Vereine: Ausschluss jüdischer Mitglieder

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

 

Auch acht Jahrzehnte danach tun sich die Vereine schwer mit der Aufarbeitung ihres Verhältnisses zu den jüdischen Mitgliedern während der nationalsozialistischen Zeit. In Weinheim hat die TSG 1862 in ihrem Jubiläumsjahr 2012 den Anfang gemacht. Sie hat das Geschehen um die Hintergründe des Ausschlusses von elf Mitgliedern jüdischen Glaubens aus dem damaligen Turnverein 1862 als erster und bislang einziger Weinheimer Verein dokumentiert. Es bleibt allerdings offen, ob es auch in der Turngenossenschaft „Jahn” 1878, dem zweiten Gründerverein der heutigen TSG 1862, jüdische Mitglieder gab, denn die Protokollbücher der TG Jahn sind verschollen.

Am 12. Mai 1933 traf der Vorstand des TV 1862 eine Entscheidung, die einen dunklen Schatten geworfen hat auf die Geschichte des Vereins, der in der jüngeren Vergangenheit mehrfach ausgezeichnet wurde für seine vorbildlichen Beiträge zur Integration ausländischer und behinderter Kinder und Jugendlicher.

Am 12. Mai 1933 wurden elf zum Teil langjährige Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen, weil sie Juden waren, richtiger gesagt: Deutsche jüdischen Glaubens: David Benjamin, Adolf Braun, Julius Hirsch, Max Hirsch, Ruth Maier, Dr. Moritz Pfälzer, Dr. Friedrich Reiss,Leopold Schloss Herbert Stiefel und Josef Wetterhan. Der Vereinsausschluss wurde mit den „Stuttgarter Beschlüssen” der Deutschen Turnerschaft (DT)vom 8./9. April 1933 begründet und folgte unwidersprochen den „Anweisungen der Deutschen Turnerschaft zum richtigen Gebrauch der Stuttgarter Beschlüsse”. Sie waren kurz nach der folgenschweren Sitzung des Hauptausschusses der Deutschen Turnerschaft gedruckt und an die deutschen Turnvereine zum Aushang und zur Umsetzung verschickt worden, ohne die Zustimmung des höchsten Beschlussorgans, des Deutschen Turntags, abzuwarten.

Der DT-Hauptausschuss, der den Status eines geschäftsführenden Vorstandes hatte, beschloss in Stuttgart einstimmig, neben ehemaligen Marxisten die jüdischen Mitglieder aus seinen Vereinen zu entfernen. Das Gremium fordrte vom Deutschen Turntag, „den Arier-Paragraphen in die Satzung der DT aufzunehmen” und zwar in seiner strengsten Form, wonach „es genügt, dass ein Teil der Großeltern jüdischen Blutes ist”.

Eile war geboten

Eile sei geboten, stellte der gerade zum Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft aufgestiegene Dr. Edmund Neuendorff in seinem Aufruf fest, „damit es zur Zeit des Deutschen Turnfestes keine jüdischen Turner mehr unter u ns gibt”. Neuendorff wollte Hitler in Stuttgart (26. Bis 31. Juli 1933) als Gast und Redner haben. Deshalb der Stuttgarter Beschluss: „Der Hauptausschuss bittet den allverehrten Reichspräsidenten und Feldherr des Großen Krieges, von Hindenburg, und den Schöpfer und Führer der nationalen Freiheitsbeweegung, den Reichskanzler Adolf Hitler, die Schirmherrschaft über das Deutsche Turnfest in Stuttgart zu übernehmen”. Deshalb auch Neuendorffs Forderung in der Mai-Ausgabe der „Deutschen Turnzeitung”: „Die Vollarisierung ist spätestens bis zum Deutschen Turnfest vollständig durchzuführen”. Deshalb schon am 16. Mai die eilfertige Meldung an Hitler: „Die verhältnismäßig wenigen Marxisten und Juden, die sich in den Turnvereinen befanden, haben sie verlassen müssen”. (Aus: „Schattenblick”, DOSB-Presse, 2008)

