Zweite Bürgermeisterstelle: seit 100 Jahren Doppelspitze im Rathaus

Portraitfoto Dr. Friedrich Meiser
Dr. Friedrich Meiser

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

 

Nach der Hauptsatzung der Stadt Weinheim, dem wichtigsten Regelwerk für die Verwaltung der Stadt, „bestellt der Gemeinderat zur ständigen allgemeinen Stellvertretung des Oberbürgermeisters einen hauptamtlichen Beigeordneten“. Er wird für eine achtjährige Amtszeit gewählt und trägt die Amtsbezeichnung „Erster Bürgermeister“. Diesen Auftrag erledigte der Gemeinderat zuletzt 2023 mit der Wahl von Andreas Buske zum Amtsnachfolger von Dr. Thorsten Fetzner. Buske ist der siebte Kommunalpolitiker, der in dieses Amt gewählt wurde, das der Bürgerausschuss am 27. Juni 1923, geschaffen hat. Mit 48:19 Stimmen entsprach damals das als „Vertretung der Bürgerschaft“ bezeichnete Gremium der Empfehlung des Gemeinderats, die Gemeindesatzung entsprechend zu ändern. Eine seltsame Allianz von Bürgerlichen und Kommunisten schuf die neue Stelle, die mit wachsenden Verwaltungsaufgaben begründet wurde.

Die SPD-Fraktion wollte diese Aufgaben lieber einem besoldeten Stadtrat übertragen. Mitten in der Hyper-Inflation spielte natürlich das Gehalt für den neuen hauptamtlichen Beigeordneten eine wichtige Rolle. Durch den Rücktritt des Leiters des Kommunalverbandes, dessen Aufgaben der zweite Bürgermeister übernehmen sollte, sei die Stelle zu finanzieren, argumentierten die Befürworter.

Die Wahlentscheidung über den 2. Bürgermeister zog sich bis zum Jahresende 1923 hin. Der erste Wahlgang fand am 26. September unter Leitung des bisherigen ehrenamtlichen Bürgermeister-Stellvertreters Karl Zinkgräf statt. Um das neue Amt bewarben sich der aus Weinheim stammende Volkswirt Dr. Friedrich Meiser, zuletzt Geschäftsführer der Deutschen Volkspartei, der Friedrichsfelder Bürgermeister Ernst Becherer (SPD), der Karlsruher
Stadtbaurat Dr. Dommer und Rechtsanwalt Beck (Alzey). Von den 77 Mitgliedern des Bürgerausschusses stimmten 30 für Dr. Meiser ab, 18 Stimmen entfielen auf Becherer, 12 auf Dr. Dommer, 9 auf Beck. Acht Stimmzettel waren ungültig.

Da keiner der Bewerber die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht hatte, wurde am 22. Oktober eine Stichwahl notwendig. Dabei erhielten Dr. Meiser 43 Stimmen, Becherer 27 Stimmen. Gegen die Wahl legte die SPD-Gemeinderats-Fraktion Einspruch ein und verlangte, sie für ungültig zu erklären, mit der Begründung, die Wahlkommission habe das Wahllokal bereits vor Beendigung der Wahlhandlung verlassen. Der Bezirksrat anerkannte das am 15. November als Formfehler und erklärte die Wahl für ungültig. Die Wahlwiederholung fand am 30. November statt und machte Dr. Meiser ohne Gegenkandidaten mit 48 Stimmen eines Wahlbündnisses um den im Gemeinderat dominierenden Gemeindebürgerverein endgültig zum 2. Bürgermeister. Deutsche Demokratische Partei (DDP), SPD und KPD enthielten sich der Stimme.
Schon vor der Wahl hatte sich Friedrich Meiser mit seiner Doktorarbeit „Die Weinheimer Allmend und die Melloration der Weschnitz-Niederung“ für die Weinheimer Kommunalpolitik qualifiziert, die sich zu Beginn der 1920-er Jahre leidenschaftlich mit der Verbesserung der Böden im Bereich der heutigen Bauernsiedlungen Weid und Bertleinsbrücke beschäftigte. Auch in seinen 30 Amtsjahren war Dr. Meiser als Vorsitzender, Vorstands- und Beiratsmitglied bei der Baugenossenschaft, der AOK, der Obst- und Gemüse-Absatzgenosseschaft oder beim Verkehrsverein dem Weinheimer Alltagsthemen sehr nahe, vor allem aber als Vorsitzender des Stadtausschusses für Leibesübungen und natürlich als Vorsitzender des größten Stadtvereins, des Turnvereins und der heutigen TSG 1862 Weinheim. Der Erwerb der Gebäude des ehemaligen Bender’schen Instituts, der Neubau des wettkampfgerechten Turnerbads 1936, die Schaffung der Freizeitsportanlage „Lindenhof“ in Rohrbach und der TSG-Beitrag zum Sportstättenbau an der Naturin sind eng mit seinem Namen verbunden. Der Gemeinderat würdigte Meisers verdienstvolle Arbeit mit der Verleihung der Bürgermedaille in Gold. Die 1962 zu Richard Freudenbergs 70. Geburtstag gestiftete, damals noch in drei Stufen verliehene zweithöchste Stadtehrung empfing Dr. Meiser als zweiter Weinheimer.

