Als der Schlosspark zum Bürgergarten wurde

Blick auf die Wies des Parks.
Die Weinheimer haben den Schlosspark längst als ihren Bürgergarten entdeckt.

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Der 2. Dezember 1938 ist in der Familiengeschichte von Berckheim und in der Stadtgeschichte ein besonderes Datum: Dr. Philipp Graf von Berckheim und Bürgermeister Dr. Reinhold Bezler unterzeichneten damals den Kaufvertrag, mit dem das gräfliche Schloss in den Besitz der Stadt Weinheim überging. Für letztlich 580.000 Reichsmark bekam die Stadt ein neues Rathaus und wurde zugleich Besitzerin des Schlossparks, der nun für die Öffentlichkeit ständig zugänglich wurde.

Aus Anlagen zur „Grünen Meile”

Nun durfte man schon ein bisschen von der „Grünen Meile” sprechen, auf der die Weinheimer heute gern mit ihren Gästen bummeln. Vor dem Schlosskauf verfügte Weinheim lediglich über kleinere Parkanlagen: den 1912 aus dem Besitz des Generals Max von Schwartzkoppen erworbenen, 1913 von der Stadt angelegten Bürgerpark, den die National-sozialisten schnell in Hindenburg-Park umbenannten, den Stadtgarten, der seit seiner Anlage um die Wende zum 20. Jahrhundert die ursprüngliche Nutzung des Geländes als Friedhof, getrennt für Protestanten und Katholiken, fast vergessen ließ, die Werder-Anlage und das von einer Allee begleitete grün-bunte Weschnitzufer zwischen Steinerner und Zwillingsbrücke, daneben die Bismarck-Anlage bei der Einmündung der Birkenauer-talstraße in die Bergstraße. Was heute die „Grüne Meile” vor allem ausmacht – Schloss-park, Hermannshof und Haganderpark – befand sich damals in Privatbesitz und war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Auch deshalb betonte Dr. Reinhold Bezler in seiner Ansprache die gesellschaftspolitische Bedeutung des Schlosskaufs und der Öffnung des Schlossparks. Strotzend vor Selbst-bewusstsein verkündete er: „Als ich vor wenigen Monaten das ehemalige Schloss und den Schlosspark für die Stadt Weinheim käuflich erwarb, da war mir bewusst, dass dieser Eigentumserwerb für unsere Stadt von größter Bedeutung sein wird”. Es sei eben nicht gleichgültig, „ob ein so hervorragend schöner Park inmitten der Stadt mit einer Mauer umgeben und abgeschlossen ist, oder ob dieser Park den Bürgern gehört. Und heute gehört er uns! ”

Unter wehenden Hakenkreuzfahnen wurde die Öffnung des Schlossparks am 30. April 1939 auf der Gartenterrasse des einstigen Berckheim-Schlosses gefeiert: mit Waldhorn-bläsern, dem ersten Auftritt des kurz zuvor unter dem Projektnamen „Chor der Partei” gegründeten Gemeinschaftschors mit Sängern aus allen Gesangvereinen, mit der Stadt- und Feuerwehrkapelle, der Tanzgruppe des Vereins „Alt Weinheim”, Freiübungen von Schülerinnen der Pestalozzischule und Solotänzen von Elevinnen der Tanzschule Kleffel.

Schlosscafé öffnet

Der Ausbau des touristischen Angebots der Stadt Weinheim ging flott weiter: am 26. Mai 1939 wurde im einstigen gräflichen Gartensalon das Schlosspark-Café unter der Leitung von Alois Masthoff eröffnet und am 9. Juli 1939 das erste Parkfest im neuen „Bürgergarten” gefeiert, wo noch vor kurzem die Grafenfamilie mit ihren Gästen Tennis auf dem heutigen Bouleplatz am Blauen Hut gespielt hatte und die Baronesse im heutigen Kiosk die Puppen ihrer Kindheitstage aufbewahrte.

Diana-Statue neben dem Turm Blauer Hut
Eine Bilderinnerung, als eine Wiese und Diana die Nachbarn des Blauen Hut waren – und es noch Winter in Weinheim gab.

Kriegsfolgen

Zwei Monate nach dem ersten Parkfest begann der 2. Weltkrieg, der auch die Weinheimer Anlagen veränderte: auf den Rasenflächen des Schlossparks wurden Gemüsebeete angelegt und im März 1944 wurden im Stadtgebiet als Löschwasserreserve zur Brandbekämpfung im Falle eines Luftangriffs auf Weinheim neun Brandweiher angelegt, der größte davon beim Blauen Hut mit 2.000 cbm Fassungsvermögen. Im kleinen Schlosspark entstand, beim heutigen Minigolfplatz, ein Wasserbecken mit 300 cbm Inhalt. Im Hindenburgpark wurde im Bereich der heutigen Kindertagesstätte ein Weiher mit 800 cbm Fassungsvermögen angelegt. Die Löschwasserteiche wurden nie gebraucht, aber von der Jugend häufig als bescheidene innerstädtische Bademöglichkeit genutzt.

Nach Kriegsende verschwanden die Lösch-wasserteiche bald aus dem Stadtbild. Mit einer Ausnahme: der Brandweiher am Blauen Hut. Er wurde undicht und immer wieder notdürftig geflickt, aber die Wasserverluste wurden schließlich zu einer Gefahr für die Altstadtbebauung. Deshalb wurde das alte Weiherbecken im Oktober 1988 abgebrochen und die Gesamtanlage mit 800.000 DM Aufwand zum heutigen Schlosspark-Teich umgestaltet, der unter anderem alljährlich das Erlebnis „Theater am Teich“ ermöglicht.

Lange zuvor, am 30. November 1947, war das Schlosspark-Café wiedereröffnet worden, erneut unter der Leitung von Alois Masthoff. Das während seiner Nutzung durch die amerikanischen Besatzungstruppen 1945/1946 beschlagnahmte und „entnommene” Inventar war aus Steuermitteln weitgehend ersetzt worden und in den stilvollen Räumen des einstigen Gartensalons spiegelte sich das Bemühen, nachzuholen, was viele im Krieg hatten versäumen müssen. Unter den Stuckaturen aus der Übergangszeit von Louis XVI. zum Empire und vor den beiden Kaminen im einstigen gräflichen Empfangszimmer wurde getanzt nach den Klängen des Hans-Georg-Gaebler-Quartetts, Weinheims Feriengäste wurden vom BJK-Trio, Hans Todt und dem „Weinheimer Karussell” glänzend unterhalten, zur Kerwe wurde auf der Gartenterrasse rund um den Langen Tisch und bei den Glühwürmchen am Blauen Hut zünftig gefeiert, ehe mit dem Silvesterball das Jahr festlich ausklang. Von all dem wünschen sich viele Weinheimer ein bisschen etwas zurück in ihr Schlosscafé, wie sie den gastronomischen Teil des Schlosses bis heute liebevoll nennen.

Auf Alois Masthoff folgten ab 1955 als Pächter Georg Hauser, Edgar Obrecht, Helmut Thieme und Arnold Farnow bis zur lebhaft diskutierten, 1,3 Millionen Euro teuren Umgestaltung und technischen Neuausrichtung von 2006. Jan Hutters Nachfolger, die eigens für Weinheim gegründete Schlosspark Gastronomie GmbH, stellte den Restaurantbetrieb im Schloss bald wieder ein und auch ihre Nachfolgerin machte 2024 wieder zu.

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