Einen Tag später, am 17. Mai 1933, wurde die Ausnahme-genehmigung zurückgenommen, nach der „jüdische Turner, die am Weltkrieg als Frontkämpfer teilgenommen haben, in allen Ehren in der Turnerschaft bleiben” konnten. Da hatte der Vorstand des Turnvereins Weinheim in einer Art von vorauseilendem Gehorsam bereits den Ausschluss der Kriegsteilnehmer David Benjamin, Adolf Braun und Dr. Moritz Pfälzer beschlossen.

Bei einer Stolperstein-Verlegung 2007 in Mainz sagte Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), der Nachfolgeorganisation der Deutschen Turnerschaft: „Als Präsident des DTB begrüße ich diese aktive Form der Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte auch in den Turn- und Sportvereinen” und fuhr fort: „Der Deutsche Turner-Bund hat sich in den letzten Jahren mit dedr Geschichte der Deutschen Turnerschaftr offensiv auseinandergesetzt und erinnert seit 1986 mit Verleihung der Flatow-Medaille bei Deutschen Turnfesten regelmäßig und stellvertretend an die jüdischen Turner Alfred und Gustav Flatow, die als Juden gezwungen wurden, ihre Mitgliedschaft in der Berliner Turnerschaft aufzugeben und die beide in Konzentrationslagern eines gewaltsamen Todes gestorben sind”.

Von den ehemaligen TV-Mitgliedern starben David Benjamin 1940 im Lager Gurs und Leopold Schloss 1942 im KZ Buchenwald.

Jüdische Mitglieder im TV

  • David Benjamin war Textilkaufmann und hatte ein Kaufhaus auf der Ecke Amtsgasse/Hauptstraße. Er war Synagogenrat und nach der Sprengung der Synagoge der letzte Repräsentant der Weinheimer Juden.
  • Adolf Braun war Besitzer eines Fachgeschäfts für Herren- und Knabenbekleidung, Sportbekleidung und Sportgeräte an der Hauptstraße (später Delert, heute Ernestings Family) Er stattete alle Weinheimer Sportvereine aus. Sein Sohn Ernst Braun besuchte 1945 als Captain der US-Army seine Heimatstadt Weinheim, 1979 war er einer der Initiatoren des Heimattreffens ehemaliger jüdischer Bürger in Weinheim. Sein Bruder Alfred emigrierte 1933, Ernst folgte ihm 1935, die Eltern 1937 nach Amerika.
  • Max Hirsch und Julius Hirsch waren die Söhne von Sigmund Hirsch, des Gründers der Lederwerke Hirsch. Sie waren in der Kommunalpolitik und in den Weinheimer Vereinen stark verwurzelt. Beide gingen am Jahresende 1938 mit ihren Familien in die Emigration.
  • Ruth Maier war die Tochter von Marx Maier, Kantor der jüdischen Gemeinde und Gründer des Kammermusikvereins Weinheim. Sie emigrierte 1937 nach Holland.
  • Dr. Moritz Pfälzer war Rechtsanwalt, liberaler Kommunalpolitiker und Mitglied des Oberrats der badischen Juden.
  • Dr. Friedrich Reiss war Arzt und Schwiegersohn des populären Hausarztes Dr. Hausmann mit Praxis im heutigen Gebäude der Geiß’schen Apotheke an der Bahnhofstraße.
  • Leopold Schloss war Besitzer des Schuhhauses Hirsch an der Hauptstraße (heute pro-optik).
  • Herbert Stiefel war gehörlos, wurde Schneider und nach der Emigration Prominenten-Schneider am Broadway.
  • Josef Wetterhan führte ein Fachgeschäft für Hüte, Mützen, Stöcke und Schirme an der Hauptstraße (heute Gerry Weber).

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