Kaminplausch mit Franz von Papen: aus der Geschichte des Schlosscafé

Schloss Weinheim in einer alten Fotografie.
Das Türmchen beim Obertor hatte einst einen spitzen Hut, über dem Ausgang vom Gartensaal zum Park ist ein flaches Dach zu sehen und der Balkon vor dem Dienstzimmer des Oberbürgermeisters fehlt. Er wurde erst unter Philipp und Irene von Berckheim angebaut.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Hitlers Vizekanzler Franz von Papen war am 18. Mai 1934 einer der letzten prominenten Gäste im Schloss Berckheim. Zusammen mit seiner Frau Martha von Boch-Gallhau, einer der Erbinnen der saarländischen Keramik-Dynastie Villeroy & Boch, besuchte der einstige Zentrumspolitiker, den die Geschichtsschreibung als „Steigbügelhalter Hitlers” eingestuft hat, die befreundete Familie von Berckheim. Vier Wochen später trat Vizekanzler von Papen zurück: entmachtet und danach auf Botschafterposten in Wien, Washington und Ankara abgeschoben. Der damalige Schlossherr Dr. Philipp Graf von Berckheim verkaufte am 2. Dezember 1938 das Schloss und den 45.048 Quadratmeter großen Schlosspark an die Stadt Weinheim. Zu Pfingsten 1939 wurde das Schlosspark-Café eröffnet, am 9. Juli 1939 fand das erste Parkfest mit dem Ballett des Mannheimer Nationaltheaters statt.

Ein Gartensalon entsteht

Der Kauf des Schlosses (Kaufpreis 583.000 Reichsmark) beendete nicht nur die Raumnöte der Stadtverwaltung, sondern stärkte auch die touristische Entwicklung der Stadt. Einen Spaziergang im bislang der Bevölkerung verschlossenen Schlosspark und im angrenzenden Exotenwald mit Kaffee und Kuchen im Schloss zu beenden: das war das, was sich die Weinheimer und ihre Gäste wünschten. Ohne großen Aufwand konnte dieser Wunsch erfüllt werden, weil sich das Erdgeschoss im Südflügel für ein Parkcafé geradezu anbot. Irene von Berckheim, die letzte Schlossherrin, hatte den Räumen bei den Umbauten von 1920/21 eine Gestaltung geben lassen, die den Café-Plänen der Stadtverwaltung sehr entgegenkamen. Nach den Vorstellungen des Mainzer Dombaumeisters Professor Ludwig Becker war ein so genannter Gartensalon mit Austritt auf eine offene Gartenhalle und eine Terrasse zum Park hin entstanden, mit Fremdensalon und Fremdenzimmer im südlichen und einer Bibliothek im nördlichen Bereich des Erdgeschosses. Später wurden zwei kleinere Zimmer zum Esszimmer der gräflichen Familie zusammengelegt.

Die einzige größere Veränderung, die die Stadtverwaltung beim Umbau zum Schlosspark-Café vornahm, war die Herausnahme der Wand zwischen Gartensalon und Bibliothek bis auf ein niedriges Mäuerchen. Damit wurde der Blick frei auf die beiden Haupträume im Schlosspark-Café mit den schönen Kaminen, den feinen Stuckaturen aus der Übergangszeit vom Louis Seize zum Empire und den böhmischen Kristallleuchtern.

Gemälde Kurfürst Carl Theodor im Berckheim-Schloss.
Das Bildnis von Kurfürst Carl Theodor schmückte einst das Empfangszimmer im Berckheim-Schloss. Bild: Stadtarchiv.

Das Bildnis von Kurfürst Carl Theodor zog mit den Berckheims 1939 aus dem Empfangszimmer des Schlosses in die Dessauer-Villa an der Friedrichstraße um. Die Porträts des letzten pfälzisch-bayrischen Kurfürsten Maximilian Joseph und seiner Frau Maria Anna Sophia von Polen und Sachsen verblieben im Blauen Salon.

