1916: Weihnachten im Steckrübenwinter
von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Weihnachten 1916.Zum dritten Mal feierte Weinheim das Fest, das Freude bringen sollte, weil es Frieden auf Erden kündet, inmitten eines blutigen Krieges. Der „Weinheimer Anzeiger” ließ, wie viele andere Zeitungen, den Zwiespalt zwischen der Weihnachtsbotschaft und dem anhaltenden Krieg in seinem Weihnachtskommentar nachempfinden. Aber auch in der Redaktion am Marktplatz wurde er patriotisch übertüncht.
Die Kriegsbegeisterung war, zumindest nach außen, ungebrochen. In den Vereinen wurden zur „vaterländischen Weihnacht” patriotische Lieder gesungen, in den Kirchen wurde für den Sieg gebetet und im Amtsbezirk Weinheim wurden 19,2 Millionen Mark Kriegsanleihen gezeichnet. Der israelische Frauenverein Weinheim stellte das gesamte Vereinsvermögen der Kriegsfinanzierung zur Verfügung.
Aber wer weiter blätterte in der Lokalzeitung, der entdeckte, neben den täglichen Kriegstoten-Anzeigen, viele Hinweise auf die Folgen des Krieges, der eigentlich schon vor Weihnachten 1914 siegreich hätte beendet sein sollen, und auf die Auswirkungen einer wirksamen alliierten Wirtschaftsblockade. Die Stadt mahnte in einer Bekanntmachung: „Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterland und macht sich strafbar”. Und der Kommunalverband Weinheim-Stadt, der sich um die Bedürftigen kümmerte, warnte: „Das Backen von Kuchen, in denen Roggen- oder Weizenmehl enthalten ist, ist strafbar und wird von uns zur Anzeige gebracht”.
Auch im Rückblick auf die Weihnachtstage klang die Not an: „Heiligabend wurde überall in stiller Andacht in der Familie verbracht. Der Lichterglanz des Christbaums fiel diesmal meist ganz weg, weil eine weise und wohlangebrachte Sparsamkeit sich damit begnügen musste, an jedem Bäumchen nur eine oder zwei Kerzen brennen zu lassen”.
Aber dann folgten wieder diese schwülstigen Sätze, die eigentlich keiner mehr lesen wollte: Was dem Fest jene innere Bedeutung gab, das war das heiße Gedenken an die draußen an der Front und ferner die innige Andacht an die, die ihr Herzblut für das Vaterland dahingegeben hatten”.
Hungerwinter
Auch in Weinheim litten die Menschen im „Steckrübenwinter” 1916/17, der mit eisigen Temperaturen und einer dramatischen Lebensmittelknappheit als einer der großen Hungerwinter des letzten Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen ist. Längst waren die Grundnahrungsmittel rationiert, aber auch Bezugsscheine garantierten nicht, dass die Bürger die zugesagten Minimalmengen auch bekamen. Überdies sank die Qualität der Lebensmittel. Das Brot wurde mit Kartoffelmehl gestreckt, Milch mit Wasser verdünnt, der Kommunalverband rief ein Ei pro Woche auf Bezugssscheine auf.
„Die Knappheit von Kartoffeln macht eine möglichst starke Heranziehung der Kohlrüber unausweichlich“, schrieb der „Weinheimer Anzeiger“ am Jahresende 1916 und mahnte: „Die Kohlrübe hält sich, im Gegensatz zur Kartoffel, für den menschlichen Genuss aber nur bis März. Deshalb muss, um für später genug Kartoffeln zu haben, mit Nachdruck auf eine möglichst reichliche Verwendung von Kohlrüben in den nächsten Monaten hingearbeitet werden”. Auf dem Tisch kamen damals Kohlrübensuppe, Kohlrübenauflauf, und Kohlrübenkoteletts, auch für Pudding und Marmelade musste die Rübe herhalten und selbst für Kaffee gab es ein Rezept.
Mit „Suppenküchen” oder „Kriegsküchen”, in denen Bedürftige und Kinder ein billiges Mittagessen erhielten, versuchten die Kommunen die Not zu lindern. Auch in Weinheim wurde im November 1916 in der Frauenarbeitsschule (heute Zufahrt zur Tiefgarage Dürreplatz) eine „Kriegsküche” eröffnet mit Speisesaal für Alleinstehende, die für 40 Pfennige einen halben Liter Suppe oder einen halben Liter Eintopf erhielt. Bedürftige Schüler konnten jeden Morgen eine Suppe kostenlos erhalten. Kartoffeln, Gemüse und Kräuter wurden im „Kriegsküchengarten“ beim Schlachthof (heute städtischer Bauhof) angebaut.
Überall im Stadtgebiet wurden öffentliche Flächen in Kleingärten verwandelt. 28 Kleingärten entstanden im Gorxheimer Tal auf dem Waldspielplatz des Turnvereins 18622 Weinheim (heute TSG 1862).
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