Johannisgemeinde feierte restaurierte Stadtkirche und neues Gemeindezentrum

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
15. September 1974 in der bis auf den letzten Platz besetzten Johanniskirche: für die einen bedeutete der Tag das Ende einer dreijährigen Planungs- und zweijährigen Bauzeit mit Schwierigkeiten und Überraschungen, für die anderen der Beginn einer breiter und vielfältiger werdenden Gemeindearbeit. In der Nachbarschaft von Altem Rathaus, Marktplatz und Löwen-Apotheke wurden die Neueinweihung der restaurierten Stadtkirche und die Eröffnung des neuen Gemeindezentrums der evangelischen Johannispfarrei (Gesamtkosten: 1,2 Millionen DM) mit einem festlichen Gottesdienst und Oberkirchenrat Stein (Karlsruhe) und mit einem großen Empfang im neuen Gemeindehaus gefeiert. Dabei schlug Architekt Jan Lippert, der sich zusammen mit seinem Zwillingsbruder Waldemar große Verdienste um die Erhaltung und stilvolle Wiederherstellung der Stadtkirche erworben hatte, eine Brücke zum 4. November 1736, dem Einweihungstag des ersten evangelischen Kirchenbaues in der Weinheimer Neustadt.
Der Weg über die „Scheuerkirche”
Seit 1685 regierte mit Kurfürst Philipp Wilhelm wieder ein katholischer Zweig der Wittelsbacher die Kurpfalz. Mit dem neuerlichen Konfessionswechsel wurde die seit der Einführung der Reformation von den Protestanten der Neustadt genutzte einstige Klosterkirche der Karmeliter wieder katholisches Gotteshaus. Die Reformierten, die die deutliche Mehrheit unter den Neustadt-Bewohnern bildeten, waren damit ohne Gotteshaus. Sie hielten ihre Gottesdienste zunächst in einem Saal des Rabenhaupt‘schen Hofes an der Münzgasse ab. 1704 überließ Maria Dorothea Freifrau von Gemmingen der Gemeinde eine Scheune an der Judengasse, die für Gottesdienste umgebaut wurde und als „Scheuerkirche“ in die Geschichte der Neustadt eingegangen ist. Die Suche nach einem Bauplatz für eine neue reformierte Kirche zog sich lange hi. 1726 wurde ein Bauplatz gefunden: zwischen der Löwen-Apotheke und dem Haus Diesbach an der Höllenstaffel. Die Gemeinde habe diesen Bauplatz nicht geliebt, erzählte Jan Lippert, aber sie hatte kein Geld für einen besseren. 1731 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt. Nach fünfeinhalb Jahren Bauzeit habe man sich dann aber doch auf den Einweihungstag gefreut. Aus der Scheuerkirche wurden Kanzel, Altar und Kirchenbänke mit heraufgenommen an die Hauptstraße, weil dem neuen Kirchenbau einfach alles fehlte, was zur gleichen Zeit in weltlichen und kirchlichen Zentren gewaltige Bauwerke entstehen ließ. Weinheim aber war kein Zentrum weltlicher oder kirchlicher Macht, es fehlten Auftraggeber, finanzielle Mittel und Künstler-Persönlichkeiten. Deshalb war das architektonische Detail der Stadtkirche genau das, was man kannte und konnte, meinte der Architekt.
Wichtiger Teil der Altstadt
Jan Lippert nannte noch einen weiteren Grund für die Einfachheit und Nüchternheit der Stadtkirche von 1736: der reformierten Kirchengemeine bedeuteten Pomp und Prachtentfaltung überhaupt nichts. Trotzdem gab sie ihrer Kirche etwas mit, das sie weit über das Barockzeitalter hinaus mit der Gegenwart verbindet: den Innenraum und seine grundrisslichen Disposition, die den Nachteil des Bauplatzes zum Vorteil für die Gemeinde machte, die rings um Kanzel und Altar saß. Das sei das Schöne und Moderne an der Stadtkirche, die außerdem städtebaulich von größter Wichtigkeit sei, sagte Jan Lippert. In fast 240 Jahren sei sie zu einem wesentlichen und nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Weinheimer Altstadt geworden. Ihren Abriss, der immerhin einmal zur Debatte stand, hätte die Altstadt nicht verkraftet.
Haus der Begegnung
Einen Blick in die Zukunft kirchlicher Gebäude, die inzwischen Gegenwarft ist, öffnete an diesem Morgen der amtierende Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats, Pfarrer Robert Schmekal, als er auf die (schon vor 50 Jahren) selten gewordene Bedeutung dieses Tages hinwies: dass eine restaurierte Kirche mit langer Vergangenheit zusammen mit einem modernen Bauwerk dem Dienst an Gottes Wort geweiht wird. Hier sei eine überzeugende Lösung für dem alten Sakralbau und das neue Haus der Begegnung und des Gesprächs gefunden worden, lobte Schmekal.
Gemeindepfarrer Theodor Berggötz stellte die Räume des neuen Gemeindezentrums in ihrer Nutzung vor: für Jugend- und Erwachsenenkreise, Helfer und Mitarbeiter, Übungs- und Bastelstunden, Bibliothek, Konfirmanden-Unterricht und Christenlehre, Altenfeiern, Vortragsveranstaltungen und Besuche auswärtiger Gruppen. Sein besonderer Dank galt an diesem Tag der katholischen Kirchengemeinde, die der Johannisgemeinde während der Bauzeit die Ulner’sche Kapelle für ihre Gottesdienste überlassen hatte.
Städtebauliche Aufgabe
Der Neubau eines Gemeindezentrums für die Johannisgemeinde war schon 1957 ein Thema, als man sich Gedanken über eine Erweiterung des damaligen Gemeindehauses an der Rote Turmstraße (heute Zahnarztpraxis pro dent) machte. 1968 ergab sich eine neue Situation, als das der Kirche benachbarte Haus Diesbach zum Verkauf stand und sich gleichzeitig die Erkenntnis durchsetzte, dass die Kirche auf Dauer nur erhalten werden könne, wenn ihre sich zur Hauptstraße öffnenden Eingänge weg vom wachsenden Verkehr verlegt werden. Dafür sollte der Vorderbau des Druckhauses abgebrochen werden und eine seitlicher Kirchenzugang aus einer offenen Halle geschaffen werden. Die Architekten mussten auch die städteplanerischen Vorgaben berücksichtigen, die inzwischen mit der Umgestaltung des Alten Rathauseses und dem Neubau der Bezirkssparkasse entstanden waren. Gleichzeitig waren denkmalpflegerische Auflagen zu erfüllen. Aber die Aufgabe, die ehrwürdige Stadtkirche in das historische Ensemble rund um das Alte Rathaus einzufügen und das gewaltige Raumangebot des bis zur Stadtmühlgasse hinab reichenden ehemaligen Post- und Zeitungshauses für eine breitere und vielfältigere Gemeindearbeit zu nutzen, reizte die Architekten. In den Verbindungen zwischen Neubau und Altbau und zwischen Neubau und Kirche entstanden interessante Lösungen, die vergessen machten, dass der Altbau bis dahin ein Fabrikationsgebäude war, und sie schufen neue faszinierende Ausblicke von der Dachterrasse über das alte Gerberviertel hinweg.
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