Warum wird in Weinheim an den Suezkanal erinnert?

Keine klaren Antworten auf die Frage nach der Herkunft des Straßennamens

Überschwemmter Suezkanalweg
Suezkanalweg: Auf beiden Seiten der Unterführung staute sich nach Starkregen das Wasser. Bild: WN-Archiv/Pfrang

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Wie reagiert der Weinheimer auf die Frage, wieso seine Heimatstadt eine Straße mit dem Namen Suezkanalweg hat? Zumeist mit einem ratlosen Achselzucken, denn darüber hat er sich noch nie Gedanken gemacht. Das Wort „Suezkanal” gehört für ihn „schon ewig” zum Weinheimer Wortschatz und bedarf deshalb keiner besonderen Erklärung. Und doch wäre es interessant, zu erfahren, wie es zu diesem für eine Stadt an der Bergstraße doch recht außergewöhnlichen Namen kam. „Do rufe mer bei de Nochrichde oa, die misse des wisse”, ist üblicherweise der nächste Schritt im Bemühen, eine stadtgeschichtliche Streitfrage zu klären. Aber auch in der WN-Redaktion nutzt man seit eh und je den Begriff Suezkanal(weg) als Teil der 564 Straßennamen, die seit 1887 vom Gemeinderat vergeben wurden, als Weinheims Straßen, Wege und Plätze offiziell Namen erhielten. Bis dahin wohnte man nämlich in einem der acht Stadtbezirke: im Müllheimer Bezirk, im Gerberbach-, Rathaus-, Amtshaus-, Schulhaus-, Berg-, Weschnitztal- oder Westend-Bezirk.

Nach der „Neuaufstellung von Straßennamen” – so der Titel der Sitzungsvorlage - musste in den Ratsakten eigentlich ein Hinweis zu finden sein, mit dem das Stadtparlament einst die Namensgebung begründet. Nächster Anruf also beim Stadtarchiv, das die Ratsakten der Stadt verwaltet. Keine leichte Aufgabe für Silvia Wagner, denn über Fragen rund um den Verkehr hat der Gemeinderat im Rahmen der rasanten Stadtentwicklung und der dafür notwendeigen Straßenplanung viele Entscheidungen getroffen und entsprechend umfangreich ist das Aktenmaterial.

Schon vor 1892 bekannt

Das Ergebnis mehrtägiger Aktensichtung ist allerdings mager im Verhältnis zum Aufwand: am 26. Oktober 1892 fand die zweite große Straßentaufe im Gemeinderat statt. In der Sitzungsvorlage stand an erster Stelle der langen Namensliste „Benennung der fahrbaren Unterführung der Main-Neckar-Bahn bei der Platz’schen Fabrik als Suezkanalweg”. Es gab also damals schon eine von Motorfahrzeugen und landwirtschaftlichen Gespannen befahrbare Unterführung der Gleise der 1846 eröffneten Main-Neckar-Bahn. Wann die erste Gleisbrücke gebaut wurde, ist nicht bekannt. Ihre Unterführung war die zweite Ost-West-Verbinddung neben dem schienengleichen Übergang aus der unteren Bahnhofstraße beim heutigen Busbahnhof zur damaligen Mannheimer- und heutigen Viernheimer Straße, wo die stetig wachsenden Stau- und Warteprobleme 1912 endlich mit dem Bau der heutigen OEG-Brücke beseitigt wurden.

Gleise als Trennung

Die Höfe der Weinheimer Bauern lagen damals allesamt östlich der Bahngleise, die Äcker aber zumeist im Westen. An schienengleichen Übergängen, mit Brücken und Unterführungen wurden die Wege von Ost nach West und umgekehrt verbunden. Die zweite Ost-West-Verbindung führte aus der heutigen Moltkestraße über die Bergstraße in einen Feldweg und weiter zur Stahlbadstraße, der heutigen Mannheimer Straße, mit der man das Stahlbad erreichen konnte, die einzige Besiedelung im Westen vor der Stadt. Der Feldweg durch das bis zum heutigen Käsackerweg reichende Gewann Sand – war eine wichtige Verbindung für die Vollerwerbs- und die Feierabend-Bauern aus der Innenstadt auf dem Weg zu ihren Feldern, Äckern und Wiesen im Westen. Auch zahlreiche Bürger hatten im „Westend“, wie das Gebiet westlich der Bahnlinie Frankfurt-Heidelberg genannt wurde, ein Grundstück zur Eigenversorgung, dessen Erträge stets mühsam den Berg hinauf transportiert werden mussten: in der „keitz” auf dem Buckel oder im vollbeladenen Leiterwagen. „Wann’d bei de Weiße Buwe bischd, hoschtd‘s g‘schafft”, versprach man den Erntehelfern vor der Plackerei. Na klar: am Stadtgarten hatten sie das Niveau der Innenstadt erreicht. Die „weiße Buwe” waren eine Figurengruppe am Nordeingang zum Stadtgarten, wo heute das Mahnmal an die Opfer von Gewalt, Krieg und Vertreibung erinnert. Mühlenbesitzer Georg Hildebrand hat sie 1904 gestiftet. Jeder der beiden Knaben saß auf einer Säule. Die Weinheimer nannten die beiden weiß gestrichenen Holzfiguren „die weiße Buwe”, ihrer rundlichen Körperformen wegen aber auch „die zwaa Rollmöps”.

