Von Adenauer bis Scholz: fünf Bundeskanzler in Weinheim

von Heinz Keller
Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.
Es ist ja nicht so, dass prominente Politiker nicht nach Weinheim kämen. Bundespräsidenten, Bundestagspräsidenten, Bundesminister, Minis-terpräsidenten: in großer Anzahl hatten sie seit der Bildung der Bundesreplik 1949 einen Anlass, Weinheim zu besuchen. Meist führten sie Wahlveranstaltungen in die Zeiburgen-stadt. Oder Geburtstage von Weinheimer Prominenten: Altbundespräsident Theodor Heuss kam 1962 zum 70. Geburtstag von Richard Freudenberg und erinnerte in launigen Gratulationsworten an die gemeinsame Zeit in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Oder der damals amtierende Bundespräsident Gustav Heinemann, der in der Fuchs’schen Mühle Pfarrer Adolf Freudenberg zum 80. Geburtstag gratulierte.
Aber amtierende Bundeskanzler wie Olaf Scholz? Sein Besuch bei Carl Freudenberg im November 2024 war die fünfte Gelegenheit, einen amtierenden Bundeskanzler in Weinheim zu begrüßen. Vor ihm hatten gute Bonn-Kontakte aus den großen Volksparteien CDU und SPD vier Kanzlerbesuche in Weinheim ermöglicht.

1957 wurden der nördlichste Wahlkreis Baden-Württembergs, Mannheim-Land, und der benachbarte südhessische Wahlkreis Bergstraße im Deutschen Bundestag von Bundesministern des dritten Kabinetts Adenauer vertreten: Bundesschatzminister Hermann Lindrath und Bundesaußenminister Heinrich von Brentano. Sie waren dem Wahlvolk an der Bergstraße und im Odenwald eng verbunden und begleiteten Konrad Adenauer bei seinem Wahlkampfauftritt am 22. August 1957 in der Weinheimer Obstgroßmarkthalle. Sie war hoffnungslos überfüllt, als „der Alte von Rhöndorf“ auch in Weinheim mit den Erfolgen seiner Regierungsarbeit (Rentenreform und Beitritt des Saarlandes zur Bundespublik) für eine weitere Amtszeit warb. Der CDU-Wahlslogan „Keine Experimente”, dem Wahlprogramm der Deutschen Zentrumspartei für die Reichstagswahl 1932 entliehen, ist bis heute mit der Bundestagswahl von 1957 verbunden und mit dem besten Wahlergebnis einer Partei bei der Bundestags-wahl. Die CDU/CSU errang 50,2 der Stimmen und 53 Prozent der Mandate. Natürlich behielten Dr. Lindrath und Dr. von Brentano ihre Bundestagssitze.
Im Bundestagswahlkampf 1969 warb die CDU mit dem Slogan: „Auf diesen Kanzler kommt es an!”. Damit meinte sie Kurt-Georg Kiesinger, der nach dem Auseinanderbrechen der CDU/FDP-Koalition unter Bundeskanzler Ludwig Erhard am 1. Dezember 1966 zum ersten Kanzler einer Großen Koalition gewählt worden war. Im Herbst 1969 kämpfte Kiesinger auch in der Weinheimer Stadthalle um den Fortbestand seiner Koalition. Die CDU erhielt zwar die meisten Wählerstimmen, doch noch in der Wahlnacht vereinbarten SPD und FDP die Bildung einer sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt. Fast genau dem Bundesergebnis entsprach im neu gebildeten Wahlkreis Mannheim II (Nordbezirk des Landkreises um Weinheim plus 14 Mannheimer Stadtteile) das Ergebnis für den SPD-Kandidaten Professor Dr. Hans Georg Schachtschabel, der bis 1988 stets das Direktmandat errang.

Der dritte Kanzlerbesuch in Weinheim ging der „Willy-Wahl” am 19. November 1972 voraus. In Bonn hatte die sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt durch Fraktionswechsel von je vier Abgeordneten aus SPD und FDP ihre Mehrheit im Parlament verloren. Zwar war im April das Misstrauensvotum gegen Brandt gescheitert, doch die Koalition hatte keine handlungsfähige Mehrheit mehr. Bundespräsident Gustav Heinemann löste den Bundestag auf. Neuwahlen waren die Folge. Am Ende eines emotionalen Wahlkampfes über Bestätigung oder Ablehnung der Ostpolitik machten 45,9 Prozent der Wähler bei der SPD ihr Kreuzchen, 44,9 Prozent bei der Union.

Bundeskanzler Willy Brandt rechtfertigte seine politischen Ziele vor einer riesigen Zuhörermenge auf dem Marktplatz, wo die Menschen dicht gedrängt und bis in die Seitenstraßen hinein standen Die Sympathiewelle, die den Kanzler bei seinen Wahlveranstaltungen bundesweit umgab, war auch in Weinheim zu spüren. Mit 91,9 Prozent Wahlbeteiligung erreichte die Willy-Wahl einen nie mehr erzielten Höchststand.

Auf Willy Brandt und Helmut Schmidt folgte von 1982 bis 1998 Helmut Kohl. Als Oppositionsführer hatte er die Weinheimer Stadthalle bei Wahlveranstaltungen stets gefüllt. Als Kanzler kam er am 18. Oktober 1986 nach Weinheim. Nach einem Besuch in Heidelberg, wo er am Festakt zur 600-Jahr-Feier der Ruprecht-Karls-Universität teilgenommen hatte, sprach Kohl auf der Wachenburg beim 34. Delegiertentag des Deutschen Feuerwehrverbandes. „Es wird immer nur gegen etwas demonstriert. Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um für Sie zu demonstrieren” brachte Kohl seine Verbundenheit mit den 1,1 Millionen Menschen zum Ausdruck, die damals in den Freiwilligen Feuerwehren ihren Dienst verrichteten. Zuvor hatte sich Helmut Kohl mit Oberbürgermeister Uwe Kleefoot getroffen, der ihm vor Kohls Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Weinheim als Geschenk den „Weinheimer Wortschatz” von Dr. Heinz Schmitt und eine Kiste Weinheimer Wein überreichte.