Vor 100 Jahren: Auch an den Festtagen eine gespaltene Gesellschaft

So feierten die Weinheimer Weihnachten 1920

Schneebedeckte Statue der Göttin Diana. Ende 1920.
Frostige Temperaturen Ende 1920. Der Schnee kleidete die damals beim Blauen Hut stehende Göttin Diana in ein weißes Jagdgewand gekleidet. Die Statue musste bei der Anlage eines Brandweihers zum Schutz der Altstadt 1944 ihren Platz räumen. Bild: WN-Archiv

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Natürlich wurde Weihnachten auch vor 100 Jahren zu Hause, im Kreis der Familie, gefeiert. Doch der Erste Weltkrieg und seine Folgen zeigten ihre Spuren auch und vor allem an diesen Tagen: das Bemühen vieler Familien, auch in Tagen der Not und des Mangels ihren Kindern eine wenn auch noch so kleine Freude zu bereiten, und zugleich das Bedürfnis der Kriegsgeneration, jahrelange Entbehrungen in fröhlicher, sorglos stimmender Gemeinsamkeit ein bisschen vergessen zu machen.

Dass der Weihnachtsbaum 1920 zwischen 15 und 20 Mark kostete, war in Familien mit einem Monatseinkommen von unter 200 Mark kein Thema: man konnte ihn sich schlichtweg nicht leisten und musste anderweitig für bescheidenen Weihnachtsschmuck sorgen. Aber auch die kleinen Freuden der Weihnacht waren oft nur schwer zu ermöglichen: ein neues Kleid für die Puppe oder neue Farben für den Schockelgaul. Da machte es schon ein wenig Hoffnung, dass Weinheims Pfarrer in ihren Gemeinden zu Spenden für arme Mitbürger aufriefen und die Vereine die Kinder ihrer Mitglieder beschenkten. Als dann noch Bärentreiber mit tanzenden Tieren durch die Stadt zogen, leuchteten alle Kinderaugen auf – Tierschutz hin oder her.

Solidarität im Verein

Die Vereine spielten im Alltag der Weinheimer vor allem als Ort zwischenmenschlicher Solidarität eine wichtige Rolle. Nach der 1812 als Lesegesellschaft gegründeten Casinogesellschaft hatten Weinheims älteste Vereine meist einen sportlichen oder einen musikalischen Hintergrund. Nach der Begeisterung über den Kriegsverlauf 1870/71 kamen Kriegervereine dazu und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden auch landsmannschaftliche, bildende und berufsbegleitende, sowie glaubensvertiefende Gemeinschaften gegründet. Die Gründungswelle setzte sich nach 1918 fort, erreichte aber nicht mehr ganz den Schwung der Vorkriegsjahre. 1914 gab es in Weinheim 100 Vereine, zu Beginn der Zwanziger Jahre waren es 132. 80 Prozent der Weinheimer waren Mitglied in einem Verein, 30 Prozent sogar in mehreren. Hier fand man gesellschaftlichen Anschluss und Anerkennung, lief aber auch Gefahr, sich auf der Suche nach Gleichgesinnten von Andersdenkenden abzugrenzen.

Ein Blick in den Anzeigenteil des „Weinheimer Anzeiger“ und auf die dort beworbenen weihnachtlichen Veranstaltungen macht die Vielfalt des Weinheimer Vereinslebens vor 100 Jahren deutlich, weist aber auch auf neue Formen des geselligen Beisammenseins hin: die „goldenen“ Zwanziger Jahre kündigten sich an mit Tanzeinladungen, auf die man sich „beim Molle-Rödel“, dem populären Tanzlehrer Konrad Moll, in Tanzkursen im „Schwarzen Adler“ vorbereiten konnte.

Traditionelle Formen

Historisches Gasthaus „Schwarze Adler“ bei der Petersbrücke.
Zu Weinheims historischen Gasthäusern zählt der „Schwarze Adler“ bei der Petersbrücke, 1666 erstmals erwähnt, bis 1945 als Gastwirtschaft betrieben. An der Alten Postgasse (links) war Raum für große Veranstaltungen.

In den Vereinen wurde Weihnachten meist in herkömmlicher Weise gefeiert. In den großen Sälen der Stadt, in der es noch keinen Saalbau am Hotel „Pfälzer Hof“ und auch noch keine Stadthalle gab, trafen sich die Vereinsmitglieder und ihre Angehörigen in weihnachtlicher Atmosphäre. Im „Schwarzen Adler“ bei der Petersbrücke, nicht weit davon in der „Eintracht“, im Saal beim „Grünen Laub“ an der unteren Hauptstraße, der später Kinosaal des Apollo wurde, im „Prinz Wilhelm“ am Bahnhof oder draußen im Müll bei Bienhaus, aber auch im „Schwarzen Ochsen“ in Sulzbach fanden „turnerische, gesangliche oder theatralische Aufführungen“ statt und überall gab es den Programmpunkt „Glückshafen“, eine populäre Verlosungsaktion. Nach den Darbietungen wurde getanzt.