Uniformen dominierten

Nach dem Auszug der Familie von Berckheim dominierten Uniformen in den Räumen des Schlosses: bis 1945 braune und schwarze der NSDAP und ihrer Gliedrungen, danach olivgrüne der amerikanischen Besatzungsmacht, die seit dem Einmarsch am 28. März 1945 das Schloss für die Militärregierung beanspruchte. Der erste prominente Nachkriegsgast im Schloss trug allerdings keine Uniform, sondern einen hellgrauen Zweireiher: der 33. amerikanische Präsident Harry S. Truman nutzt am 26. Juli 1945 einen sitzungsfreien Tag bei der Potsdamer Konferenz der Siegermächte über die Zukunft Deutschlands zu einem Truppenbesuch an der Bergstraße. Er wurde dabei von General Dwight D. Eisenhower, dem Oberkommandierenden der alliierten Besatzungstruppen in Deutschland, und US-Außenminister James F. Byrnes begleitet.

„Stattlicher Fürstensitz”

In seinen Erinnerungen „Das Jahr der Entscheidungen” beschreibt Truman das Haus in Weinheim, in dem er empfangen wurde, als „stattlichen ehemaligen Fürstensitz”, dessen schöne antike Einrichtung noch vorhanden gewesen sei. In einer Ecke des großen Saals fiel Truman eine rote Fahne mit Hammer und Sichel auf. Sie stammte von der legendär gewordenen Begegnung sowjetischer und amerikanischer Truppen am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe. Die 32. Sowjetische Kavallerie-Division aus Smolensk und die 84. Amerikanische Infanterie-Division aus Missouri haben damals ihre Fahnen getauscht.

Zum Zeitpunkt des Truman-Besuchs in Weinheim war die 84. Division an der Bergstraße stationiert und ihr Kommandeur, Generalmajor Alexander G. Bolling, hatte sein Hauptquartier in der Villa Freudenberg (später Villa Fabricius) an der Ecke Prankelstraße/Lützelsachsener Straße. Das Privatquartier von Bolling war die Berckheim-Villa an der Friedrichstraße, die von der gräflichen Familie 1939 nach dem Auszug aus dem Schloss bezogen worden war. Auch hier könnte Truman die sowjetische Fahne gesehen haben, obwohl mehr für den heutigen Bürgersaal spricht.

Souvenirs aus dem Schloss

Als die Amerikaner im Herbst 1947 Schloss und Schlosspark räumten, erinnerte nicht nur der ramponierte Rasen des als Parkplatz miss-brauchten Schlossparks an die Tage der Besatzung, sondern auch manche Lücke im Inventar des Schlosspark-Café. Nach einem Bericht von Oberbürgermeister Wilhelm Brück an den Gemeinderat wurden „in den Jahren 1945 und 1946 für die Besatzungstruppe Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände aller Art, Wirtschaftsmöbel, Kücheneinrichtung, Porzellan, Tischwäsche und anderes beschlagnahmt und entnommen”. Ob die Ersatzforderung des OB Erfolg hatte, ist aus den Akten im Stadtarchiv nicht zu erfahren, wohl aber der Umfang der Sanierungsarbeiten im Schlosspark-Café, das am 8. November 1947 wiedereröffnet wurde und wieder, wie schon 1939, mit Aloys Masthoff als Gastgeber.

Nun saß Hans Georg Gaebler am Berckheim’schen Klavier und brachte mit seinem Terzett die Gäste der Tanzabende „In the Mood”, wie es zuvor amerikanische und deutsche Pianisten für die Amerikaner getan hatten. Das sanierte Parkett im Schlosspark-Café wurde später auch zum Treffpunkt der Teilnehmer an den populären „Hummel-Reisen”, als im Wirtschaftswunderland die Reisewelle einsetzte und Weinheim ein Zielort im riesigen Angebot des Reisebüros Hummel wurde. Im Schlosspark-Café wurden die Hummel-Gäste vom legendären „Weinheimer Karussell” um Hans Todt und Gisela Weber empfangen und bestens unterhalten.

Weinheims gute Stube

Das Schlosspark-Café war wieder Weinheims „gute Stube”, die Stadtempfängen, Vereins- und persönlichen Festen einen besonderen Rahmen gab. Am Jahresende traf sich hier, nach altem Brauch, die Stadträte und die Amtsleiter der Stadtverwaltung nach der Verabschiedung des neuen Haushaltsplans zu einem gemeinsamen Essen, bei dem mancher parteipolitische Streit einvernehmlich aus der Welt geschafft wurde – wie einst im „Ratskeller”.

Die Liste der Gastgeber im Schlosspark-Café, das immer ein touristischer Anziehungspunkt war und hoffentlich wieder werden wird, reicht von Aloys Masthoff und Georg Hauser, Edgar Obrecht und Helmut Thieme bis zu Arnold Farnow und Jan Hutter.

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