Wolfgang Daffinger: Ein Leben für die Schwachen in der Gesellschaft

Portraitfoto Wolfgang Daffinger (1927-2013)
Wolfgang Daffinger (1927-2013)

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Sein Herz, das ein Leben lang für die Schwachen in unserer Gesellschaft schlug, hat aufgehört, für ihn selbst zu schlagen. In der Nacht zum 14. November 2013 ist Ehrenbürger Wolfgang Daffinger verstorben, kurz vor seinem 86. Geburtstag.

Es war ein ungewöhnlicher Lebensweg, der den Schlosslehrling vom Schraubstock in der Lehrwerkstatt Freudenberg auf den Bürgermeistersessel im Schloss führte. Und es war der mit den höchsten Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland anerkannte Lebensweg eines Politikers, der ihn auf landes- und kommunalpolitischer Bühne zu einer Ausnahmeerscheinung machte, 34 Jahre lang, von 1962 bis 1996, gehörte Daffinger dem Landtag von Baden-Württemberg an, so lange wie kaum ein anderer Abgeordneter.

40 Jahre diente er in den Kreistagen des alten Landkreises Mannheim und des heutigen Rhein-Neckar-Kreises den Menschen in der Metropolregion. 29 Jahre lang war er Mitglied des Gemeinderats seiner Heimatstadt Weinheim und davon 20 Jahre lang Sprecher der SPD-Fraktion, die mit ihm und im Sog seiner außergewöhnlichen Popularität zur stärksten politischen Kraft im Rathaus wurde.

Acht Jahre, von 1982 bis 1990, war Wolfgang Daffinger Erster Bürgermeister und Sozialdezernent in der Stadtverwaltung in den schwierigen Jahren der Asylbewerber-Unterbringung. Auch für die Fremden hat er sich eingesetzt, wenn er ihren Anspruch auf Asyl erkannte, denn auch sie gehörten zu den Schwachen in der Gesellschaft, denen Wolfgang Daffinger seine politische Arbeit und sein menschliches Engagement widmete wie den Behinderten, psychisch Kranken und den Alten. Dass er gerade von ihnen und ihren Angehörigen immer wieder und bis in die jüngste Zeit Dankesadressen empfangen durfte, freute ihn besonders, weil er darin den Lohn seiner unspektakulären, aber letztlich wirksamen Sozialpolitik sah, weil sie sein lebenslanges Engagement für Toleranz, Verständigung und Frieden bestätigten.

Ein echter Volksvertreter

Wolfgang Daffinger mit Willy Brandt und dem baden-württembergischen Innenminister Walter Krause
Fünfmal kam Willy Brandt nach Weinheim, um Wolfgang Daffinger im Wahlkampf zu unterstützen. Rechts der baden-württembergische Innenminister Walter Krause. Bild: WN-Archiv/Kopetzky

Der Bürger, der keine Lobby hat, stand stets im Mittelpunkt des Denkens und Wirkens von Wolfgang Daffinger, der noch im Ruhestand und sogar noch in den schwierigen Jahren seiner Blindheit ein Volksvertreter geblieben ist. Mittelpunkt und Kraftquell war im allzeit seine Heimatstadt Weinheim, die „Hinnergass”, wo er aufwuchs, und die Zeppelinstraße, wo der Vater 1937 unter großen Schwierigkeiten der Familie ein Heim schuf.

Der Landes- und Kommunalpolitiker, Bürgermeister und langjährige DGB-Vorsitzende (1956-1981) hat sich stets zu seinen Wurzeln bekannt: „Ich komme vom Schraubstock bei Freudenberg”. Jeder sei arm, der seine Herkunft verleugnet, aus welchen Gründen auch immer, meinte er. Das machte ihn auch seinen prominenten Gästen sympathisch. Fünfmal kam Willy Brandt nach Weinheim, Günter Grass stand Wolfgang Daffinger im Landtagswahlkampf zur Seite wie Herbert Wehner, Carlo Schmid, Franz Müntefering und Erhard Eppler, Sie schätzten den Genossen als „ehrliche Haut”, als einen, der aus seiner Meinung auch keinen Hehl machte, wenn sie der offiziellen Linie zuwiderlief.

Viele Auszeichnungen hat Wolfgang Daffinger erhalten. So ehrte ihn Weinheims israelische Partnerstadt Ramat Gan für seine Verdienste um den Schüleraustausch mit seiner Heimatstadt, Weinheims südfranzösische Partnerstadt Cavaillon ernannte ihn zum „Melonenritter” und die ungarische Stadt Pécs verlieh ihm, zusammen mit seinem Sohn Jochen, die Bürgermedaille für die Unterstützung der beruflichen Bildung und den Einsatz gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Wolfgang Daffinger und Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser.
In der Ära Daffinger wurde die Siedler-Kerwe zum zweitgrößten Volksfest in Weinheim. Alljährlich wurde dabei ein Ehrensiedler gekürt. Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser (rechts) zählte dazu. Bild: WN-Archiv/Pfrang

Wolfgang Daffinger ist ein Stück Weinheimer Nachkriegsgeschichte. Die stärksten Spuren hat er in der Weststadt hinterlassen: in der Siedlergemeinschaft, die ihn dankbar zum Ehrenvorsitzenden ernannte, in der Arbeitsgemeinschaft der Weststadt-Vereine, für die und mit der er das Rolf-Engelbrecht-Haus politisch durchsetzter, in der Kuhweid-Siedlung, die mit 156 Häusern am Friedrich-Ebert-Ring zur größten Wohnsiedlung Weinheims in der Nachkriegszeit werden konnte.

Ein Leben lang hat Wolfgang Daffinger gegen Ungerechtigkeit und Benachteiligung gekämpft, den Kampf um seine Selbständigkeit hat er im gesundheitlich stark belasteten Alter beispielhaft angenommen, den letzten Kampf hat er verloren. In der Erinnerung wird auch ein Rat bleiben, der vielen Menschen eine Hilfe war, wenn sie Probleme hatten und in Not geraten waren: „Do muscht zum Daffinger geh”. Wolfgang Daffinger half, wo und so gut er konnte.

©www.wnoz.de, 2013

 

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