Weltoffen und bürgernah: Rolf Engelbrecht

Portraitfoto Rolf Engelbrecht (1904-1966)
Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht (1904-1966)

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

„Herr Engelbrecht, uns isses recht, dass Sie gebbliwwe sin do drowwe un dass sich gar nix hot verschowwe”, ließ die Weinheimer Schuljugend am 25. Januar 1954 den am Vortag mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigten Oberbürgermeister wissen.

Das war, wie der den vorausgegangenen Wahlkampf begleitende Slogan „Er war uns recht, er ist uns recht, wir alle wählen Engelbrecht”, eine jener Sympathiebekundungen, die für Rolf Engelbrecht wichtiger waren als goldene Ehrennadeln. Der OB liebte seine Aufgabe als Bürgervater, er hob das erste Amt der Stadt über die bloße Funktion des Verwaltens hinaus, er führte seinen Auftrag, erster Diener dieser Stadt zu sein, mit frohem Herzen, ernster Verantwortung und großem Können aus. Und die Weinheimer liebten ihn für seine weltoffene und dabei doch bürgernah bleibende Menschlichkeit. „Unser Oberbürgermeister” nannten sie ihn und dankten ihm damit für das erfüllte Versprechen, das er bei seiner Amtseinführung nach der Wahl 1948 gegeben hatte: „Sie werden mich immer auf der Seite derer finden, die vom Schicksal betroffen sind und sich in einer unverschuldeten Notlage befinden”.

Achtzehn gute Jahre für Weinheim

Am 26. April 2016 jährt sich der Todestag von Rolf Willi Carel Engelbrecht zum 50. Mal. Dier Folgen eines schweren Verkehrsunfalls am 12. März 1966 bei Tüfingen, auf der schneeglatten Landstraße zwischen Überlingen und Salem, beendeten einen 18-jährigen Abschnitt in der langen Stadtgeschichte, der entscheidend von dem ersten gewählten Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt wurde. Die Jahre zwischen 1948 und 1966 gehören zu den härtesten, aber auch erfolgreichsten Jahren Weinheims. Bis heute stellt sich Rolf Engelbrechts kommunalpolitisches Wirken dar in Schulhausbauten, Sportstätten, Hoch- und Tiefbauten, in Wohnsiedlungen und im sozialen Wohnungsbau.

Weinheim als Lebensaufgabe

Bei vielen Gelegenheiten hat Rolf Engelbrecht betont, dass er den Entschluss, sich um das Amt des Oberbürgermeisters von Weinheim zu bewerben, nie bereut hat. „Ich war stets mit dem ganzen Herzen dabei“, bekannte er in den Veranstaltungen vor der Wahl 1966, als er zum dritten Mal für das höchste Stadtamt kandidierte. Engelbrechts Herz hatte schnell gelernt, den Rhythmus Weinheims zu schlagen.

Auch Weinheim brauchte seine Entscheidung für den parteilosen Juristen und nordbadischen Landespolizeidirektor nicht zu bereuen. Rolf Engelbrechts tolerante, stets um Ausgleich bemühte, dem Menschen zugewandte Lebenseinstellung schuf die Voraussetzungen für das nicht alltägliche, oft bewunderte und manchmal beneidete Klima im Weinheimer Gemeinderat, in dem es zwischen 1948 und 1966 nur eine einzige Kampfabstimmung gegeben hat.

Sein Schicksal spiegelt Geschichte

Sein Lebensschicksal, das eine unselige Zeit spiegelt, hat Rolf Engelbrecht zu einem überzeugten Europäer und einem Förderer der deutsch-französischen Aussöhnung gemacht. Geboren wurde er 1904 als zweiter Sohn des Chirurgen und Oberstabsarztes Dr. Hans Engelbrecht und seiner Frau Luise, geborene Aronstein, im damals deutschen Bischweiler, dem heutigen Bischwiller im französischen Departement Bas-Rhin. Nach dem Ersten Weltkrieg verließ die Familie das nun wieder französische Unterelsass und zog nach Karlsruhe. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte der junge Engelbrecht von Karlsruhe zu Verwandten ins holländische Arnheim, machte dort 1924 Abitur und studierte dann Jura in Freiburg, Kiel, München, Paris und Heidelberg. An der Akademie für Internationales Recht in Den Haag bereitete sich Rolf Engelbrecht auf eine Anwaltstätigkeit vor, in der Internationales Recht ein Schwerpunkt sein sollte.

Der „Vierteljude”

Jumelage: Besuch einer Gemeinderats-Delegation aus Cavaillo.
1958 wurde die erste Jumelage im Bereich des heutigen Rhein-Neckar-Kreises in Weinheim besiegelt. Eine Bilderinnerung an den ersten Besuch einer Gemeinderats-Delegation aus Cavaillon.