Immer schon Hochwasser

Die Herkunft des Namens Suezkanalweg bleibt auch nach dem ausgiebigen Studium der Ratsakten ungeklärt. Sicher ist nur, dass es ihn schon vor seiner offiziellen Taufe 1892 im Gemeinderat gab – und dass sich schon damals nach starken Regenfällen in der Unterführung das Wasser sammelte. Am 27. Juni 1891 berichtete der „Weinheimer Anzeiger”: „Durch den heftigen Gewitterregen heute Nacht ist im Suez-Kanal (Eisenbahnübergang zwischen dem Platz des Herrn Zimmermeister Ebert nach der Platz’schen Fabrik) ein solches Hochwasser eingetreten, dass es den zahlreichen Arbeitern genannter Fabriken unmöglich war, rechtzeitig in der Fabrik zu erscheinen”.

Die Bergstraße beim Gasthaus „Stadt Hamburg” ist überflutet
Ein historisches Bild: Hochwasser auf der Bergstraße beim Übergang der Weschnitztalbahn und rund um das ehemalige Gasthaus „Zur Stadt Hamburg” und das frühere Autohaus Steiert. Bild: WN-Archiv/Kopetzky

Vorbild Mannheim?

Vielleicht wurde damals eine Ähnlichkeit zu der Tunnelstraße in Mannheim entdeckt, die seit den 1870-er Jahren als Gleisunterführung des Hauptbahnhofs die Innenstadt mit dem Stadtteil Lindenhof verbindet. Ihr gab es Volksmund um 1890 den Namen Suezkanal, der bis heute erhalten, aber nicht eindeutig begründet ist. Eine Version führt zu dem Mannheimer Fabrikanten Dr. Heinrich Propfe, Inhaber einer chemischen Fabrik zur Herstellung von Wasserglas in der Lindenhofstraße. Er soll mit dem Erbauer des tatsächlichen Suezkanals, Ferdinand de Lesseps, befreundet gewesen sein und die Anbindung des Lindenhofs an die Innenstadt unterstützt haben. Angeblich erhielt de Lesseps sogar eine Einladung zur Einweihung des Mannheimer Suezkanals”.

Eine andere Variante sieht den Ursprung des Namens in mangelnden Entwässerungs-techniken, denn in den Anfangsjahren kam es bei Unwettern häufig zu Überschwemmungen der Tunnelstraße. Bis in die 1970-er Jahre befand sich auf der Innenstadtseite eine schwenkbare Schranke, die die Zufahrt sperrte, wenn Hochwasser vom Rhein oder Starkregen-Rückstau die Unterführung überflutet hatten.

Ein Spaßname?

Ähnliche Bilder kannte man auch aus Weinheim, wenn der Suezkanal volllief oder sich beim Bergstraßen-Übergang der Weschnitztalbahn ein riesiger See um die Gaststätte „Stadt Hamburg” bildete. Die Hochwasser- Belastungen hielten bis in die 1970-er Jahre an und verschwanden erst mit der Sanierung der Nordstadt-Kanalisation. Ob das die einzige schriftliche Erklärung des Namens Suezkanal in Weinheim beeinflusste, ist unklar. Im Adressbuch der Stadt Weinheim von 1958 wird der Straßenname als „spaßhafte Bezeichnung in Anlehnung an die Mannheimer Tunnelstraße“ bezeichnet. Doch während man weiß, dass die ebenso ungewöhnliche Bezeichnung „Boxerbrücke“ am Stammtisch im nahen „Schwarzen Adler“ geboren wurde, ist der Namensgeber für den Suezkanalweg unbekannt.

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