Richard Freudenberg: Erinnerungen an einen Großen

Richard Freudenberg
Richard Freudenberg, ©Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Richard Freudenberg wurde am 9. Februar 1892 in Weinheim geboren, als siebtes von zehn Kindern des Lederfabrikanten Hermann Ernst Freudenberg (1856-1923) und seiner Frau Helene Siegert (1855-1939). Er war eigentlich nicht für eine Tätigkeit im Familienunternehmen bestimmt und absolvierte nach dem Abitur am Weinheimer Gymnasium, seinen Neigungen entsprechend, ein botanisches Studium in England. Doch als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die bereits im Unternehmen tätigen Brüder Hans und Otto und Vetter Walter zusammen mit einem Teil der Belegschaft zum Kriegsdienst einberufen. Der Vater brauchte Hilfe und rief den wegen einer Armverletzung nicht waffenfähigen Sohn Richard nach Weinheim. So kam der 22-jährige, in Geschäften gänzlich unerfahrene Botaniker in die von Großvater Carl Johann 1849 gegründete Firma, die damals schon 2.800 Mitarbeiter zählte. Die Daheimgebliebenen mussten überall aushelfen, auch der neue Juniorchef. Aus dieser Zeit stammt Richard Freudenbergs oft überraschende Detailkenntnis für technische und menschliche Probleme, aber auch seine Liebe zum Leder, die ihn ein Leben lang bergleitete.

Richard Freudenberg prüft Leder.
Ein Leben lang dem Leder eng verbunden: „Richard Lederherz”. ©Freudenberg & Co. KG, Unternehmensarchiv.

Von 1921 bis 1962, über vier Jahrzehnte lang, stand Richard Freudenberg an der Spitze des Familienunternehmens. Gemeinsam mit seinen Brüdern Hans und Otto und Vetter Walter führte er das Unternehmen auch durch schwere Zeiten. Inflation, Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, totaler Zusammenaufbau Deutschlands und Wiederaufbau waren markante Prüfsteine in seiner unternehmerischen Laufbahn. Simmerring, Kunstleder und Vliesstoffe wurden die in eine neue Richtung und in eine erfolgreiche Zukunft weisenden Produkte einer heute weltweit tätigen Unternehmensgruppe, deren Internationalisierung auf Richard Freudenberg zurückgeht.

Europäer mit Pfälzer Zunge

Richard Freudenberg hat nicht nur als Unternehmer Außerordentliches geleistet, er ist im Dienst der Heimat und ihrer Menschen auch der letzte große Patriarch gewesen. Mancher, der Richard Freudenberg aus seinem vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Wirken kannte, mag erstaunt gewesen sein, aus dem Mund dieses weitgereisten Mannes kurpfälzische Dialektlaute zu vernehmen. Richard Freudenberg hat sich nie die Mühe gemacht, sie zu verbergen, und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, ein Pfälzer zu sein. Im alten Realgymnasium, wo er zur ersten Sexta im Neubau an der Friedrichstraße gehörte, hatte er den Spitznamen „Setzglicker”, nach der Hauptkugel im „Glickerles”-Spiel der Weinheimer Buben. Die Weinheimer kannten und schätzten seine tiefe Verwurzelung im heimischen Boden. Ohne falsches Pathos bekannte sich der Mann, der nur in einem auch politisch geeinten Europa eine Zukunft für diesen Kontinent sah, zu der Bergstraßen- und Odenwald-landschaft aus der er kam. Der Mann an der Spitze eines international erfolgreichen Konzerns mit Milliardenumsatz hat seine Heimat immer im Herzen und auf der Zunge getragen.

Richard Freudenberg erstrebte damit keine Volkstümlichkeit, die er nicht schon gehabt hätte. Der Mann mit dem borstigen Haar und den buschigen Brauen über den forschend-fragenden, kritisch abwägenden Augen hat seine Abneigung gegen schöne Reden und glatte Formulierungen nie verhehlt und vor allem in seinen letzten Lebensjahren immer wieder den Hochmut verdammt, dass das politische Engagement eines Unternehmers erst mit der Aussicht auf ein Bundestagsmandat beginnt.

