Zerstörerisches Hochwasser zum Jahreswechsel 1947/48

von Heinz Keller

Alle Beiträge in diesem Zeitungsarchiv sind erstmals in den Weinheimer Nachrichten erschienen. Die Veröffentlichung auf der Internetseite des Weinheimer Museums erfolgt mit der Zustimmung der DiesbachMedien GmbH.

Der Jahreswechsel 1947/48 brachte Weinheim eine Naturkatastrophe: an zwei Stellen war der Damm der Neuen Weschnitz gebrochen und auch vom Damm der Alten Weschnitz wurde eine Bruchstelle gemeldet. 250 Hektar Ackerland wurden überflutet.
Was war geschehen? Untersuchungen des Geographischen Instituts der Universität Bonn zum Neckar-Hochwasser, in Heidelberg mit sieben Metern über dem Normalpegel das größte Hochwasser seit 100 Jahren, kamen zu dem Ergebnis: „Nach einem außergewöhnlich trockenen Frühjahr und Sommer 19477 brachten die Monate November und Dezember so hohe Niederschläge, dass in Südwestdeutschland die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge fast erreicht wurde. In der zweiten Dezember-Hälfte, vor allem kurz vor Weihnachten und zwischen 27. und 29. Dezember 1947, kam es zu kräftigen und langanhaltenden Regen-fällen, dass das gesamte Main- und Neckargebiet von einer Hochwasser-Katastrophe betroffen wurde”.

Die Kombination von Schneeschmelze und starken Regenfällen veränderte auch die sonst so ruhige Weschnitz. Sie verwandelte sich in einen reißenden Strom, tobte ungestüm durch ihr Bett und richtete in verhältnismäßig kurzer Zeit gewaltige Schäden an. In Weinheim erreichte sie zwar nicht den Hochwasserstand von 1909, dennoch konnten die Alte und die Neue Weschnitz im Westen der Stadt die aus dem Odenwald ankommenden Wassermassen bald nicht mehr aufnehmen und ableiten.

Drei Dammbrüche

Drei schwere Dammbrüche auf Weinheimer Gemarkung waren die Folge. Der erste ereignete sich am 29. Dezember gegen 4 Uhr an der Neuen Weschnitz im Gewann Lehwiesen nahe Hüttenfeld. „Das Wasser strömte in den Raum zwischen den Dämmen der beiden Weschnitzarme und füllte den acht Kilometer langen und 250 Meter breitern Schlauch bis zur Wiedervereinigung der beiden Kanäle auf Höhe der Stadt Lorsch langsam auf”, heißt es in einem Bericht des Wasserwirtschaftsamtes Heidelberg.

Um die gleiche Zeit hat sich wohl ein zweiter Dammbruch an der Neuen Weschnitz ereignet, der allerdings erst später festgestellt wurde. Auch er lag auf Weinheimer Gemarkung, war aber mit 30 Metern Länge gegenüber den 50 Metern der ersten Bruchstelle die kleinere Schadensstelle.

Der dritte Dammbruch bildete sich am Westdamm der Alten Weschnitz, kurz vor der Landesgrenze beim Rennhof. Diese Bruchstelle war 60 Meter lang. Das Wasser ergoss sich über die Landgraben-Senke und überflutete das gesamte Gelände westlich der Alten Weschnitz bis nach Lorsch.

Die Reparaturarbeiten an den beiden Dämmen erforderten einen Gesamtaufwand von fast 100.000 Reichsmark.

Kritische Nachtstunden

Auch innerstädtisch, in der Alten Postgasse und in der Werderstraße, war die Hochwasserlage in der Nacht zum 29. Dezember 1947 kritisch. Die Weinheimer Wasserwehr und die Wehren des in der Obstmarkthalle (heute Denns Biomarkt) untergebrachten Weinheim Medical Depot der US-Army – es versorgte alle amerikanischen Krankenhäuser und Truppenärzte in der US-Zone mit Medikamenten und medizinischem Gerät – hatten alle Hände voll zu tun, um der entfesselten Naturgewalten Herr zu werden.

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