Zar Alexander I. verschmähte das Festmahl

Zar Alexander I. Pawlowitsch. Portraitgemälde von Franz Krüger
Zar Alexander I. Pawlowitsch. Portraitgemälde von Franz Krüger. Quelle: wikipedia commons

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Das Festmahl im „Badischen Hof” war angerichtet, doch die Kutsche des Zaren hielt bei der Petersbrücke nur kurz zum Pferdewechsel an. Dann rollte sie weiter über den Steinweg, den Marktplatz hinauf zum Obertor und den Prankel hinunter zur Fernstraße nach Heidelberg und Karlsruhe – die heutige Bergstraße war ja noch nicht gebaut. Der einzige Weinheim-Besuch eines russischen Kaisers fand vor 200 Jahren statt: Ende November 1818.

Zar Alexander I. Pawlowitsch aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp, Kaiser von Russland, König von Polen, erster russischer Großfürst von Finnland und Herr von Jever, kam von Aachener Kongress der Monarchen von Russland, Österreich und Preußen, die in der „Heiligen Allianz” verbündet hatten. In Aachen hatten sie über unterdrückende Maßnahmen gegen bürgerliche und nationale Bestrebungen in Europa beraten.

Alexanders Tagesziel war Karlsruhe. Der Zar wollte seinen Schwager besuchen, den todkranken Großherzog Karl Friedrich, und seine Ehefrau treffen, Elisabeth Alexejewna. Sie war eine der beiden badischen Prinzessinnen, die Alexanders Großmutter Katharina II. 1792 „zur Ansicht” nach St. Petersburg hatte kommen lassen, um frühzeitig dynastische Zukunftsfragen zu klären. Großfürst Alexander war 15 Jahre alt, als er 1793 mit der 14-jährigen Prinzessin Louise von Baden vermählt wurde. Die Zarin lebte inzwischen, Alexanders Fehltritten leid, bei ihrer Mutter, Markgräfin Amalie, in Bruchsal, war aber weiter freundschaftlich mit ihrem Mann verbunden, der wohl auf dieser Reise um Versöhnung bemüht war. Das scheint ihm gelungen zu sein, denn die Zarin kehrte nach St. Petersburg zurück und blieb.

Aber Alexander kam auch zur Berichterstattung nach Baden. Markgräfin Amalie, „Schwiegermutter Europas” genannt, hatte ihrem Schwiegersohn den Auftrag mit nach Aachen gegeben, sich im Kreis der Monarchen dafür einzusetzen, dass der Streit über die rechtsrheinische Pfalz, die Kurpfalz, zu Gunsten Badens entschieden wird

„Retter Badens”

Der Kongress entschied dann auch, dass das von Napoleon geschaffene Großherzogtum Baden erhalten bleibt. Dafür wurde Zar Alexander auf seinem Weg nach Karlsruhe an der badischen Grenze bei Laudenbach als „Retter Badens” gefeiert. Der Unterrheinkreis, zu dem der Amtsbezirk Weinheim gehörte, hatte eine Ehrenpforte aus Buchs errichten lassen, mit einem „A” und dem lateinischn Gruß „salve“ aus Blumen, die Laudenbacher Musikkapelle spielte bei der Ankunft des Zaren, an der Straße standen winkende Menschen und die Wirtshäuser waren überfüllt.

Böller von der Windeck

Auch Weinheim, seit 1803 Bezirksamtsstadt mit inzwischen 4.500 Einwohnern, hatte sich auf den kaiserlichen Besuch vorbereitet. Als Abgesandte des badischen Hofs erwartete Oberstallmeister von Gensau den hohen Gast, zusammen mit dem Direktor und den Beamten der Kreisdirektion des Unterrheinkreises, dem neuen Weinheimer Bürgermeister Johann Gottlie Leisering und den Stadträten. Aus Neckarhausen war ein Kanonier abkommandiert, der beim Eintreffen des Zaren Böller von der Windeck schießen sollte, Flambeaus und Pechfackeln warteten am Straßenrand auf ihre Entzündung und eine Abteilung badischer Dragoner stand bereit, die Eskorte des Zaren zu verstärken. 16 Musiker aus dem Orchester des Mannheimer Nationaltheaters sollten den Gast musikalisch willkommen heißen und nach der Begrüßung sollte im „Badischen Hof” (Hauptstraße 4 bei der Eisernen Petersbrücke) ein Festmahl stattfinden.

Wahrhaft kaiserliches Essen

Das Festmahl fand am Nachmittag ohne den Zaren statt, denn Alexander stoppte bei der Petersbrücke nur zum Pferdewechsel und unterhielt sich derweilen aus der Kutsche heraus mit den Honoratioren. Auf das „wahrhaft kaiserliche Essen” (Zeitbericht) verzichtete der Napoleon-Bezwinger und „rollte langsam durch die Stadt, von der Spalier bildenden Menschenmasse herzlich mit Hurra- und Viva-Rufen begrüßt”, wie es Josef Seldner, damals Rechtspraktikant beim Bezirksamt Weinheim, später großherzoglich badischer und fürstlich leiningischer Amtmann in Eberbach, als Teilnehmer niedergeschrieben hat.

Die Weinheimer Honoratioren ließen das für den Zaren vorbereitete Festmahl nicht verkommen, die Bürger feierten den besonderen Tag bis spät in die Nacht, die Windeck wurde von fünf Feuern beleuchtet und auf dem Marktplatz spielten die Mannheimer Theatermusiker zum Tanz auf, „wobei wir das hiesige schöne Geschlecht herbeiholten”, wie es Seldner formulierte. (2018)

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