OB-Wahl 1948: Erstmals wieder direkt gewählt

Der Wahlschein zur OB-Wahl 1948.
Der Wahlschein zur OB-Wahl 1948.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Am 1. Februar 1948 fanden in allen Städten und Gemeinden Württemberg-Badens Bürgermeisterwahlen statt. Sie waren notwendig geworden, weil die zweijährige Amtszeit der Amtsinhaber abgelaufen war. Nach der neuen Gemeindeordnung wurden die Bürgermeister fortan nicht mehr vom Gemeinderat, sondern direkt von den Bürgern gewählt. Die ersten freien Direktwahlen nach dem Zweiten Weltkrieg zeichneten sich durch eine hohe Wahlbeteiligung aus. Den Spitzenwert im Landkreis Mannheim erreichte die Gemeinde Leutershausen mit unglaublichen 98 Prozent.

Über den Wahlvorbereitungen in Weinheim schwebte die Erinnerung an die drei unentschiedenen Wahlgänge im April 1946, als sich die 14 Stadträte (CDU 7, SPD 5, KPD 2) nicht mehrheitlich auf den Amtsinhaber Wilhelm Brück (CDU) oder dem Kandidaten von SPD und KPD, den Mannheimer Verwaltungs-direktor Ernst Becherer, entscheiden konnten. Dreimal endete die Wahl mit einem 7:7-Patt.

Das passte der amerikanischen Besatzungsmacht gar nicht: sie verfügte, dass Brück sein Amt weiterführen muss, bis die Regierung des Landesbezirks Nordbaden über die Besetzung der Bürgermeisterstelle in Weinheim entscheiden werde. Karlsruhe entschied für Brück.

Drei Kandidaten

Portraitfoto Rolf Engelbrecht (1904-1966)
Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht (1904-1966)

 

Bei der ersten Direktwahl des Oberbürger-meisters am 1. Februar 1948 kandidierten der Amtsinhaber Wilhelm Brück (CDU), Regierungs-direktor Rolf Engelbrecht (parteilos) und Gewerkschaftssekretär Leonhard Seib (KPD). Engelbrecht kam auf 40,03 Prozent Stimmen-anteil, Brück auf 35,15 %, Seib auf 24,83 Prozent. Damit konnte keiner der Bewerber die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen auf sich vereinen. Eine Stichwahl wurde notwendig.

In der Woche bis zum zweiten Wahlgang am 8. Februar entbrannte der Wahlkampf in voller Schärfe. Als Brück-Unterstützer wiederholten die Stadtrats-Fraktionen von CDU und SPD und DVP-Stadtrat Heinrich Geiger in Flugblättern und Versammlungen die Frage „Warum wurde unserem Oberbürgermeister W. Brück ein Gegenkandidat entgegengestellt?” und stellten die Wähler vor die Alternative „ob sie für die nächsten sechs Jahre einen vom Großkapital unabhängigen, bewährten, einheimischen Oberbürgermeister haben wollen, oder einen Auserwählten von der Gnade des Großindustriellen Richard Freudenberg?”. Die KPD, inzwischen aus dem Wettbewerb ausgeschieden, schloss sich diesen Argumenten an.

Die mit den Kommunalwahlen am 7. Dezember 1947 neu und mit neun von 30 Sitzen stark in den Gemeinderat eingezogene Parteilose Wählervereinigung (PWV, heute FWV) sah in dem von ihr vorgeschlagenen Kandidaten Rolf Engelbrecht, der im Regierungsbezirk Nordbaden die Landespolizei aufgebaut hatte, den für die anstehenden Aufgaben notwendigen Volljuristen ohne parteipolitische Bindungen und Rücksichtnahmen.

Für und Wider

Den 15.000 Wahlberechtigten wurden die unterschiedlichen Meinungen mit Flugblättern ins Haus gebracht, sie konnten einen „Offenen Brief” von Brück an Freudenberg und eine „Offene Antwort“ Freudenbergs zuhause nachlesen und wurden außerdem aus Laut-sprecherwagen „informiert” mit Sprüchen wie diesem: „Wie der Dachdecker aufs Dach, gehört aufs Rathaus ein Mann vom Fach”. Angespielt wurde dabei auf Wilhelm Brücks Dachdeckerberuf. Wahlkampf wurde auch in Reimen gemacht und zwar mit dem brennendsten Thema der ersten Nachkriegsjahre:

Ob Brück, ob Seib, ob Engelbrecht,
mir ist ja schließlich jeder recht.
Nur darf der Gewählte nicht vergessen,
dass er reichlich sorgt fürs Essen.

Die Weinheimer zeigten am 8. Februar 1948 eine klare Meinung zu dem oft sehr ins Persönliche gehenden Wahlkampf: bei einer Wahlbeteiligung von knapp 80 Prozent stimmten 52,61 Prozent für Engelbrecht, 47,39 Prozent für Brück.

Oberbürgermeister Engelbrecht wurde am 24. Januar 1954 mit 70,96 Prozent Stimmenanteil wiedergewählt – sein Gegenkandidat Bürger-meister Dr. Fritz Meiser erhielt 28,84 % - und kam bei seiner zweiten Wiederwahl am 23. Januar 1966 ohne Mitbewerber sogar auf 99,75 Prozent Zustimmung. Die dritte Amtszeit des populären Oberbürgermeisters endete aller-dings abrupt und unerwartet: Rolf Engelbrecht erlag am 26. April 1966 im Kreiskrankenhaus Überlingen den Folgen eines Verkehrsunfalls auf der Straße nach Salem. Er wurde 62 Jahre alt.

Erinnerungen

Das Rolf-Engelbrecht-Haus im Zentrum der Weststadt und der Rolf-Engelbrecht-Preis er-innern an den Oberbürgermeister, der Weinheims Nachkriegsgeschichte nachdrücklich, tolerant und weltoffen geprägt hat. Der von Stadt, Bürgerstiftung und Freudenberg-Stiftung ausgelobte Preis „zeichnet Weinheimer Einzelpersonen und Initiativen aus, die sich vorbildlich für eine demokratische Stadtgesellschaft einsetzen, in der Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrer kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt gleichberechtigt zusammenleben können“.

Posthum Ehrenbürger?

Eine Initiative des Weinheimer SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Daffinger im Jahre 2008, den verstorbenen Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht in Würdigung seiner Verdienste um Weinheim posthum das Ehrenbürgerrecht zu verleihen, scheiterte an der Gemeindeordnung, nach der diese Ehrung lebenden Personen vorbehalten ist.

Wahlen in der Nachbarschaft

Am 1. und 8. Februar 1948 wurden auch in Weinheims Nachgemeinden die Bürgermeister neu oder wieder gewählt:

  • Laudenbach: Adam Thron (SPD)
  • Hemsbach: Richard Jung (CDU)
  • Sulzbach: Heinrich Müller (SPD)
  • Lützelsachsen: Rudolf Lehr (parteilos)
  • Hohensachsen: Georg Schwöbel (CDU)
  • Großsachsen: Gottlieb Hauck (SPD)
  • Leutershausen: Herbert Kunkel (CDU)
  • Schriesheim: Georg Rufer (SPD)
  • Ritschweier: David Kippenhan (parteilos)
  • Rippenweier: Karl Friedrich Pfrang (DVP)
  • Oberflockenbach: Adam Cestaro (DVP.)

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