Marianne Rihm: 3 Glocken war ihr Leben

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Es ist, als wollten ihr Weinheims schönste Frühlingsboten, die Tulpenbäumchen und die Osterglocken, besonders herzlich zum Geburtstag gratulieren: in zartem Rosa und leuchtendem Gelb standen sie, an der Bergstraße entlang, vor dem 3-Glocken-Center, dessen Vorgeschichte Marianne Rihm so entscheidend geprägt hat. Am 8. April 2022 wäre die eindrucksvolle Frau, Top-Managerin, Mutter und Hausfrau, 100 Jahre alt geworden. Sie starb 2012 im Alter von 90 Jahren.
Auch zehn Jahre nach ihrem Tod ist Marianne Rihm bei vielen Weinheimern in lebendiger Erinnerung. Sie hatte ein Gespür für Menschen mit Schwierigkeiten und in Not – und versuchte ihnen zu helfen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, mit großem Herzen und auf einfachen Wegen. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie das für eine russische Zwangs-arbeiterin, einen DDR-Flüchtling oder die Familie eines beim Bau des Hirschkopftunnels tödlich verunglückten österreichischen Mineurs tat.
Und sie war ein Leben lang bekennende Weinheimerin, stolz auf ihre Heimatstadt und auf die Menschen, die, wie sie, gern an den Hängen des Odenwaldes und in der Ebene davor lebten. Zusammen mit ihrem Mann Dr. Siegfried Rihm rief sie 1984, zum 100-jährigen Bestehen von 3 Glocken, die Aktion „Blühende Bergstraße” ins Leben, mit der 10.000 Mandelbäumchen zum Stückpreis von einer Mark verkauft wurden, um die Bergstraße wieder zu einer blühenden Landschaft zu machen. Dazu trugen auch Hunderte von Narzissen und Osterglocken bei, die im Frühling im Hang zwischen Rosenbrunnenstra0ße und Bergstraße erblühten – bis der zweigleisige Ausbau der OEG-Linie die meisten verschwinden ließ.
Die kleine Marianne Franziska Zaiser, deren Geburt Vater Julius und Mütter Fränze am 8. April 1922 stolz im „Weinheimer Anzeiger” verkündeten, wuchs in der Zaiser-Villa an der Bismarckstraße (heute Mensa des Werner-Heisenberg-Gymnasiums) auf. Ihr Schulweg in die Pestalozzischule, Weinheims Innenstadt-Mädchenschule, und später ins benachbarte Realgymnasium war kurz, aber auch der Weg zum Familieunternehmen, dem 1884 als „Erste Badische Dampfteigwarenfabrik” von Wilhelm Hensel gegründeten, 1889 von Julius Zaiser übernommenen 3 Glocken-Werk. Mit dem Vater, der „die Nudel” glücklich durch die Weltwirtschaftskrise gesteuert und zu einem Qualitätsbegriff gemacht hatte, teilte die heranwachsende junge Frau nicht nur die Liebe zur Natur und zu den Bergen, sondern auch das verpflichtende Bewusstsein der besonderen Verantwortung für die Menschen, die täglich zur Arbeit für 3 Glocken nach Weinheim kamen.
Die kreative Zusammenarbeit von Vater und Tochter wurde 1943 jäh beendet durch den Tod von Julius Zaiser. Mit 21 Jahren trug die (Kriegs-)Abiturientin plötzlich die alleinige Verantwortung für das Unternehmen: in der unruhigen Endphase des Zweiten Weltkriegs und im Chaos der ersten Nachkriegsjahre. Auf allerhöchste Anweisung aus Berlin und mit Mitteln, die eigentlich für das „Tiger”-Panzer-Programm vorgesehen waren, baute Marianne Zaiser in Möckern nahe Magdeburg eine Teigwarenfabrik mit drei Produktionslinien auf, die gut anlief, nach Kriegsende aber von den Russen enteignet wurde. Unglaublich klingt die Geschichte, wie es ihr gelang, die wichtigsten Maschinen nicht nur vor der Demontage in die Sowjetunion zu bewahren, sondern sie sogar nach Weinheim zu bringen, wo sie bis zum Ende der 3 Glocken-Produktion liefen. Zur gleichen Zeit musste in Weinheim die nach dem Einmarsch der Amerikaner trotz großer Rohstoffprobleme schnell wieder angelaufene Teigwarenproduktion vor Plünderungen in Sicherheit gebracht werden. Für jede noch so bescheidene Weizenlieferung radelte damals die junge Geschäftsführerin nach Mannheim in den Hafen.
Es sind die Geschichten von Einfallsreichtum und Durchsetzungsvermögen, Menschlichkeit und Großmut, die Marianne Rihm-Zaiser zu einem besonderen Menschen gemacht haben. Michael Rihm hat sie in langen Gesprächen mit der Mutter und aus ihren Tagebüchern erfahren und erzählt sie gern weiter, voller Begeisterung für die Lebensleistung einer Frau, die zugleich Unternehmerin, Hausfrau und Mutter war, eine starke Frau mit mutigen Entscheidungen, ein liebenswerter, bescheidener Mensch mit großem Herzen, tapfer auch nach Schicksalsschlägen wie dem Unfalltod ihres zweiten Sohnes Andreas. Tapfer auch bei der schmerzhaften Trennung von ihrem Lebenswerk 3 Glocken. Fast 50 Jahre lang hatte sie das Unternehmen mit klaren Zielsetzungen und mutigen Entscheidungen zur Marktführerschaft in Deutschland geführt, verantwortungsbewusst, wie sie stets handelte, entschied sie sich 1990, die reine Familiengesellschaft an finanzstärkere Schultern anzulehnen.
Marianne Rihm war Deutschlands einzige „Nudelmacherin”, hoch geschätzt in nationalen und internationalen Verbänden, engagiert in der Vollversammlung der IHK Mannheim für den Aufbau der Metropolregion Rhein-Neckar und im Beirat der Deutschen Bank, zwischen 1947 und 1951 einzige Frau im Weinheimer Gemeinderat. Nie hat Marianne Rihm in ihrem bürgerschaftlichen Wirken die Öffentlichkeit gesucht, Ehrungen nur für das Unternehmen und seine bis zu 750 Mitarbeiter angenommen. Die Entscheidung ihrer Heimatstadt, eine Straße im Neubaugebiet Allmendäcker nach ihr zu benennen, hat sie nicht mehr erleben dürfen. Sie hätte sich sicher darüber gefreut.
Zu den Erinnerungen an eine starke, mutige und charmante Frau, die für viele ihrer Mitmenschen zum Vorbild wurde, gehören auch ihre sportlichen Leidenschaften, der Skisport und das Bergsteigen. Die schwarzen Pisten im Engadin, Wallis und in Tirol reizten sie ebenso wie der Gipfel des Matterhorn,sie liebte das Autofahren („Mein Chauffeur bin ich selbst! ”“) in ihrem dunkelblauen BMW und das lautlose Fliegen mit dem Gleitschirm über die Alpen, erfüllte sich einen Lebenstraum mit einem Flug nach New York in der legendären Concorde und sie bereiste fremde Länder, ehe sie vom Tourismus entdeckt wurden.
Im hohen Alter von 88 Jahren adoptierte Marianne Rihm einen älteren Dackelherrn aus dem Tierheim und schenkte ihm am Nächstenbacher Berg ein warmes, schönes Zuhause. Auch das ist eine Erinnerung an eine bewundernswerte Frau.
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