Nachrichtenbrunnen: Wo die Bas den Vetter informierte

Der achrichten-Brunnen am Gerberbach.
Zur Kerwe 1972 stiftete der Verlag Gebrüder Diesbach den Nachrichten-Brunnen am Gerberbach. Bild: WN-Archiv/Kopetzky)

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Einer der besonderen Momente der Kerwe 1972 war die Übergabe des Nachrichten-Brunnens an die Bürger der Stadt Weinheim. Das Sandsteinrelief des Stuttgarter Bildhauers Hans Bäuerle erfüllte ein Versprechen, das die Inhaber des Weinheimer Druck- und Verlagshauses Gebrüder Diesbach zwei Jahre zuvor gegeben hatte: Weinheims liebens-wertestem Stadtviertel ein Kunstwerk zu schenken, das die enge Verbindung von Heimatzeitung und Stadtgeschichte und gleich-zeitig die Dankbarkeit für einen erfolgreichen Neustart des Verlags nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck bringen sollte.

Die älteste Form der Nachrichten-Übermittlung ist die Begegnung am Brunnen: „Hoscht schun g’heert …?” Von den Laufbrunnen der Stadt und der Rasenbleiche an Grundelbach und Weschnitz aus verbreiteten sich im alten Weinheim die Nachrichten aus den acht Stadtvierteln. Die Bas Greth brachte das Neueste aus dem Müll mit, der Vetter Philp aus der Hinnergass’, der heutigen Nordstadt. Auch wenn die beiden Weinheimer Originale Kunstfiguren waren, eigneten sie sich wie niemand anderes für die Darstellung der Nachrichten-Verbreitung in einer Zeit, als es noch keine Tageszeitung gab. Das sollte erkennbar sein in dem Kunstwerk, das „die Noochrichte”, wie Weinheims führende Tageszeitung genannt wurde, ihren Lesern und ihrer Stadt schenken wollte. Sieben Ideen wurden eingereicht, eine Kommission mit Josef Fresin, Karl Schröder, Ferdinand Müller, Ursula Kruse, Heinrich Brokhausen und Wolfgang Valentiner empfahl den Bäuerle-Entwurf und fand einen Standort an der Südseite des Hauses Gräber in der Gerbergasse, mitten im Gerberbachviertel.

Bei der Übergabe des Brunnens an Oberbürgermeister Theo Gießelmann erinnerte Verlags-sprecher Heinrich Diesbach am 11. August 1972 daran, dass die beiden Symbolfiguren des Alt-Weinheimer Bürgertums, die „Bas Greth vum Mill” und der „Vetter Philp vun de Hinnergass”, in den 1920-er Jahren im Setzersaal der „Weinheimer Nachrichten“ von Karl Zöller, Schriftsetzer und Heimat-schriftsteller, geschaffen wurden und fortan allwöchentlich ihre Meinung zum Tages-geschehen in Weinheim äußerten. Nach dem Krieg führte Philipp Pflaesterer den Dialekt-disput in den WN fort, der inzwischen auch ein fester Bestandteil der Fastnacht war und es bis heute ist.

Der Künstler Hans Bäuerle hat in seinem Sandstein-Relief den Moment erfasst, in dem die Bas dem Vetter eine Neuigkeit verkündet, er aber eher gelangweilt darauf reagiert, weil er die Geschichte am Morgen bereits in seiner Heimatzeitung gelesen hat. Die Szene soll auch daran erinnern, dass Großvater Wilhelm Diesbach 1862 die Konzession zur Herausgabe der ersten Weinheimer Zeitung erhielt, die 1863 im Verlagshaus Diesbach (heute Gemeindehaus der Johannispfarrei) unweit des Brunnen-Standorts gedruckt wurde.

(2022)

Ausschnitt aus „The Railsplitter”.
Gedruckt bei Diesbach.

Verlagsgeschichte nach Kriegsende

Am 1. Oktober 1945 wurde die Firma Gebrüder Diesbach, Weinheimer Druck- und Verlagshaus, gegründet. Hermann und Heinrich Diesbach übernahmen von ihrer Mutter Emma Diesbach die noch vor der Kriegsheimkehr der Söhne gegründete Firma Hugo Diesbach Witwe.

Beim Neubeginn mussten einige Klimmzüge gemacht und mancher Umweg gegangen werden. Da wurde in Eberbach Gelatine besorgt, die man zu den Türmerleim-Werken in Ludwigshafen brachte, damit dort die Walzen gegossen werden konnten, die in Weinheim dringend für ie Wiederinbetriebnahme der alten Druck-maschinen gebraucht wurden. Denn die alten Walzen hatten während der von der NSDAP angeordneten Stilllegung der Druckerei sehr gelitten und waren zur Herstellung von Druckerzeugnissen unbrauchbar geworden.

Plakat zum Wiedererscheinen der Weinheimer Nachrichten
Mit diesem Plakat nach einem Linolschnitt von Adolf Gertenbach kündigten die „Weinheimer Nachrichten“ ihr Wiedererscheinen zum 1. Juli 1949 an. Bild: Pfrang

Bald konnte das erste Buch gedruckt werden. Es hieß „The Wingfoot” (Die fliegenden Füße) und war das Kriegsdokument einer amerika-nischen Einheit. Danach lief die Regimentszeitung „The Trooper” (Der Kavalerist) für die in Weinheim stationierten Amerikaner auf der Schnellpresse. Auf der von Hermann Diesbach flott gemachten Rotation wurden „Die Volksstimme” und die amerikanische Divisions-zeitung „The Railsplitter” (Die Scienenspalter) gedruckt. Das rotweiße Railsplitter-Emblem „zierte”, weithin sichtbar, bis 1957 den Turm der Wachenburg.

Das rotweiße Railsplitter-Emblem „zierte”, weithin sichtbar, bis 1957 den Turm der Wachenburg

Nach Kriegsende war, wie fast alles, auch Papier knapp und deshalb bewirtschaftet. Das war auch der Grund, warum der im Sommer 1946 lizenzierte „Mannheimer Morgen” zunächst nur dreimal in der Woche erscheinen konnte. Die Geschäftsstelle seiner Weinheimer Bezirks-ausgabe „Weinheimer Morgen” (WM) war im Diesbach-Anwesen an der Friedrichstraße untergebracht. Heinrich Diesbach leitete sie und war auch für die WM-Lokalredaktion verantwortlich. 1947 trat Hugo Diesbach jun. in die Geschäftsführung ein 1948 wurde ein Anzeigenblatt für den Landkreis Mannheim herausgegeben, ab 1. Juli 1949 erschienen die „Weinheimer Nachrichten” wieder. Seit 1951 besteht die Arbeitsgemeinschaft Nordbadischer Zeitungsverlage.

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