Ostern: Warten auf den Pettern und die Geedl

Eine bunt bemalte Spanschachtel.
Sehnsuchtsobjekt Spanschachtel.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Kaum jemand kennt noch den alten kurpfälzischen Brauch vom „Geedlsach”? Er war Ausdruck der Verbundenheit eines großen Familienkreises, der Zusammengehörigkeit der älteren und der jüngeren Generation. In der Kurpfalz wurden – und werden mancherorts noch heute – die Paten Pettern und Geedl genannt, wobei es sich bei Geedl um die verkleinerte Form von Good (Patin) handelt.

Die Geedl hielt das Patenkind über die Taufe mit dem Versprechen, ihm stets hilfreich zur Seite zu stehen und notfalls die Mutterstelle zu versehen. Eine gute Geedl pflegte engen Kontakt mit ihrem Patenkind. Alljährliche Höhepunkte dieses intimen Verhältnisses waren die Neujahrs- und Ostergeschenke: das „Geedl-sach”.

Die bunte Spanschachtel

An den Festtagen erschienen die Geedl und der Pettern mit ihren Geschenken im Haus des Patenkindes. Dort wurden beide mit Spannung erwartet. Nach der herzlichen Begrüßung trat die Geedl mit feierlicher Miene an den blank gescheuerten Tisch und entleerte ihren Korb. Es waren immer die gleichen Gaben, die sie hervorholte: der große, sauber geflochtene und glänzend braune Hefekranz, der manchmal auch mit einem Zuckerguss bestrichen war, dazu Äpfel, Birnen und Nüsse. Die Kinder warteten aber vor allem auf das letzte Geschenk, das aus dem Korb genommen wurde: eine bunt bemalte Spanschachtel, gefüllt mit farbiger Zuckerwatte. Obenauf lag ein Wickelkind aus Zucker oder Marzipan als Erinnerung an einen alten germanischen Fruchtbarkeitskult. Die Spanschachteln waren oft in Bauernmalerei künstlerisch gestaltet. Heute sind sie gesuchte Sammlerobjekte.

Geheimnisvolle Kräfte

Junge beim Ostereierwerfen in Wünschmichelbach
Seit über 40 Jahren fliegen am Ostermontag in Wünschmichelbach die Ostereier beim traditionellen Ostereierwerfen. Corona machte das ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2020 unmöglich. Bild: WN-Archiv

Eier gehörten schon immer zu Ostern. Professor Dr. Eckstein, Mitarbeiter am Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hat vor Jahren im „Rodensteiner”, der heimat-geschichtlichen Beilage der „Weinheimer Nachrichten” und „Odenwälder Zeitung”, berichtet, dass das Ei „bei allen Völkern aller Kulturstufen als wunderbare Erscheinungsform des eingeschlossenen und erwachenden tierischen Lebens” verehrt wurde. Der Glaube an die Übertragung der dem Ei innewohnenden hervorragenden Kräfte ließ den Bauer vor dem ersten Pflügen seinen Pflug über eine Schüssel voller Eier und Brot führen, um die im Brot steckende Kraft der letztjährigen Ernte und die Fruchtbarkeit des Eis dem Acker mitzuteilen.

Ostereier fliegen

Unsere Vorfahren vergruben Eier im Ackerboden, vor allem Gründonnerstag-Eier, denen man eine besondere Wirkung zuschrieb. In den Saatweizen mischte man Eierschalen und wieder am liebsten Ostereierschalen. Wenn heute im Odenwald an Ostern Eier über die Dächer geworfen werden, dann ist das ein sportlicher Wettbewerb, vielleicht aber auch die unbewusste Pflege eines uralten Brauchs, mit dem man sich vor Blitzschlag bewahren wollte.

Hühner legten Zinseier

Die Sitte des Ostereier-Schenkens ist freilich nicht allein Brauchtumspflege. Im Mittelalter wurden zu Ostern dem Grundherrn als Sachleistung für das gepachtete Land Eier übergeben. Das Ei galt auch als Berechnungseinheit für Zinsen und Pacht und weil die Hühner zur Osterzeit besonders fleißig zu legen begannen, erleichterten sie der Bäuerin die Erfüllung ihren Abgabenpflicht ans Kloster oder an das Gut.

Als Ursprung für das Ostereier-Schenken gilt auch das: Während der Fastenzeit durften keine Eier gegessen werden, die Hennen aber konnten schlecht davon abgehalten werden, Eier zu legen. Deshalb musste das Überangebot haltbar gemacht werden. Die Eier wurden gekocht und dem Kochwasser wurden Pflanzen zum Färben beigegeben. So konnte man die gekochten Eier von den rohen unterscheiden. Pflanzen werden bis heute zum Verzieren von Soleiern genutzt.

Die in großer Zahl vorhandenen Eier waren natürlich auch ein ideales Geschenk für Kinder: man färbte sie bunt, versteckte sie und ließ nach ihnen suchen. Das Ostereier-Suchen beschränkte sich dabei nicht auf den häuslichen Bereich oder auf den Oster-spaziergang, wenn der Vater, vermeintlich auf der Suche nach dem richtigen Weg, ein Stück weit der Familie voranging und dann, völlig überraschend, bunte Eier im Gebüsch unterm Waldbaum lagen. Schon 1691 schrieb der Abt von Schuttern in sein Tagebuch: „Den hiesigen Kindern versteckte ich Ostereier im Garten”.

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