Lebensauffassung vorgelebt

Mit dem Bürgerstolz eines Mannes, der kraft der Souveränität seines Charakters immer wieder gewählt wurde, hat Richard Freudenberg seine Lebensauffassung deutlich vorgelebt: dass die Verpflichtung für den Mitmenschen im kleinsten Bereich, in der Gemeinde, beginnen muss. Das persönliche Vorbild entscheidet hier, im noch überschaubaren Bezirk, über den Bestand der Demokratie. Richard Freudenberg hat dieses Vorbild in 52 langen, ereignisreichen Dienstjahren im Weinheimer Gemeinderat gegeben und er hat es allen gegenwärtigen und künftigen Kommunalpolitikern als Vermächtnis hinterlassen: „Denken Sie bei dem, was Sie tun, nie daran, ob Sie wiedergewählt werden, denn das ist eine der großen Gefahren für so viele in der Öffentlichkeit tätigen Männer und Frauen. Denken Sie nur daran, dass die Grundlage einer Demokratie vorhanden ist, wenn die Menschen ein feines Gefühl haben, was Leistung bedeutet und was Scheinmanöver sind”.

Dr. h.c. Richard Freudenberg war in seinem bewegten Leben Gemeinderat und Kreisrat, Landtags- und Bundestagsabgeordneter, Bürgermeister seiner Heimatstadt und Landrat für die Region um die große Nachbarstadt Mannheim, in der er erreichte, was es zuvor seit 1728 noch nie gegeben hatte: dass auf dem Präsidentensessel der Industrie- und Handelskammer ein Nicht-Mannheimer saß. Für seine vielfältige politische und wirtschaftliche Tätigkeit sind Richard Freudenberg hohe und höchste Ehrungen zuteilgeworden, er hat Orden, Titel und Würden empfangen, er gehörte zu den großen Unternehmer-Persönlichkeiten seiner Zeit. Richard Freudenbergs Wort galt im nationalen und internationalen Bereich, ohne dass der knorrige, gelegentlich recht unbequeme Mann jemals den Bückling machte.

Die Leistungen seines Lebens – das unternehmerische Engagement in der Politik, das Missbehagen am Drang nach Größe, die wache Beobachtung der Ämter und ihres Planeifers, die Abneigung gegenüber zügellosem Schuldenmachen – haben ihm über den Tod hinaus Anspruch auf Gehör gesichert, auch bei denen, die es ihm nur widerwillig schenkten.

Ein großer Unabhängiger

Richard Freudenberg, Theodor Heuss und Gebhard Müller.
Zum 70. Geburtstag von Richard Freudenberg kamen Altbundespräsident Professor Dr. Theodor Heuss und der baden-württembergische Ministerpräsident Dr. Gebhard Müller. Bild: WN-Archiv/Kopetzky

„Richard Lederherz”, wie ihn seine Freunde nannten, war nicht nur „ein schlichter Gerber”, wie er sich selbst gelegentlich bezeichnete, sondern ist allzeit ein großer Unabhängiger gewesen. Altbundespräsident Professor Theodor Heuss, ein vertrauter Freund aus gemeinsamen DDP-Tagen, sagte 1962 dem damals 70-Jährigen: „Das Schicksal der anderen in Achtung eines freien Menschentums auf die eigene Verantwortung zu übernehmen – man hat Ihnen, lieber Richard Freudenberg, über den Tag hinaus ein Lebensbeispiel zu danken”.

Richard Freudenberg, seit 1949 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Weinheim, ist am 21. November 1975 im Alter von 83 Jahren in Reute/Tirol verstorben. Er ruht in der Familiengrabstätte auf dem Weinheimer Hauptfriedhof. (2016)

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