Wohnanlage Wachenberg: Im Grünen und der Innenstadt ganz nahe

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Im September 1966 berichteten die WN, dass der Gemeinderat das neu geschaffene Stadtplanungsamt mit den Vorarbeiten zur Aufstellung eines Bebauungsplans für den Bereich Dietersklingen beauftragt habe, „um das Gelände endlich baureif zu machen”. Schon in der Vorkriegszeit hatten Grundstücksbesitzer in dem Hanggebiet östlich der Peterskirche auf Erschließung und Bebauung gehofft, womit man einen städtebaulichen Anschluss an die Bebauung entlang der neuen Wachenbergstraße schaffen konnte. Der Zweite Weltkrieg stoppte alle Überlegungen und erst, als die größten Nachkriegsprobleme bewältigt waren, erinnerte man sich der alten Bebauungswüunsche am Dietersklingenweg, der hinter der Kirche vom Mühlweg abzweigt, in einem großen Bogen den Alten Friedhof umgeht und bei der Friedhofskurve in die Wachenbergstraße mündet. 1955 wurde im damaligen Stadtbauamt eine Planskizze erarbeitet, die aber nicht zu einem Bebauungsplan führte.
Zeit war noch nicht reif
Hintergrund für das neu erwachte Planungsinteresse am Dietersklingen war wohl die Einstellung der Produktion in der Seifenfabrik Bechtold & Förster im Jahr 1954. Doch die Zeit für die Umwandlung von innerstädtischem, bislang industriell genutztem Gelände in zentrumsnahe Wohnbebauung war noch nicht reif. In den Räumen der einstigen Seifenfabrik fertigten nun die Columbia-Werke die „Flotte Lotte“, den Klassiker unter den handbetriebenen Passiermühlen, und aus dem Fabrikhof rollten die LKW der Spedition Hempel.
Großes Plangebiet
In dem Auftrag an die Heidelberger Architekten Hauss und Richter, sich Gedanken zu machen über Erschließungs- und Bebauungsmöglichkeiten im Gebiet Dietersklingen/Wolfsgasse, wurde 1970 der städtische Wunsch deutlich, die ungesunde Mischung von Wohnbebauung und Gewerbebereich am inzwischen verdolten Grundelbach zu sanieren. 1972 legte das Büro, das sich bereits mit der Bebauung von Wüstberg und Michelsgrund beschäftigt hatte, seine Vorstellungen dem Gemeinderat vor. Der städtebauliche Vorentwurf war ein großer Wurf: er erfasste nicht nur das Areal der einstigen Seifenfabrik, sondern das gesamte Gebiet zwischen Mühlweg und ehemaligem Steighaus am Lindenplatz (heute Parkplatz gegenüber der Ausfahrt Tiefgarage Dürreplatz auf die Grundelbachstraße) und ließ eine Erweiterung des Plangebiets auf die Gewanne Schlossberg, Platte und Spielberg am Windeck-Hang offen. Das seit langem bebaute Gebiet am Bach sollte, zusammen mit dem Gelände der ehemaligen Hildebrand’schen Mühle und der früheren Seifenfabrik, saniert und einer anderen, der Nähe zur Innenstadt besser entsprechenden Nutzung zugeführt werden.
700 Wohnungen möglich
Die Planung sah vor, den auszubauenden Dietersklingenweg als dritte Erschlie-ßungsstraße neben Grundelbachstraße und Wachenbergstraße zu nutzen, ihn aber nicht mehr vom Mühlweg abzuzweigen, sondern südlich der Peterskirche in einem Bogen um den Alten Friedhof zur Wachenbergstraße zu führen. Östlich der bestehenden Bebauung am Bach war eine Hangstraße geplant, die bei der Gaststätte „Zur Linde” (heute „Eulenspiegel”) in die Grundelbachstraße münden sollte. Im Bereich der Seifenfabrik und des Steighauses waren Einkaufszentren geplant. Die Schaffung von bis zu 700 Wohnungen für bis zu 2.500 Einwohner durch die Bebauung von Mühle und Seifenfabrik, durch Terrassenhäuser am Dietersklingen und Verdichtung entlang des Bachs hielten die Planer für möglich.
Der Technissche Ausschuss des Gemeinderats nahm die Vorstellungen der Heidelberger Architekten im Dezember 1972 interessiert zur Kenntnis, entschied sich aber im Blick auf die schwierigen Eigentumsverhältnisse an der Grundelbachstraße und den unterschiedlichen Zustand und Wert der Gebäude am Wachenberg-Fuß zur Zurückstellung eines das gesamte Gebiet umfassenden Bebauungsplans. Einzelne Projekte sollten aber möglich sein, wenn sie sich in das grundsätzlich begrüßte Konzept einfügen.
Wohnanlage Wachenberg
Die erste Reaktion auf diese Möglichkeit kam schnell. Als die Stadt das Gebiet zwischen Peterskirche und Wolfsgasse zum Sanierungsgebiet erklärte und das Programm „Neues Wohnen im alten Stadtteil” ankündigte, kaufte die Südwestfinanz, Bauträger-gesellschaft der Badischen Kommunalen Landesbank, das 9.000 qm große Gelände der früheren Seifenfabrik und kündigte den Neubau einer Wohnanlage mit 116 Wohneinheiten, Geschäften, Praxen und Büros und 118 Tiefgaragenplätzen an. Das erste Sanierungsprojekt im zentrumsnahen Bereich war geboren, weitere folgten im Müll, der Südstadt und der Nordstadt mit der Umwandlung von Industriegebieten in moderne Wohnanlagen.
Mit den 30.000 cbm Bauschutt, die beim Abbruch der alten Seifenfabrik übrigblieben, wurde in der Schindkaut das sogenannte Bewegungsbecken aufgefüllt, in dem sich während des „Dritten Reichs” das Quellwasser für das darunter liegende „Horst-Wessel-Bad” der Weinheimer SA vorerwärmte. Mit der Auffüllung erhielt die TuS Einheit 02 Weinheim die Möglichkeit zur Schaffung eines zweiten Platzes.
Die Wohnanlage Wachenberg, mit einem Finanzaufwand von 24 Millionen DM in dreijähriger Bauzeit entstanden, ist ein gutes Beispiel für die Aufwertung zentrumsnaher Bereiche geworden: im Grünen wohnen und der Innenstadt ganz nahe sein.
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