finanz- und Wirtschaftsminister Walter Köhler den Weinheimer Ehrenbürgerbrief. Einstimmig gab der Gemeinderat dem Bürgerpark den neuen Namen Hindenburgpark und der Nördlichen Hauptstraße den Namen Adolf-Hitler-Straße. „Die Beschlüsse”, kann man in den Ratsprotokollen nachlesen, “wurden durch den Vorsitzenden” des Gemeinderats, den Oberbürgermeister, „den im Shlosshof versammelten SA- und SS-Formationen und der Bevölkerung verkündet und von den Versammelten mit Begeisterung aufgenommen”.
Drohungen wahrgemacht
Drei Tage nach dieser Gemeinderatssitzung wurde die Zwangs-beurlaubung „politisch unzuverlässiger” städtischer Beamter und Arbeiter bekanntgegeben: drei Polizeibeamte, ein Bademeister, ein Hausmeister, fünf Arbeiter des Stadtbauamtes und vier Arbeiter der Stadtwerke wurden entlassen oder zurückgestuft. Die Zulassungssperre für den jüdischen Arzt Dr. Friedrich Reiß – er emigrierte 1939 mit seiner Familie nach Haifa –, das Wirtshausverbot gegen Arbeiter, der Verweis des Sohnes eines in „Schutzhaft” genommenen Kommunisten vom Realgymnasium und die Weigerung der Ehefrau eines inhaftierten kommunistischen Gastwirts, Gewerbesteuer zu zahlen, füllten die Ratsakten in den nächsten Wochen.
Entmachtung des Gemeinderats
Der nächste Schritt zur Entmachtung von Gemeinderat und Bürgerausschuss wurde am 13. April 1933 getan. Mit dem Reichsgesetz zur Gleichschaltung der Länder und Gemeinden wurden di gemeindlichen Selbstverwaltungs-Körperschaften aufgelöst und ihre Neubildung nach der Zahl der am 5. März zur Reichstagswahl abgegebenen Stimmen angeordnet, „jedoch mit der Maßgabe, dass die auf die KPD entfallenen Stimmen unberücksichtigt bleiben”. Damit wurde der seit 1930 bestehende Gemeinderat vorzeitig aufgelöst.
Aufgrund des Gleichschaltungsgesetzes wurden für Weinheim 10 Stadträte und 24 Mitglieder des Bürgerausschusses benannt. Den sechs Nationalsozialisten im Gemeinderat standen Heinrich Jöst, Ludwig Bohrmann (beide SPD), Jakob Petry (Zentrum) und Richard Freudenberg (Deutsche Staatspartei) gegenüber. Nach dem Betätigungsverbot gegen die SPD mussten dann auch Jöst und Bohrmann den Gemeinderat, Ludwig Bäuerle, Ernst Brodkorb, Jakob Hering, Adam Sachs und Wilhelm Scheuermann den Bürgerausschuss verlassen.
Der Weinheimer Gemeinderat nach der Zuwahl von Ministerpräsident Walter Köhler und Kreisleiter Karl Friedrich. Untere Reihe von links: Wilhelm Bechtold, Friedrich Bartels, Bürgermeister Josef Huegel, Walter Köhler, Karl Friedrich, Richard Freudenberg, Karl Oberst; obere Reihe Philipp Kuhn, Ratschreiber Karl Ebert, Jakob Petry, Georg von Büren, ehrenamtlicher Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Arthur Schüssler, Beigeordneter Dr. Friedrich Meiser. Bild: H. Oeser
Berufung statt Wahl
Nach der Aufhebung der Bürgerausschüsse und Gemeindeversammlungen mit dem Gesetz vom 6. März 1934 verlangte die Weinheimer NSDAP-Fraktion die Erhöhung der Mandatszahl im Gemeinderat von zehn auf zwölf und setzte die Zuordnung von Ministerpräsident Walter Köhler und Kreisleiter Karl Friedrich zum Gemeinderat durch. Im Juli 1935 nahm dann bereits die Gauleitung der NSDAP die Neuberufung der zwölf Ratsherren der Stadt Weinheim vor. Sie mussten arischer Abstammung sein.
Richard Freudenberg blieb Ratsherr, weil Walter Köhler der Meinung war, „dass der größte Weinheimer Steuerzahler, die Firma Freudenberg, mit dabei sein sollte, wenn über die Verwendung der Steuergelder entschieden wird”. Von Gauinspektor Kramer bei der Berufung nicht berücksichtigt wurde der Zentrumspolitiker Jakob Petry. Er war unter den Kommunalpolitikern das letzte Opfer der Gleichschaltung.
Die Amtszeit der Ratsherren wurde 1939 „im Einvernehmen mit dem Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft und dem Oberkommando der Wehrmacht”, 1941 „im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan” verlängert.
Auch das geschah 1933
Das Jahr 1933 stellt sich in den Ratsakten auch in einigen anderen bemerkenswerten Protokollnotizen dar. Im Mai wollten die Anwohner der Judengasse ihren Straßennamen in Büdingerhofstraße geändert haben und der Bezirksbeauftragte für Kommunalpolitik der NSDAP ging gegen einen aufmüpfigen Eiswagen-Fahrer vor. Am 31. Mai hieß es im Ratsprotokoll bereits „früheres Naturfreunde-Haus auf der Tromm” und im Juni verlangte der Gründer der Weinheimer SA, Sturmbannführer Aloys Kraft, im Gemeinderat die sofortige Entlassung von 40 Kommunisten und Sozialdemokraten, die bei Notstandsarbeiten am Wachenberg eingesetzt waren, „weil diese staatszersetzenden Elemente schon wieder bewusst schärfste Opposition treiben”. Im selben Monat wurde der Stadt- und Feuerwehrkapelle das Prädikat „Stadt” entzogen. Dass durfte fortan nur noch die SA-Kapelle führen. In der gleichen Gemeinderatssitzung wurde zwölf Putzfrauen gekündigt und die bisherigen Erheber der Saaleinlassgebühr für die Festhalle „Pfälzer Hof” (heute Stadthalle) wurden abgelöst. Am 5. Juli verlangten die Nationalsozialisten, die Marktgebühren „für das Feilhalten von Waren ausländischen Ursprungs” zu verlängern, scheiterten damit aber an der Aufsichtsbehörde. Von der Entgegennahme der Bedarfsdeckungsscheine, die im Rahmen von Ehestandsdarlehen gewährt wurden, waren fortan alle jüdischen Geschäfte ausgeschlossen. Der Pächter der Stahlbad-Wirtschaft musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, er habe sich bei der letzten Wahl geweigert, in seiner Wirtschaft einen Wahlaufruf aufzuhängen.
Das Jahr 1934 begann in Weinheim mit einer Kundgebung der Nationalsozialisten, in deren Mittelpunkt der Stabschef der SA, Ernst Röhm, stand. Er hat den Besuch in Weinheim nicht lange erlebt. Unter dem Vorwand, einem von Röhm angezettelten Putsch zuvorgekommen zu sein, ließ Hitler Röhm am 11. Juli 1934 ermorden.
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