Auch wenn man am Ende gegen eine Mauer fährt …

Seit 50 Jahren verbindet die „Schleuder” Bergstraße und Odenwald mit Mannheim

Die Muckensturmer Straße, Luftbild August 2015.
August 2015: Die Muckensturmer Straße, in der sich viele Wünsche erfüllt haben: für die Feuerwehren von Lützelsachsen und Hohensachsen mit dem gemeinsamen Gerätehaus und für viele Häuslebauer im Hohensachsener Neubaugebiet. Bild: WN-Archiv/Luftbild Pfrang

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Sie musste unvollendet bleiben, weil die weiterführenden Pläne auf heftigen Widerstand stießen, und sie ist trotzdem ein unverzichtbarer Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur in der Region: die Kreisstraße 4133, kreuzungsfreie Querverbindung von der Ausfahrt Viernheim-Ost der Autobahn Mannheim-Weinheim über den Heddesheimer Ortsteil Muckensturm, die Autobahn A 5, die Bundesstraße 3 und die OEG-Linie Weinheim-Heidelberg zur Oberen Bergstraße. Der Volksmund hat sie schnell „die Schleuder” getauft und damit ihre Bedeutung als schnelle Verkehrsverbindung unterstrichen. Ihre entlastende Wirkung auf die Innenstadt ist enorm, weil sie den gesamten Verkehr in den Raum südlich von Weinheim aufnimmt. Und sie wird ihrer Aufgabe als Erschließungsstraße gerecht, auch wenn sie bislang nur einseitig für Hohensachsen-West genutzt wird.

Am 24. September 1974 gaben Landrat Albert Neckenauer und Oberbürgermeister Theo Gießelmann die neue Straße für den Verkehr frei. In fünf Bauabschnitten war sie entstanden, vom Bau des Main-Neckar-Schnellwegs ausgelöst: mit einem Aufwand von über 8 Millionen DM als erster Bauabschnitt die Strecke Viernheim/Landesgrenze-Muckensturm, als zweiter und dritter Abschnitt die Brücken über die Autobahn A 5 und über die Main-Neckar-Strecke der Bundesbahn, als vierter Bauabschnitt die Verbindungsstraße zwischen Muckensturm und Heddesheim. Nach Abschluss der ersten vier Bauabschnitte der neuen Straße bis zur ampelgesicherten Einmündung in die B 3 südlich von Lützelsachsen wurde 1969 das Planfeststellungsverfahren für den 5. Bauabschnitt eingeleitet.

Der 5. Bauabschnitt sollte korrigieren, was bei der Planung zunächst versäumt worden war: die kreuzungsfreie Überwindung von Bergstraße und OEG-Linie und damit die direkte Anbindung einer schnellen Querverbindung Mannheim-Viernheim-Hohensachsen an die Obere Bergstraße. Die neuen Siedlungsgebiete in Lützelsachsen und Hohensachsen – vor allem von Auspendlern nach Mannheim/Ludwigshafen bevorzugte Wohnlagen – erzwangen die erweiterte Planung, denn die neue Straße sollte ein Beitrag zur Verkehrsanbindung des Umlandes an den Raummittelpunkt Mannheim sein und zugleich eine Verbesserung der Verkehrsbeziehungen der Bergstraßen-Gemeinden untereinander bringen. Denn das Straßenbauamt Heidelberg plante, die Obere Bergstraße nach dem Ausbau des Teilstückes Hohensachsen-Großsachsen bis nach Schriesheim zu verlängern. Der Plan scheiterte an Grunderwerbsschwierigkeiten vor allem in Großsachsen, aber auch in Leutershausen. Zur Entlastung des Großsachsener Tals wurde in Heidelberg auch über eine Verbreiterung und Begradigung der Kreisstraße von Hohensachsen über Ritschweier zum Bildstock bei Oberflockenbach nachgedacht. Damit hätte die Chance bestanden, die neue Kreisstraße bis nach Oberflockenbach weiterzuführen und damit eine Direktverbindung aus dem Odenwald nach Mannheim zu schaffen. Doch der ehrgeizige Plan scheiterte vor allem an der engen Hohensachsener Ortsdurchfahrt.

Geheimnisvolle Kräfte

Luftbild des Gebiets südlich von Lützelsachsen (1972)
Im Sommer 1972 schufen Bagger südlich von Lützelsachsen die Voraussetzungen für den kreuzungsfreien Anschluss der neuen Kreisstraße an die Obere Bergstraße und für die Erschließung des Neubaugebiets Hohensachsen West. Bild: WN-Archiv/Luftbild: Pfrang

Eine weitere besondere Bedeutung des letzten Bauabschnitts der neuen Straße liegt in der Ausschaltung der Verkehrsgefahren, die sich damals in erschreckendem Maße an der Einmündung des Hohensachsener Viehwegs, der Kaiserstraße, in die B 3 aufgetan hatten. Aus- und Zufahrt am Ende der Kaiserstraße wurden geschlossen. Im Weinheimer Rathaus plante man damals eine Parallelstraße vom Rosenbrunnen bis zum Viehweg mit dem Ziel, auf dem gesamten Abschnitt alle Ausfahrten auf die B 3 zu schließen. Die Pläne wanderten in die berühmte Schublade.

Der 5. Bauabschnitt für die neue Kreisstraße Viernheim-Hohensachsen wurde nach zweieinhalb Jahren Bauzeit im September 1974 abgeschlossen: mit einer Million DM Grunderwerbskosten und acht Millionen DM Gesamtkosten. Dazu hatten die Bagger eine tiefe Kerbe in den Hang zwischen Lützelsachsen und Großsachsen geschoben. Die Entwässerungsprobleme des Gebiets stellten die Straßenplanern vor zahlreiche Probleme. Aber nicht nur sie. Baudirektor Grün verriet bei der Verkehrsfreigabe am 24. September 1974 interessante Details der Baugeschichte des zwei Kilometer langen Schlussabschnitts Es waren zwei Brückenbauwerke zu erstellen: die 53 m lange und 13 m breite Brücke über die B 3, für die 330 laufende Meter Rammpfähle, acht Meter lang, 750 cbm Beton und 115 Tonnen Stahl verarbeitet wurden, und die Brücke über die OEG-Linie, die 630 laufende Meter Rammpfähle, 1.550 Kubikmeter Beton und 100 Tonnen Stahl beanspruchte. 150.000 Kubikmeter Erdbau waren notwendig, 5.000 laufende Meter Bordsteine wurden gesetzt, 2.800 Meter Entwässerungsrohre verlegt und 16.000 Quadratmeter Schwarzdecke aufgebracht. Das wiederum waren etwa 4.000 Tonnen Schwarzmaterial und 3.800 Tonnen Mineralbeton.

Das erste große Kreisstraßenprojekt im Nordwesten des neuen Rhein-Neckar-Kreises, das in Weinheim seit 1990 den Namen Muckensturmer Straße trägt, kostete letztlich 16 Millionen DM. Der Bund beteiligte sich an der Finanzierung mit 60 Prozent, das Land mit 25 Prozent und der Kreis mit 15 Prozent. Der Aufwand hat sich gelohnt – auch wenn man am Ende der Straße auf eine Mauer zu fährt.

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