Ärgerliche Lustbarkeitsseuer

Da gab es keine Unterschiede zwischen bürgerlichen und sozialistischen Vereinen, aber es gab auch Vereine, die Nichtmitgliedern den Zutritt zur Weihnachtsfeier ausdrücklich verwehrten. Und die neue, gerade vom Bürgerausschuss beschlossene Lustbarkeitssteuer, die auf jede Eintrittskarte erhoben wurde, ärgerte die Kassenwarte, denn sie schmälerte Einnahmen, die zur Finanzierung des Vereinsjahres dringend gebraucht wurden. Deshalb wohl war auch die Turngenossenschaft „Jahn“ 1878 nicht sonderlich begeistert, dass sie einen Teil ihrerr Eintrittserlöse an die Stadtkasse abführen musste, denn die Turner, Sänger und Laien-Schauspieler agierten zu Gunsten des Fonds zum Bau einer Turnhalle auf dem Jahnplatz.

Die Schlager einten

Neu im Kreis der Weihnachten mit ihren Mitgliederfamilien feiernden Vereine waren 1920 der eben erst gegründete Zither- und Mandolinenclub und der junge Lindenclub, der nahe dem Lindenplatz natürlich in der „Linde“ feierte. Er war wohl ein Vergnügungsverein wie es in den 1860-er Jahren der „Äpfelwein-Club“ oder der „Käsebrot-Club“ waren, aber auch wie der aktuelle Vergnügungsverein „Einigkeit“, die Gesellschaft „Gemütlichkeit“ oder die Tischgesellschaft „Rheinstraßia“, die wohl im wachsenden Freizeit- und Vergnügungsbereich entstanden waren. Die Rheinsträßler luden zum „weihnachtlichen Tanzkränzchen“ in die Sulzbacher „Krone“ ein, der „Lindenclub“ zum „humoristischen Konzert mit Tanz“.

 

Das ehemalige Hotel „Prinz Wilhelm“ am Hauptbahnhof.
Das Hotel „Prinz Wilhelm“ am Hauptbahnhof zählte zu Weinheims führenden Häusern, aus einem Gasthof hervorgegangen, 1870 zum Hotel erweitert und seit 1892 mit einer angebauten Konzerthalle. Heute hat das Polizeirevier Weinheim hier seinen Dienstsitz.

An den Weihnachtsfeiertagen selbst gab es eine Fülle von neuen Freizeitangeboten: „Varieté“ im „Goldenen Bock“, ein „Possen-Ensemble“ im „Goldenen Löwen“ oder „Tanz-Thee“ im „Pfälzer Hof“. Die Veranstaltungen wurden vielfach als „Amerikanisierung“ des Alltags kritisiert, sie waren aber auch geeignet, immer noch stark ausgeprägte Klassengegensätze zu überwinden, denn ihre Besucher sangen dieselben Schlager, die sie in den neuen Medien Kino und Radio kennenlernten. Ein wichtiges Argument für den Besuch des Silvesterballs war deshalb auch „garantiert erstklassige Schlager“.

Das Bedürfnis, Neues zu präsentieren und damit Fortschrittlichkeit zu beweisen, beschränkte sich allerdings nicht auf die Musik: auf den Waldspielplatz des TV 1862 Weinheim wurde am 2. Weihnachtsfeiertag zu einem Rugby-Werbespiel mit Teams aus Heidelberg und Worms eingeladen. Es kam allerdings nie zur Gründung einer Weinheimer Rugby-Mannschaft.

Im Alltag zurück

Drei Anzeigen holten die Leser des „Weinheimer Anzeiger“ wieder in den harten Alltag zurück: die Einladung des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen, Kriegsgefangenen und ehemaligen Kriegsteilnehmer zur Kinderbescherung im „Goldenen Schaf“ und des Zentralverbandes der Invaliden und Witwen Deutschlands zur Verteilung der den Mitgliedern zugedachten Gaben, dazu der Hinweis des Kommunalverbandes Weinheim, dass am 30. Dezember neben den Brot- und Mehlkarten für die Zeit vom 1. bis 15. Januar 1921 auch Karten für Kochmehl ausgegeben werden.

(2020, © www.wnoz.de)

 

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