Die ihm im August 1932 erteilte Zulassung als Rechtsanwalt wurde allerdings im Mai 1933 von den Nationalsozialisten wieder rückgängig gemacht, weil Engelbrechts Mutter aus einer jüdischen Familie stammte. Engelbrecht galt nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als Vierteljude“. Während der Sohn zunächst als Vertreter für Büroartikel arbeitete und später für die Aachener und Münchner Feuerversicherung tätig war, verließ die Mutter 1938 Deutschland und nahm wieder die holländische Staatsangehörigkeit an. Zum Schutz seiner in Holland von der deutschen Besatzungsmacht bedrohten Mutter emigrierte Engelbrecht 1942 in die Niederlande und arbeitete in Amsterdam für die holländische Versicherungs-gesellschaft O.W.J. Schlenker. Die Mutter überlebte die Zeit nur durch ständigen Wohnungswechsel, mit gefälschten Ausweispapieren und mit Lebensmittelmarken, die ihr der Sohn kaufte.

Erst nach dem Ende des Hitler-Reichs konnte Rolf Engelbrecht wirken, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Er leistete seinen Beitrag zum Aufbau der neuen deutschen Demokratie1945 bis1948 als Landespolizeidirektor in der Landesverwaltung Baden und danach achtzehn Jahre bis zu seinem überraschenden Tod als Oberbürgermeister in Weinheim.

Ein überzeugter Europäer

1958 wurde die erste Jumelage im Bereich des heutigen Rhein-Neckar-Kreises in Weinheim besiegelt. Eine Bilderinnerung an den ersten Besuch einer Gemeinderats-Delegation aus Cavaillon.

Rolf Engelbrecht sprach fließend Englisch, Französisch und Holländisch und wurde ein überzeugter Europäer. Die Bedeutung der internationalen Gemeinschaft hatte er in den Jahren der persönlichen Not erfahren, für sie warb er nun als Mitglied im Verwaltungsrat der Europäischen Bürgermeister-Union, als Beobachter im Rat europäischer Gemeinden beim Straßburger Europarat, als Mitbegründer der Europa-Union in unserer Region und als einer der Stifter der Städtepartnerschaft mit dem südfranzösischen Cavaillon, die eine dersten im Reigen der deutsch-französischen Kommunalehen war und nun schon 58 Jahre besteht.

Die 1983, zum 25jährigen Partnerschafts-Geburtstag, vom Weinheimer Gemeinderat eingerichtete „Engelbrecht-Mitifiot-Stiftung” zur Förderung des Jugendaustauschs trägt den Namen des einstigen Weinheimer Oberbürgermeisters und seines französischen Amtskollegen Fleury Mitifiot. Die beiden Kommunalpolitiker hatten sich 1948 in der Internationalen Bürgermeister-Union für deutsch-französische Verständigung kennengelernt und schätzten sich gegenseitig sehr.

Rolf Engelbrecht brachte sich ein in die Arbeit des Städteverbandes Baden-Württemberg und der Kommunalen Arbeitgeber-Vereinigung, des Deutschen Städtetags, der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Rhein-Neckar, des Landesschulbeirats und des Landesfremdenverkehrs-verbandes, in Weinheim war er Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bezirkssparkasse, Vorsitzender der Kulturgemeinde, des Verkehrsvereins und des DRK-Ortsvereinsd.

Rolf-Engelbrecht-Haus

Das Rolf-Engelbrecht-Haus.
Kultureller Mittelpunkt der Weststadt: das Rolf-Engelbrecht-Haus.

1967 wurde in der Weststadt als Mittelpunkt des rasant wachsende n Stadtteils ein Kulturzentrum fertiggestellt mit Stadion-Restaurant, einem teilbaren Saal, Nebenräumen und einer Zweigstelle der Stadtbücherei. In Würdigung der besonderen Verdienste des im Vorjahr verstorbenen Oberbürgermeisters um dieses Projekt gab ihm der Gemeinderat den Namen Rolf-Engelbrecht-Haus.

Rolf-Engelbrecht-Preis

Seit 2011 gibt es den Rolf-Engelbrecht-Preis. Stadt Weinheim, Bürgerstiftung und Freudenberg-Stiftung zeichnen damit alle zwei Jahre Menschen und Institutionen aus, „die sich vorbildlich für die demokratische Stadtgesellschaft einsetzen, in der Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrer kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt gleich berechtigt zusammenleben können”. Erster Preisträger war der Arbeitskreis Asyl.

©www.wnoz.de, 2016

 

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