Dr. Friedrich Meiser (1896-1969) amtierte von 1923 bis 1945 und von 1951 bis 1962. Nach Kriegsende hatten die Amerikaner den Wehrmachts-Major aus Kriegsgefangenschaft und den Bürgermeister aus städtischen Diensten entlassen – direkt zum Straßenbau auf Weinheims beschädigten Straßen. 1951 zog Dr. Meiser mit der neuen Parteilosen Wählervereinigung (PWV) in den Gemeinderat ein und wurde 1952 wieder in sein altes Amt als Bürgermeister gewählt. Die nach dem Rücktritt von Oberbürgermeister Huegel 1938 erwartete Ernennung zum OB scheiterte an der NSDAP, bei der OB-Wahl 1953 verlor er gegen Rolf Engelbrecht. Dr. Meiser verstarb 1969 im Alter von 72 Jahren.

Die Nachfolger

Nach Kriegsende stellte die US-Militärregierung die unbelasteten früheren Kommunalpolitiker Franz Brummer, Ludwig Bohrmann, Leonhard Seib und Adam Römer dem von ihr eingesetzten Bürgermeistern Richard Freudenberg und Wilhelm Brück als Beigeordnete zur Seite. Am 27. Januar 1946 wurde der erste Nachkriegs-Gemeinderat gewählt. Er bestellte Stadtrat Ludwig Bohrmann zum stellvertretenden Bürgermeister. Der Sozialdemokrat Bohrmann (1895-1952), bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten Geschäftsführer des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten in Weinheim, leitete in der unmittelbaren Nachkriegszeit zwei wichtige Ämter: das Wohnungsamt und das Wohlfahrtsamt. Bürgermeister Bohrmann starb 1952 mit 57 Jahren.

Amtsnachfolger von Ludwig Bohrmann wurde 1952 Rückkehrer Dr. Meiser und ihm folgte 1962 der Vorsitzende der SPD-Gemeinderatsfraktion, Rektor Hermann Reibel (1917-2006). Er trug als Erster die Amtsbezeichnung Erster Bürgermeister. Seine Amtszeit dauerte von 1962 bis 1982. Zwischen dem überraschenden Tod von Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht und dem Amtsantritt von Oberbürgermeister Theo Gießelmann leitete Reibel die Stadtverwaltung.

Reibels Amtsnachfolger wurde der Vorsitzende der SPD-Gemeinderatsfraktion und langjährige Landtagsabgeordnete Wolgang Daffinger (1927-2013). Den Wunsch, bis zum Erreichen der Altersgrenze Erster Bürgermeister zu bleiben, versagte ihm eine 25:21-Stimmenmehrheit im Gemeinderat, die 1989 den bisherigen Stadtkämmerer Rudi Glock (1938-2023) zum neuen „Ersten” wählte. Der langjährige Schatzmeister des Handball-Weltverbandes schied 2003 auf eigenen Wunsch vorzeitig aus dem Amt, das vom Technischen Bürgermeister Dr. Wolfgang Androsch (Jahrgang 1940) mitbetreut wurde. Die 3. Bürgermeisterstelle war 1970 geschaffen und zuerst mit dem Leiter des Tiefbauamtes, Heinrich Brokhausen (1912-1979), besetzt worden. 2003 wurde das Dezernat „eingespart”. Dr. Androsch wurde damit Erster Bürgermeister. 2005 folgte ihm Dr. Thorsten Fetzner (Jahrgang 1959) und er wurde 2023 von Andreas Buske abgelöst.

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