VdK Weinheim: Bürgerinitiative im besten Sinn
von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Die Folgen des Zweiten Weltkriegs waren der Grund für das Entstehen des VdK Deutschland. Neben weltweit mehr als 50 Millionen Toten erlitten auch Millionen von deutschen Soldaten schwere physische und psychische Schäden, unzählige Witwen und Waisen standen vor dem Nichts. Männer aus der geschundenen Generation der Kriegsopfer stellten sich der gewaltigen Aufgabe, menschenwürdige materielle Lebensbedingungen zu schaffen und aus dem schier unerfüllbar scheinenden Traum von einem dauerhaften Frieden Wirklichkeit werden zu lassen.
Im Spätjahr 1946 wurde in Weinheim der VdK-Ortsverband gegründet, der seinen 75. Geburtstag, Corona-bedingt, 2023 nachfeierte. Die Festveranstaltung machte auch deutlich, dass die Kriegsopferfürsorge in Weinheim eine inzwischen über hundertjährige Vorgeschichte hat, denn schon am Ende des Ersten Weltkriegs gründete sich in Deutschland der „Bund der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten” zur Durchsetzung von Versorgungsansprüchen der Kriegsopfer und ihrer Hinterbliebenen. Noch in seinem Gründungjahr 1917 entstand in Weinheim ein Bezirksverband, der sich, wie die gesamte Organisation, 1919 in „Reichsbund der Kiegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegs-hinterbliebenen” umbenannte. Zu den Gründern zählten Schwerbeschädigte wie der spätere Stadtrat Leonhard Morweiser, der spätere Bürgermeister Ludwig Bohrmann oder Friedrich Hoheisel, später Betriebsleiter im Städtischen Schlachthof. Sichtbares Zeichen ihrer Arbeit sind bis heute an der unteren Prankelstraße die fünf Doppelhäuser der so genannten „Kriegersiedlung”. Die „Kriegs-beschädigtenhäuser”, wie sie später genannt wurden, entstanden zwischen 1928 und 1930 und schufen 20 Wohnungen für die Familien von Kriegsopfern.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten löste sich der SPD-nahe Reichsbund im April 1933 selbst auf und kam damit der Gleichschaltung zuvor. Bis 1945 wurden die Interessen der Kriegsopfer von der NS-Kriegsopferversorgung (NSKOV) wahrgenommen. Sie wurde nach Kriegsende, wie alle nationalsozialistischen Organisationen und Einrichtungen, vom Alliierten Kontrollrat verboten. Die Vorbehalte der Besatzungsmächte auch gegen Kriegsopfer-Organisationen erschwerten den Neustart, doch Leonhard Morweiser, der „Vater der Kriegsopfer”, fand einen Weg, dem die Amerikaner zustimmen konnten: in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Leder bildete er den „Arbeitskreis der Kriegsbeschädigten intern”, aus dem Ende 1946 der Ortsverband Weinheim im Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (VdK) hervorging.
Die Gruppe fand sofort die Unterstützung der Stadtverwaltung, erhielt im Alten Rathaus einen Raum für ihre sozialpolitische Arbeit und schuf mit intensiven Beratungen die Voraus-setzungen für eine sehr positive Entwicklung. Kriegsversehrte und Witwen waren dankbar für die Unterstützung, die sie hier fanden. In den 1960-er Jahren zählte der VdK Weinheim über 1.000 Mitglieder und war damit eine der größten Gemeinschaften. Inzwischen (1949) hatte der schwerkriegsbeschädigte Jurist Dr. Horst Freudenberg, Urenkel des Firmengründers, den Vorsitz von Stadtrat Leonhard Morweiser (SPD) übernommen und seine Kanzlei allen Kriegsopfern geöffnet, die Hilfe suchten. Nach Freudenbergs Tod 1981 wurde sein langjähriger Stellvertreter Oskar Meyer an die Spitze des VdK gewählt und mit seinem rastlosen Einsatz sind die Erinnerungen an große gesellige Veranstaltungen verbunden, die die Gemeinschaft pflegten und Einsamkeit verhinderten: ab 1951 Mehrtage-Ausflüge mit bis zu 444 Teilnehmern in zwölf Bussen, ab 1953 Schwerbehinderten-Ausfahrten, für die der Weinheimer Automobilclub den Organisator Robert Schuller und die WAC-Mitglieder die Fahrzeuge zur Verfügung stellten, ab 1956 Muttertags- und Vaterausflüge in die nähere und weitere Heimat.
Die umfassende Mitgliederberatung in allen Versorgungsfragen blieb dabei die wichtigste Aufgabe des Ortsverbandes, der in 75 Jahren sechs Vorsitzende hatte: ein Zeichen für Kontinuität und Erfolg in einer der wichtigsten Nachkriegsaufgaben. Nach Oskar Meyers Tod 1997 führte Manfred Gärtner den derzeit mit 850 Mitgliedern stärksten Ortsverband im Kreis Mannheim bis 2014. Karlheinz Gloning stand bis 2021 an der Spitze des VdK, Hans Stöckling ist im Jubiläumsjahr Vorsitzender des Ortsverbandes, zu dessen prägenden Persönlichkeiten auch die Krieger-witwe Anna Oberle gehört, die ab 1958 in der Hinterbliebenen- und Krankenbetreuung Großartiges leistete.
Der Ortsverband Weinheim im Sozialverband VdK hat in der jüngren Vergangenheit auch die Betreuung der Nachbargruppen Lützelsachsen, Hohensachsen (1993) und Sulzbach (2002) übernommen und ist damit auch für die Kriegsopfer in den Stadtteilen eine ganz wichtige Anlaufstelle in allen Versorgungs-fragen: eine Bürgerinitiative im besten Sinn.
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